Wem gehört der Feminismus? Auf der Suche nach Frauensolidarität seziert Gertraud Klemm in ihrem neuen Roman das, was vom Feminismus übriggeblieben ist. Solange wir uns wie Einzeller gebärden, wird das nie etwas mit der Geschlechtergerechtigkeit.
In Simone Hebenstreits neuer WG versammeln sich fünf Frauen aus verschiedenen Generationen, mit verschiedenen Ansichten. Was sie eint, ist ihr Widerstand gegen den drohenden Rechtsruck. Wahlen stehen an, und diesmal werden Herdprämien, Müttergeld und Abtreibungsverbote versprochen. In einem Reality- TV-Format diskutieren die Frauen öffentlich ihre Positionen, und bald zeigen sich die Bruchlinien zwischen ihnen und ihren feministischen Vorstellungen von Religion, Gender-Identität und Sexarbeit: Während sie einander vor laufender Kamera zerfleischen, nimmt die politische Wende ihren Lauf.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Juti
aus HD
5/5
17.11.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Grandiose Satire auf den…
Grandiose Satire auf den Feminismus Im Lesenswert-Quartett war Insa Wilke die einzige, die Bedenken äußerte. Und ich kann das zwar durchaus verstehen, weil das Buch die Bewegung des Feminismus in ein schlechtes LIcht stellt, doch teile ich ihre Meinung nicht. Vor allem Simone wird der Spiegel vorgehalten. Sie kämpft für die Rechte der Frauen, aber hat Probleme mit Transfrauen. Außerdem sieht sie nicht, dass der schönen und jungen Lilly die Herzen zufliegen. So reduziert sich der Wunsch nach Gleichbehandlung von Frauen und Männern dann nur auf ihren schönen Brüste. Die beiden anderen Frauen in der WG Bienenstock spielen allenfalls eine Nebenrolle. Nicht nur der Feminismus, auch die Mediengesellschaft wird durch das Format Big-Sister aufs Korn genommen. Und immer wieder wird auch der soziale Aspekt des unterschiedlichen Verdienstes angesprochen und das Christentum als Männerreligion kritisiert. Mir gefällt besonders gut, der Perspektivwechsel zwischen Simone und Lilly. Das letztere am Ende noch schwanger wird, musste meines Erachtens nicht sein, aber bitte. Dennoch 5 Sterne. Zitate: Lilly hat den Aufnahmetermin falsch notiert und ist in das Shooting geplatzt, mit einem tief ausgeschnittenen Shirt, ohne BH. Der Kameramann, ein flachsiger Tiroler mit tiefen Augenringen und Wollhaube, richtet sein Objektiv ab da lieber auf Lillys sich magisch unter dem Shirt bewegenden Brüste als auf Simone und ihre Feministinnen. (120) Was kann Lilly dafür, dass sie so ist, wie sie ist? Dass sie keinen BH getragen hat an diesem Tag? In ihrem Alter und mit ihren Brüsten passiert so was eben. Ist es nicht feministisch, seinem Busen mal einen Tag frei zu geben? Bis jetzt ist das niemanden, den sie kennt, aufgefallen. Nur ein paar geilen Männern und verbissenen Feministinnen, die sich jetzt die Finger darüber wundposten, dass sie sich sexuell in Szene gesetzt habe. (143)
Kaffeeelse
5/5
23.06.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Einigkeit
Gertraud Klemm hat mich mit ihrem Buch erreicht, begeistert und in Ovationen ausbrechen lassen. Denn Gertraud Klemm betrachtet hier eine Thematik, die auch mich schon seit Jahren beschäftigt, die mich sehr wütend macht. Und dies hier in einem Buch vereint zu finden, stimmt mich hoffnungsvoll, denn vielleicht zieht ja doch noch der Geist der Veränderung in ein wichtiges Thema ein, vielleicht kratzt der Geist der Einigkeit schlussendlich am Patriarchat. Wichtig wäre es! Und auch notwendig!
In Simone Hebenstreits neuer WG versammeln sich fünf Frauen aus verschiedenen Generationen, mit verschiedenen Ansichten, mit einer unterschiedlichen Sozialisation. Und diese Frauen machen genau das, was wir Frauen untereinander tun. Sie erschnüffeln ihre Unterschiede und machen den Feind unter sich aus, zerfleischen sich gegenseitig. Und wer zieht schlussendlich einen Nutzen aus diesem Verhalten? Das übermächtige Patriarchat. Dies sollte uns endlich klar werden! Denn dieses Patriarchat handelt durchaus klug und mit immenser Kraft. Ein Patriarchat, welches versteckt agiert, über die Medien und über die Politik, ein Patriarchat, welches uns Frauen in seine Ansichten und Vorstellungen einspannt. Ein Patriarchat, welches schon lange gelernt hat, unsere eigenen Fehler für sich effektiv zu nutzen. Und dies sollte uns klar werden. Und die Autorin Gertraud Klemm führt diese Thematik schlau konstruiert der Leserschaft in ihrem neuen Roman „Einzeller“ vor und lässt die Leserschaft nachdenklich werden. Nachdenklich und wütend! Wütend darüber, dass dies so einfach funktioniert und wir dies so einfach geschehen lassen. Denn dieses Patriarchat, welches uns schon seit Jahren eine gewisse Gleichstellung vorgaukelt, agiert klug und hinterhältig. Denn wir sind noch weit von einer völligen Gleichstellung zwischen Männern und Frauen entfernt und die reaktionären Kräfte in unserer patriarchalen Welt werden ihr Möglichstes tun, um uns an dieser vollkommenen Gleichstellung zu hindern. Diese reaktionären Kräfte sprechen von einer gefährlichen Wokeness, welche aber eigentlich nur eine Form von Menschlichkeit ist, welche alte Strukturen einreißt und an diesem alles beherrschenden Patriarchat kratzt. Und genau dieses Kratzen macht diesem Patriarchat Angst und dann wehrt es sich, dann schlägt es zu! Und genau das sollte uns Frauen klar sein! Genau das sollte uns klar machen, dass nur ein völliger Zusammenhalt unter uns Frauen, der Hälfte der Bevölkerung, eine Macht darstellt, die dieses Patriarchat endlich aushöhlt und hoffentlich zum Fallen bringt. Denn dieses die Frauen gegeneinander aufhetzen, macht mich wütend! Und dass wir Frauen dies zulassen, macht mich noch wütender. In dem Roman und auch in der Realität!
Ich wünsche Gertraud Klemms neuem Roman eine riesengroße Leserschaft, ich wünsche dem Roman „Einzeller“ eine dritte, vierte … zehnte Auflage und ich wünsche mir, dass endlich ein Umdenken passiert und wir Frauen endlich geeint auftreten und diesem alles beherrschenden Patriarchat den Kampf ansagen!
Bella Ciao!
Klemm ist eine Verführerin. Witzig, fast plaudernd führt sie zu schmerzhaften Facetten der Entsolidarisierung von Frauen. Es scheint gerade in der Luft zu liegen, die literarische Verarbeitung vermeintlich unversönlicher Differenzen und die Suche nach Gemeinsamkeiten in entzweienden Debatten. Wenn wir uns nicht betroffen fühlen wollen, liest sich »Einzeller« wie für Dennis Scheck, als eine große Kunst, Polemik, eine soziale Komödie mit intellektuellem Upgrade.
Für Simone, pensionierte Lehrerin, Gesicht der zweiten Welle des Feminismus, verwässern aktuelle Diskurse den femistischen Kampf. Je privater wir sie kennenlernen, desto mehr scheinen ihre Ambivalenzen durch. Sie ist dominant, hört Anderen wenig zu. Die ihr ergebene Eleonora darf ihr Befriedigung verschaffen und ausgerechnet der Finanzminister der Konservativen ist ihr Liebhaber. Auf der ersten Blick steht Lilly, eine attraktive junge Frau aus konservativen, priveligierten Verhältnissen stammend, für all das, was eine Simone wütend macht und resigniert. Denn Lilly arrangiert sich und sie möchte alles richtig machen, doch eins scheint klar, sie wird im Schoß der Kleinfamilie verschluckt werden.
Verwoben sind diese beiden Figuren in einen unterhaltsamen Plot, der viel Raum bereitstellt für pointierte Alltagsbeobachtungen, Widersprüche und Fragen. Lilly und Simone sind Teil eines feministischen Wohnprojekts, in dem noch drei weitere Frauen leben, deren Positionen und Gedanken leider nur in Andeutungen hervorscheinen. Da Simone prominent ist, stolpert die WG in ein Reality-TV-Format, das darauf angelegt ist, Differenzen komödiantisch zu schüren. Die politischen Verhältnisse, den Backlash in Abtreibungsdebatte, Familien- und Kinderpolitik, strukturelle und konkrete Gewalt gegen Frauen, spielt Klemm an entscheidenden Stellen ein und verunmöglicht damit eigentlich eine Schecksche Lesart.
Kata_____Lović
aus Bremen
5/5
11.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Klemm ist eine Verführerin.…
Klemm ist eine Verführerin. Witzig, fast plaudernd führt sie zu schmerzhaften Facetten der Entsolidarisierung von Frauen. Es scheint gerade in der Luft zu liegen, die literarische Verarbeitung vermeintlich unversönlicher Differenzen und die Suche nach Gemeinsamkeiten in entzweienden Debatten. Wenn wir uns nicht betroffen fühlen wollen, liest sich »Einzeller« wie für Dennis Scheck, als eine große Kunst, Polemik, eine soziale Komödie mit intellektuellem Upgrade. Für Simone, pensionierte Lehrerin, Gesicht der zweiten Welle des Feminismus, verwässern aktuelle Diskurse den femistischen Kampf. Je privater wir sie kennenlernen, desto mehr scheinen ihre Ambivalenzen durch. Sie ist dominant, hört Anderen wenig zu. Die ihr ergebene Eleonora darf ihr Befriedigung verschaffen und ausgerechnet der Finanzminister der Konservativen ist ihr Liebhaber. Auf der ersten Blick steht Lilly, eine attraktive junge Frau aus konservativen, priveligierten Verhältnissen stammend, für all das, was eine Simone wütend macht und resigniert. Denn Lilly arrangiert sich und sie möchte alles richtig machen, doch eins scheint klar, sie wird im Schoß der Kleinfamilie verschluckt werden. Verwoben sind diese beiden Figuren in einen unterhaltsamen Plot, der viel Raum bereitstellt für pointierte Alltagsbeobachtungen, Widersprüche und Fragen. Lilly und Simone sind Teil eines feministischen Wohnprojekts, in dem noch drei weitere Frauen leben, deren Positionen und Gedanken leider nur in Andeutungen hervorscheinen. Da Simone prominent ist, stolpert die WG in ein Reality-TV-Format, das darauf angelegt ist, Differenzen komödiantisch zu schüren. Die politischen Verhältnisse, den Backlash in Abtreibungsdebatte, Familien- und Kinderpolitik, strukturelle und konkrete Gewalt gegen Frauen, spielt Klemm an entscheidenden Stellen ein und verunmöglicht damit eigentlich eine Schecksche Lesart.
Bewertung
2/5
13.02.2026
eBook (ePUB 3)
Enttäuschend
Ich fand das Buch hat sich zu sehr lustig über den Feminismus gemacht. Es zeigt nun mal nicht wirklich das echte Leben - die beiden Hauptrollen sind ziemliche Kontraste und es gibt kaum einen Kompromiss, das fand ich sehr schade.
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