Man nennt ihn Geistesriesen. Letzten Intellektuellen des Landes. Eiger Nordwand unter den Philosophen. Die Rede ist von Professor Eiger, der an seinem Geburtstag mit einem großen Festakt von seinen Ämtern an der Universität verabschiedet wird. Es beginnt der Ruhestand - in emsiger Arbeit an Buchprojekten. Und es beginnt Eigers Niedergang: von den Kollegen bald vergessen, an der Universität kaum vermisst. Ein Niedergang, der sich auf vielen Ebenen abzeichnet, in Anzeichen wachsender Fehlleistungen, geistiger Verwirrung und zunehmender Einsamkeit. Akt für Akt kommt dem sprachgewaltigen Philosophen die Sprache abhanden. Und mit der Sprache das Gedächtnis und die Erinnerung. Joachim Zelters neuer Roman lotet die größtmögliche Fallhöhe des Tragischen aus - und legt gleichzeitig ein bewegendes Zeugnis tiefer Menschlichkeit ab.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Lesendes Federvieh
aus München
5/5
14.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Messerscharfe, pointierte Studie über den immer dichter werdenden Kokon der schwindenden Fähigkeiten
Joachim Zelter schafft es in diesem schmalen Buch mit nur 139 Seiten ein hochemotionales, berührendes und intensives Porträt eines Mannes zu zeichnen, der unaufhaltsam im Nebel seines Geistes verschwindet. Sachlich und ohne ohne etwas zu beschönigen oder unter den Teppich zu kehren, erlebt man als Leser wie rasant ein Mensch sich dem Abgrund des Vergessens nähern kann und selbst vergessen wird, sobald er aus dem Berufsalltag ausscheidet. Gleichzeitig handelt diese feine, pointierte Erzählung aber auch um Selbstüberschätzung und den karriereorientierten Universitätsbetrieb.
Dabei beleuchtet Joachim Zelter nicht nur präzise und detailliert den Abstieg eines Mannes ins eigene Vergessen, der sein ganzes Leben der Sprache und Bildung gewidmet hat, sondern auch die Auswirkungen auf sein familiäres und ehemaliges kollegiales Umfeld.
"Professor Lear" ist ein gehaltvolles und wichtiges Buch zum Thema Demenz, das nach der letzten Seite noch viel Stoff zum Nachdenken bietet. Und nicht nur zu diesem schwierigen Thema, sondern auch zum Miteinander in unserer Gesellschaft.
Karin Braun
aus Kiel
5/5
01.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Studie des Verfalls
Da dachte man immer, er wäre aus der Universität und aus dem akademischen Leben nicht wegzudenken! Große Werke wurden nach seiner Verabschiedung von Professor Helmut Eiger erwartet, der vor Plänen für seinen Ruhestand strotzt. Doch es kommt anders. Der akademische Betrieb kommt gut ohne ihn zurecht. Sein langerwartetes Platonbuch wird nicht in gewohnter Form rezeptiert und weitere Buchprojekte über Schmerz und Tod mehr oder weniger höflich angelehnt. Das Telefon steht still, die Schreibmaschine klappert immer seltener und die Worte kommen ihm mehr und mehr vorhanden. Erst die Worte, dann die Erinnerung. Der Abschied aus der akademischen Welt entpuppt sich als Abschied aus dem Leben, denn eine private Welt, an der er andocken konnte, hat er nicht. Er hat jeden Kontakt verloren, den zu seiner Enkelin, von der wohl keine akademischen Weihen zu erwarten sind, und auch den zu seiner Frau, deren Leben und soziales Umfeld von seiner Stellung abhing.
Joachim Zelter beschreibt, vielleicht gerade durch den sachlichen Ton, zu tiefst berührend, wie ein Riese stürzt. Wie sein Abstieg ins Vergessen und Vergessenwerden sich auf sein Umfeld auswirkt. Für die Enkelin bewirkt es eine Befreiung von den Lesitungsansprüchen des Großvaters. Die Ehefrau wiederum, verliert den Mann, an dessen Seite sie viele Jahre gestanden hat und dessen Stellung auch ihr Leben bestimmte. Es ist ein schmales Buch, doch ein Schwergewicht, dass sich trotz der Ernsthaftigkeit der Thematik leicht lesen lässt. Unbedingt empfehlenswert.
G. G.
4/5
13.01.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Verlust der Sprache. Generationenkonflikte und ein herber Abstieg
"Professor Lear" von Joachim Zelter schafft es auf nur 139 Seiten so viele Themen anzusprechen und anschaulich darzustellen, dass es einem die Sprache im wahrsten Sinne des Wortes verschlägt.
Zu Beginn wird die Verabschiedung des Professors Eiger ins Zentrum des Geschehens gesetzt. Dies ist zugleich der Höhepunkt der Geschichte, denn auf dieser Stufe ist Eiger noch ganz bei Sinnen und freut sich auf die viele Zeit in seiner Schreibstube. Nach seiner glorreichen Zeit in der Universität, entschwindet Eiger in seinem Heim - damit wird er gleichzeitig auch aus dem Leben der Verlage und Universitäten verbannt. Zugleich setzt ihm Cordelies Wut und Rebellion zu, die sich in der Schule nicht zurechtfindet und den eigenen Weg gehen möchte. Dies tut sie auch - entgegen Eigers Vorstellung. Nach und nach beginnt der stetige Zerfall des Professors und er wird durch seine Erkrankung (entweder Alzheimer oder Demenz) zu einem Wrack, welches seinen Verstand und seine Sprache verliert.
Eine höchst interessante und vor allem bewegende Geschichte. Gelungene Erzählung. Punkt Abzug für den hohen Preis des Buches.
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