In neun Etappen eines Spaziergangs in der Gegend um den River Lea vor London verfolgt Esther Kinsky die sich überlagernden Spuren persönlicher Geschichte und urbaner Historie dieser Flusslandschaft und nutzt die Wildnis des Marschlands als Freiraum für Erinnerung und Reflexion. Der River Lea wird zur Grenzmarkierung und zugleich zu einem Wegweiser: Erfahrung und Wahrnehmung finden an ihm eine Schranke und ein Ziel. Ein Buch über das Sehen, über Erkenntnis durch Betrachtung.
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“Wir tragen unser Herz umher am falschen Ort, das fiel mir an jedem Fluß ein”
Bewertung am 03.11.2019
Bewertungsnummer: 328738
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Nur selten bekommt man sprachlich etwas derart Schönes geboten. Man sollte sich auf diese Sprache einlassen, wenn man Sprachgenuss erleben will. Da braucht es keine “Geschichte”, obwohl dieses subtil, sublim, poetisch erzählte Buch eine Geschichte des Abschieds ist. Ein Roman zwischen Heimat und Heimatlosigkeit, geschrieben von einer sehr genauen Beobachterin, der nichts entgeht, auch nicht das kleinste Detail. “Ich wurde im Spazieren heimisch und stieß mit immer größerer Hingabe den Blick in die kleinen Dinge, die unbeachtet am Wegrand lagen, Verlassenes und Ungeborgenes, Verlorenes und Verworfenes, das da vor sich hin zerfiel und unkenntlich wurde.” Es gibt nicht wenige Menschen, die sich genauso verlassen, ungeborgen, verloren und verworfen fühlen und unkenntlich werden. Die Landschaften, Szenen, Bilder, Farben, Geräusche, Gerüche: die eigenen Bilder im Kopf sind sofort da.
“Am Fuß des Abhangs, hinter Bäumen, floß der River Lea. Im Winter schimmerte das Wasser hell zwischen den kahlen Zweigen hindurch. Dahinter erstreckte sich das Marsch- und Wiesenland, nach Einbruch des Abends war es ein großer Handteller voll dunkler werdendem Dämmer, durch den sich ab und zu das Lichtschnürchen eines Zuges fädelte, der auf dem hochgelegenen Damm in Richtung Nordosten fuhr.” Züge, deren Geräusch bald “nur noch ein fernes Auffädeln kurzer stumpfer Holzperlen” ist, die sich dann “in Luft auflösen”, an einem Ort, wo “die Schatten der Bäume etwas in Richtung Bahnstation kritzeln.”
In der City wogt ein “Meer von Regenschirmen, sanfte schwarze Quallen mit winzigen Füßchen, die aneinander vorbeitrieben und schwebten, ohne anzuecken und sich ineinander zu verschlingen,” doch diesen Teil der Stadt erkennt man nur, wenn man dort gelebt hat, an den “Grenzen des geschäftigen, unzahm durchtriebenen alten London”, in diesem Fall Hackney, ein “Territorium von Verfall und Halbvergessen” mit all seinen schrägen Figuren. Dem König, um den sich die Raben sammeln, samt seinem “prächtigen Kopfputz aus starren brokatenen Tüchern” oder dem “hoffnungslosen Kapitän, der seine Untauglichkeit für die Seefahrt niemandem mehr verheimlichen konnte.”
So führt das Flussbuch auch in die Ferne, vom Rhein zur Oder zum Ganges oder dem Tisza, einem “ganz kleinen Flüßlein, das dort durch die alte Zeit gesprudelt und sanft geglitten war, gelegentlich Hochwasser führend Häßliches angerichtet hatte,” um immer wieder zurückzukehren zu den letzten Tagen am River Lea: “Sterne erschienen über den Wipfeln der Bäume, vom Fluß wehte ein Wind, es war still, man hörte leise die Wellen, das Rascheln und Wispern der Wildnis.”
Schließlich der Abschluss mit dem alten Leben: “Die Wohnung war fast ganz leer. Die Entfernung meiner Gegenstände war wie die Besichtigung einer Landschaft, in der sich mein Leben klein und behutsam herumgedrückt hatte, in Spalten, Klüften, Mulden, auf Anhöhen und in Abgründen.”
In dieser Sprache kann man baden wie in einem Fluss. Man sollte sich die Zeit nehmen, ihn langsam durchschreiten und sich nichts entgehen lassen.
Man staunt, wo überall sich Schönheit findet ... oder was ist das?
Bewertung aus Porta Westfalica am 14.02.2019
Bewertungsnummer: 1172956
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ungefähr 15 Jahre lang hatte Esther Kinsky nach 1990 in London gelebt. Einige wenige der 37 Kapitel ihres Buches „Am Fluss“ thematisieren Episoden aus dieser Zeit. Sieben andere, über das Buch verstreute Kapitel tragen die Namen von Flüssen, an deren Ufern sie im Laufe ihres Lebens die dort erinnerten Erlebnisse und Eindrücke gesammelt hat: Rhein, St. Lawrence River, Nahal Ha Yarkon, Oder, Neretva, Tisza und Hooghly River. Den mit Abstand größten Teil bestreiten jedoch die minutiös genauen Beschreibungen ihrer Steifzüge entlang des River Lea.
Vielleicht ist noch nie zuvor einem derart unbekannten, unbedeutenden und unspektakulären Flüsschen so viel literarische Aufmerksamkeit zuteil geworden wie dem River Lea. Mit Hilfe genauester Stadtpläne oder der größtmöglichen Auflösung von Google Maps lassen sich Esther Kinskys Spaziergänge oft Schritt für Schritt nachverfolgen. Als Reiseführer ist das Buch trotzdem nicht geeignet, sondern wird ganz richtig als Roman ausgewiesen. Denn mit welch intensiver visueller Präzision die Sprache Esther Kinskys den unteren Lauf des River Lea auch nachzeichnet, noch mehr als mit den Augen malt sie die Landschaft mit der Seele. So legt sich wie eine stark reflektierende Scheibe eine melancholische Grundstimmung, die ihre Wurzel offenbar in einer Situation persönlichen Abschieds und Übergangs findet, über das Gemälde. Vergleicht man Esther Kinskys Beschreibungen mit Fotos der beschriebenen Gegenden im Internet, lässt sich jedenfalls kaum leugnen, dass man den Flusslauf des Lea durch die Marshes und Springfield Park sich nie so sonnig, hell und erfrischend grün, das Viertel Stoke Newington nie so quirlig lebhaft vorgestellt hätte. Eine lebenslustige Kaffeehausbetreiberin, die mit umgebundener bunter Schürze und ständigem Lächeln im Gesicht, als wäre sie einer Inga-Lindström-Verfilmung entsprungen, am Horse Shoe Point den Flaneuren und Hausbootbesitzern starken englischen Tee mit warmen Apple Crumble und Cream serviert, wäre hier nicht weniger glaubwürdig, aber die Erfahrungen und Empfindungen von Esther Kinsky sind eben in einer Parallelwelt angesiedelt und verleihen diesem Roman eine eigene, ganz andere Authentizität.
Die Landschaft des River Lea findet in zweierlei Hinsicht Esther Kinskys besonderes Interesse: zum einen als einer Art historischer Grenze zwischen der riesigen Stadt London und der Natur, die als Marsch am jenseitigen Flussufer des Lea beginnend sich in Richtung Osten der Nordsee entgegenstreckt. Mit manchmal rührender Genauigkeit wird dem Behauptungswillen der Natur nachgespürt, die leise und geduldig einen beharrlichen Kampf um ihr Überleben gegen den mit ihren Fabriken, vor allem den Ziegeleien, aber auch mit Schrottplätzen, Lärm und Dreck alles überwuchernden Moloch der Stadt führt
Zum anderen erscheint der River Lea als Parabel für das unaufhaltsam dahinfließende Leben selbst. Nur einmal geht Esther Kinsky von Springfield Park ein Stück Wegs den Fluss hinauf, doch dort präsentiert er sich als „ein verwaistes Gewässerchen, dem man weder eine Geschichte noch die Zukunft zutraute, die es nach kaum einer Meile Fußweg erwartete.“ Es öffnete sich eine Gegend, „in der kein Bild mehr entstehen wollte, nur noch eine aller Zusammenhänge begebene Kulisse für Geschichtsbrocken, die in ihrer Abgehacktheit voneinander womöglich dem Erzähler von Geschichten schmerzhaft in der Kehle steckenbleiben würden.“ Erst bei Springfield Park beginnt das erwachsene, in seinen Zusammenhängen erinnerungswürdige Lebensalter, oder es ist das Zusammensein mit dem Fluss, das hier seinen Anfang nimmt und dessen Vorher sich nicht nachholen lässt. Am Springfield Park jedenfalls setzt die Erzählung ein, die um ein Haar nicht bis zum Ende hätte erzählt werden können. Eine geradezu verzweifelte Szene ist es, als der River Lea, kurz bevor er bei Leamouth in die Themse mündet, sich von keinem Weg gesäumt unerreichbar zwischen Mauern dahinfließend aus dem Blick krümmt. „Ich versuchte, dem Verlauf auf der westlichen Seite zu folgen, schlug an die Eisentüren von Werkhallen, an die morschen Fenster düsterer Geschäftshäuser, an hastig errichtete Wellblechtore und rüttelte an rostflockigen Gitterstäben, immer in der Hoffnung, Zugang zu Höfen und verkrauteten Niemandslandflecken zu finden, hinter denen ich den Fluss vermutete. Es war ein ausgestorbenes Land an diesen vermeintlichen Ufern des untersten Unterlaufs des Lea, niemand antwortete auf mein Klopfen, keiner kam, um mir zu öffnen oder mich fortzuschicken, nicht einmal Hunde schlugen an.“ Am Ende geht doch alles gut aus, jedenfalls so weit es von einem solchen Roman erwartet werden kann.
Im herkömmlichen Sinne spannend ist der Roman nicht. Nicht einen Moment fiebert man dem Ende, geschweige denn der nächsten Seite entgegen, aber das ist auch gut so. Denn vorrangig ist es Esther Kinskys um visuelle und emotionale Genauigkeit ringende Sprache, die den Leser fesselt und ihm bisweilen Bilder und Momente von geradezu beglückender Intensität beschert, sodass manche Seiten sofort ein zweites Mal gelesen werden wollen. Nur sehr selten erzeugt sie auch Sätze von ärgerlicher Sperrigkeit, die weniger freiwillig erneut in Angriff zu nehmen sind. Doch angesichts des ruhigen Flusses der Erzählung, strudelt man gerne mit der gleichen Bedächtigkeit an die Stelle, wo der Faden verlorenging, zurück, wie die Schwäne auf dem River Lea ihre Kreise ziehen. Mag sein, dass man sich manchmal mit der Verstörtheit eines unversehens aus einem Traum Erwachten fragt, was eigentlich das Gelesene sagen will. Es erschließt sich nicht unmittelbar und auch danach noch nicht, doch eines Tages ganz bestimmt. Ein Buch, das man mit ruhiger Gewissheit zuklappen kann, ohne mit ihm fertig zu sein.
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