Wilhelm von Gloeden (1856–1931), Spross eines preußischen Adelsgeschlechts, hatte sich zur Heilung eines Lungenleidens in Taormina auf Sizilien niedergelassen. Hier, in einem von Sonne, Eros und Schönheit gesättigten Süden, entstanden seine „lebenden Bilder“, in denen er nach antiken Motiven Aktphotographien von Knaben und jungen Männern inszenierte. Nicht nur in homoerotischen Kreisen wurden seine Bilder bald zu Sammelobjekten. Auch ihre Wirkung und ihr Einfluss auf andere Photographen und die zeitgenössische Kunstwelt – etwa Picasso oder Thomas Mann – sind bis ins 20. Jahrhundert hinein nachzuverfolgen.
Ulrich Pohlmann, Photo- und Kunsthistoriker aus München, legt mit seiner ersten wissenschaftlichen Gloeden-Monographie eine detaillierte Erforschung des gesamten Werks und seiner Rezeption vor. Neben den Klassikern der homoerotischen Photographie kommen dabei auch Gloedens Aufnahmen von Taormina im späten 19. Jahrhundert und von Trachten der damaligen Dorfbewohner in den Blick.
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VolkerM
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01.02.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Differenziert und umfassend
Wilhelm von Gloedens Fotografien haben es in die Kunstgeschichte geschafft. Auf Auktionen erzielen die Stücke regelmäßig Höchstpreise und sie befinden sich in allen bedeutenden Museumssammlungen, Galerien und vielen Privatsammlungen. Erst seit relativ Kurzem ist er auch auf dem Buchmarkt präsent, mit einigen monografischen Bildbänden und Biografien. „Taormina“ reiht sich in diese Gruppe ein, wobei Ulrich Pohlmann die große Bandbreite des Gloedenschen Schaffens zeigt und sich nicht nur auf die Aktfotografie beschränkt. Bei letzterer steht immer wieder der Vorwurf der Päderastie im Raum, mit dem sich der Autor differenziert auseinandersetzt. Er verweist auf die sozialen Normen im Sizilien des 19. Jahrhunderts, die sexuelle Übergriffe niemals toleriert hätten, welche im Übrigen weder strafrechtlich noch fotografisch belegt wären, obwohl es bereits damals vergebliche Versuche in diese Richtung gab. Bis weit in die 1930er-Jahre blieben Gloedens Fotos juristisch unbeanstandet, erst der apodiktische Aktivismus der letzten 10 Jahre arbeitet sich wieder daran ab, mit ähnlichen unbewiesenen Unterstellungen wie schon im Dritten Reich. Pohlmann positioniert dagegen das Gloedensche Werk in den kunsthistorischen Kontext seiner Zeit und verknüpft ihn mit dem Ästhetikideal des (Neo)Klassizismus und des deutschen Symbolismus, indem er das gesamte Oeuvre einbezieht. Von Gloeden gehört zu einer ganzen Gruppe von Künstlern, die mit ihrer Kunst einen Markt bedienten und das keineswegs im Geheimen. Homoerotik war solange gesellschaftsfähig als bestimmte Regeln respektiert wurden, an die sich von Gloeden selbstverständlich hielt. Strategisch günstig befand sich sein Fotografiegeschäft in Taormina, das Teil des sich rasant entwickelnden Mittelmeertourismus war und ein klassisch gebildetes Publikum anzog.
Pohlmann lässt natürlich auch die Homosexualität von Gloedens nicht unberücksichtigt, die er in den Kontext der Schwulenbewegung um 1900 stellt. Seine Fotos erschienen in den ersten Zeitschriften der Homosexuellenbewegung, auch wenn Gloeden selber in diese Richtung nicht aktiv wurde. Die Krupp- und Eulenberg-Affairen hatten letztlich aber Auswirkungen auf sein Kunstschaffen, indem er in Deutschland nicht mehr öffentlich ausstellte und auch in Italien der Zenith seines Ruhmes überschritten war.
Der Katalogteil der Monografie enthält etwa 300 Fotos im Seitenformat. Es sind sorgfältige Reproduktionen von Albuminabzügen, sowie einigen Gummidrucken und Heliogravüren, die dem Original durch das leicht mattierte Papier sehr nahekommen. Die Provenienz wird vermerkt, nicht jedoch das tatsächliche Originalformat.
„Taormina“ stellt das Leben und Werk Wilhelm von Gloedens sowohl in seinen historischen wie kunsthistorischen Zusammenhang und verengt den Blick nicht nur auf die Aktfotografie, sondern schaut auf Gloedens Wirken und Nachwirken als Künstler.
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