Mit dem Aufstieg der Seebäder im Wilhelminischen Kaiserreich trat auch der "Bäder-Antisemitismus" auf den Plan. "Judenrein!" lautete die Parole an der Ostsee, lange bevor der NS-Staat Wirklichkeit geworden war. Schon um 1900 bringen jüdische Zeitungen "Bäderlisten" heraus, anhand derer sie vor Badeorten warnen, in denen jüdisches Publikum "unerwünscht"
ist. Als "Judenbäder" gelten umgekehrt Orte wie Heringsdorf, wo zunächst noch eine liberale Atmosphäre
herrscht.
Aus einer Fülle unveröffentlichter Archivalien und weithin in Vergessenheit geratener historischer Quellen, Tagebuchnotizen, Briefe, Reiseberichte jüdischer Badeprominenz zeichnet Kristine von Soden ein vielschichtiges Bild des Strandalltags jener Zeit bis 1937, als nahezu alle Orte und Strände für jüdische Badegäste verboten waren.
Aktualisiert und durch zahlreiche Dokumente speziell zu Warnemünde und Kühlungsborn erweitert sowie mit eindrucksvollen zusätzlichen neuen Abbildungen versehen, schuf die Autorin ein Standardwerk – in literarischem Stil und zugleich wissenschaftlich fundiert.
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Eine sehr aufschlussreiche Lektüre für geschichtsinteressierte Ostseeurlauber
Lesefuchs - Bücher mit Herz aus Bargteheide am 22.05.2025
Bewertungsnummer: 2496548
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
2024 habe ich auf Rügen in der entzückenden Buchhandlung „Der BuchLaden“ von Petra Dittrich das Buch „Ob die Möwen manchmal an mich denken? – Die Vertreibung jüdischer Badegäste an der Ostsee“ entdeckt. Und da es dieses Buch nicht als e-book gibt, habe ich es mir tatsächlich als richtiges Buch gekauft, obwohl ich wusste, dass es erst einmal in das Regal der ungelesenen Bücher wandern würde. Doch in diesem Jahr hatte ich einen Kurzurlaub in Wustrow/Fischland gebucht. Und da fiel mir dieses Buch wieder ein, so dass ich es als Urlaubslektüre mitgenommen habe, wobei mir klar war, dass es keine leichte Urlaubslektüre wird.
Als ich heute mit meiner Buchbesprechung begonnen habe, habe ich erst einmal recherchiert, was Kristine von Soden noch für Bücher geschrieben hat. Eins („Und draußen weht ein fremder Wind … Über die Meere ins Exil“) besaß ich bereits, ein weiteres („Ahrenshoop – Balancieren auf der Meerschaumlinie“) ist jetzt für meinen nächsten Urlaub in dieser Gegend auf meinem e-reader gewandert. Aber es gab noch einige andere Titel, die mich durchaus auch noch verlocken.
Man merkt anhand dieser Titel, dass die Ostseeküste und jüdische Biografien in der Weimarer Republik und im 3. Reich die ganz speziellen Themen Kristine von Sodens sind.
Doch nun endlich zum Buch „Ob die Möwen noch manchmal an mich denken?“: Das Buch wurde ursprünglich bereits 2018 herausgebracht, aber inzwischen 2023 erweitert neu herausgegen. Kristine von Soden nimmt uns mit an die Ostsee – hauptsächliche an die Orte, östlich von Lübeck liegen. Die ersten Kapitel sind eine eher übergreifende Einführung in die Themen Ostseereisen ab der Wilhelminischen Zeit (1888 bis 1918) und der Weimarer Republik. Ein weiteres wichtiges Kapitel sind die Listen, in denen Jüdinnen und Juden gewarnt werden, in welchen Ostseebädern sie nicht erwünscht sind . Danach gibt es einzelne Kapitel zu Kolberg, Heringsdorf auf Usedom. Rügen, Hiddensee, Prerow, Ahrenshoop, sowie weiteren mecklenburgischen Ostseebädern. In diesen Kapiteln wird die allgemeine Situation beschrieben, aber es gibt immer wieder ausführliche Berichte über bekannte jüdische Persönlichkeiten, die an diesen Orten Urlaub gemacht haben. Kristine von Soden zitiert aus verschiedenen Quellen , wie z.B. jüdischen Periodika, alten Reiseführern und Briefen von Juden und Antisemiten. Dazu ist das Buch reich bebildert.
Ich fand dieses Buch erschreckend, denn es zeigt, dass der Antisemitismus inkl. der Haklenkreuzflaggen bereits älter als das 3. Reich ist. Bereits seit dem Entstehen der Bäderkultur an der Ostsee wurde immer wieder versucht, die Orte judenfrei zu bekommen. Ich fand es sehr interessant, dass es jüdische Periodika gab, die schon früh Listen erstellten, in den Unterkünfte speziell für jüdische Gäste erwähnt wurden, als auch Listen mit Warnungen, wohin Juden sicherheitshalber nicht reisen sollten.
Das Buch ist eine Fundquellen, um die Bücher einiger bekannter Autor:innen aus dieser Zeit (neu) zu entdecken. (Ich habe mir natürlich schon etwas notiert.)
Ich verstehe nicht, wie die jüdischen Mitglieder eigentlich erkannt wurden. Wenn sie keine orthodoxen Juden waren, sahen sie doch nicht anders aus? Einzig vielleicht durch ihre Unterkünfte und ihre Restaurants waren sie vielleicht zu identifizieren, wenn sie denn koscher gegessen haben. Es ist mir bis heute ein Rätsel, woher dieser Antisemitismus kommt. Und ich hoffe, ich habe mich durch diese Passage nicht ebenfalls antisemitisch geäußert, denn das war definitiv nicht meine Absicht.
Für geschichtlich interessierte Leser:innen ist dieses Buch eine ausgesprochen interessante Lektüre. Besonders wenn die nächste Reise vielleicht an die mecklenburgische Ostseeküste gehen sollt.
Als der Badeurlaub baden ging
Bewertung am 25.04.2023
Bewertungsnummer: 1929434
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Unter der Schreckensherrschaft der Braunhemden hat sich nicht nur das Bild in den Städten und Dörfern gewandelt, auch der Tourismus war von den völkischen Ideologien betroffen. Doch wie sah der Alltag an den weißen Stränden der Ostseeküste aus, als der Wind eindeutig die falsche Richtung eingeschlagen hat ?
Dieser bisher wenig bekannten Frage widmet sich Kristine von Soden und lässt ihre Leser;innen hinter die schützen Sandburgen blicken, die nicht nur den Wohlfühlbereich der Badegäste als Territorium abstecken, sondern auch sinnbildlich für die Ausgrenzung der jüdischen Besucher;innen der Urlaubsorte stehen.
Doch nicht erst mit dem immer härteren Durchgreifen des braunen Sumpfes wird der weiße Ostseestrand "gesäubert", schon lange vorher bahnen sich erste Vorboten des "Bäder-Antisemitismus" den Weg an die Küste. Die Autorin zeichnet ein erschreckendes und sehr nachdenklich stimmendes Bild der damaligen Zeit und belegt mit Transkriptionen, Originalaufnahmen und Ablichtungen von Werbeanzeigen, wie sich der Sinneswandel Stück für Stück vollzogen hat, um anschließend mit stolzgeschwellter Brust verkünden zu können, dass nicht nur die Strände, sondern auch die Hotels und Pensionen "Judenrein" sind.
Dabei dürfen wir gemeinsam mit Käthe Kollwitz, Asta Nielsen, Else Lasker-Schüler u. a die Sommerfrische gneißen, die aber zunehmend von aufziehenden dunklen (braunen) Wolken getrübt wird. Die deutschnationale Bewegung und die antisemitisch-rassistischen Gedanken brechen sich wie die Wellen am Spülsaum und überschwemmen regelrecht die Ostseebäder. Immer häufiger ist zu lesen, dass jüdische Badegäste unerwünscht sind und nicht nur auf den Sandburgen die Hakenkreuzfahne gehisst wird.
Der Titel des Buches ist einem Zitat von Asta Nielsen entnommen und im Verlauf des Buches wird den Leser,innen erst die melancholische und zugleich erschreckende Bedeutung bewusst. Kristine von Soden hat hervorragend recherchiert und Fakten ans Tageslicht gebracht, die bisher gut zwischen den weißen Sandkörnern der Ostseestrände vergraben gewesen sind.
Eine seht nachdenklich stimmende und aufrüttelnde Lektüre, die lange in Erinnerung bleibt.
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