In "Gegen den Strich" (À rebours) entfaltet Joris-Karl Huysmans ein faszinierendes Porträt des dekadenten Lebensstils eines feinsinnigen Individuums, des Grafen des Esseintes. In einem literarischen Stil, der durch seine detaillierten Beschreibungen und durchkomponierten Gedanken besticht, nimmt der Leser Teil an einer tiefgründigen Reflexion über Kunst, Ästhetik und die Abneigung gegenüber der banalen Gesellschaft des späten 19. Jahrhunderts. Die Protagonisten schweben zwischen Realismus und Symbolismus, und Huysmans verwebt gekonnt philosophische Überlegungen mit einer vivid geschilderten Sinnlichkeit, die den Leser in die inneren Konflikte des Grafen hineinzieht. Die Erzählung ist sowohl eine persönliche als auch eine gesellschaftliche Untersuchung der Entfremdung, die die Aufbruchsstimmung des Symbolismus und der Dekadenz widerspiegelt. Joris-Karl Huysmans, ein prägender Vertreter des französischen Fin de Siècle, suchte in seinem Werk eine Abkehr von den Konventionen seiner Zeit. Sein wechselvolles Leben, das von einer zunächst konventionellen Karriere in der Beamtenlaufbahn bis hin zu einer tiefen Hinwendung zur Kunst und Ästhetik reichte, spiegelt sich in den komplexen Themen seines Schreibens wider. Besonders sein persönliches Interesse für den Katholizismus und die Abkehr von materialistischen Werten finden ihren Ausdruck in der psychologischen Tiefe seiner Charaktere. "Gegen den Strich" ist ein unverzichtbares Werk für alle, die sich für symbolistische Literatur und die Erkundung des Menschseins in einem materialistisch geprägten Zeitalter interessieren. Dieses Buch fordert den Leser heraus, in die Tiefen der menschlichen Seele einzutauchen und die eigenen Werte zu hinterfragen. Huysmans' Meisterwerk erweist sich als eindringliche Einladung zu einer intellektuellen und sinnlichen Reise, die nicht nur die Grenzen der Literatur, sondern auch die der modernen Existenz erkundet.
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Zitronenblau
4/5
29.01.2010
Buch (Taschenbuch)
Des Esseintes und die Vermessung der Sinne
Huysmans Roman "Gegen den Strich" richtete sich gegen einen naturalistischen Zola und machte den Protagonisten, den Helden (?) wieder zum differenten Herrn über sich selbst. So verabscheut und ekelt sich Des Esseintes vor der Gesellschaft und ihrer vulgären, langweiligen Dummheit, und zieht, da vermögend (immer eine Voraussetzung!) in sein Haus und sich damit zurück von den Menschen. Nun sucht er mit einem übersteigerten Ästhetizismus und auch Intellektualismus die Grenzen seiner Sinne zu erreichen und darüber hinaus zu gehen. Dabei werden alle Sinne "abgearbeitet" - ob Nase, Auge oder Ohr - bis der Geist selbst immer schnellere Gedankenkarussells entwickelt. Somit quellt vom schrulligen Spleen ein exzentrischer Wahn, ein evoziertes Perpetuum Mobile der Sinnlichkeit, dass sich in hedonistische Exzesse verirrt, bis sich dergestalt die neurotische Pathologie herauskristallisiert, die sämtliche Bestrebungen in eine selbstzerstörerische Dekadenz mündet. Letztlich bleibt Des Esseintes nur wieder das erschöpfte Zurück in die Gesellschaft, die Zerstreuung durch die Zerstreuungen der anderen, ja, der chistliche Glaube: "Herr, hab Mitleid mit dem Sträfling des Lebens, der sich nachts aufmacht, allein unter dem Firmament, das nicht mehr erleuchtet wird von den Trostfackeln der alten Hoffnung!"
Huysmans Roman hat weltliterarischen Rang und die Besonderheiten sind ganz klar die Sinnesorgien und Rauschbilder, die der Autor zeichnet. Dabei werden mitunter synästhetische Experimente, tiefe geistige Diskurse und erstaunlich wenig frivole Elemente eingespielt (ein Sade wird nur nebenbei bemerkt), die Promiskuität richtet hier mehr auf die Möglichkeiten der Apperzeption. Manchmal wirken die Verknüpfungen und Aufzählungen (repetitio, Kumulation) etwas billig und zu sachlich; insgesamt wirkt der Verlauf zu kompakt, wodurch die protagonistische Entwicklung und die Bedingungen der Identifizierung erschwert werden, zumal mitunter ein Defizit an inneren Monologen hierzu förderlich ist. Stilistisch gesehen kommen noch weitere Faux-pas hinzu, auf die ich hier aber nicht weiter eingehen möchte. Das Buch ist unbedingt lebenswert, wenn auch nicht vollkommen wie ein Proust, denn es ist ein Signal vom Überdruss und der Bedrohung bei Isolation und Eskapismus!
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