Eine junge Frau blickt aus ihrem Wohnzimmerfenster auf die kleinen Dramen, die sich in ihrer Nachbarschaft abspielen, und beobachtet alles: Streitereien, Sex, glückliche und unglückliche Familien. Nur ihr eigenes Leben fühlt sich an, als hätte jemand die Stopptaste gedrückt. Nachdem der Bürgerkrieg in ihrer syrischen Heimat ausbrach, flüchtete die junge Journalistin nach Europa. Seit ihrer Ankunft in England fühlt sie sich isoliert und mit antimuslimischen Vorurteilen konfrontiert. Gezeichnet von den Kriegstraumata verstummt sie. Statt zu sprechen, beginnt sie zu schreiben - über den Arabischen Frühling, den syrischen Bürgerkrieg, die Flucht nach Europa und die Einsamkeit im Exilland. Ihre Beiträge werden in einem Online-Magazin veröffentlicht, unter dem Pseudonym "Die Stimmlose". Nach und nach findet sie die Kraft, ihre Wohnung zu verlassen und die Nachbarschaft zu erkunden. Sie entdeckt den Tante-Emma-Laden um die Ecke, eine nahegelegene Moschee, einen Buchladen, einen Waschsalon und findet langsam Anschluss. Als ein Fest der Moschee von Rassisten überfallen wird, muss sie sich entscheiden: Bleibt sie stumme Beobachterin oder zeigt sie Haltung?
Das Schweigen in mir fängt das fragmentierte Leben einer Geflüchteten in all seinen Farben ein und führt dabei deutlich vor Augen, wie wichtig es ist, sich für Verständigung und ein Miteinander einzusetzen.
Das gleichnamige Hörbuch erscheint bei GOYALiT.
Die Übersetzung aus dem Englischen wurde mit Mitteln des Auswärtigen Amts unterstützt durch Litprom e.V. - Literaturen der Welt.
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Vom Umgang mit einer traumatischen Flucht
Sandra von Siebenthal aus Romanshorn am 17.05.2023
Bewertungsnummer: 1943394
Bewertet: eBook (ePUB 3)
«Niemand ist wirklich sprachlos, flüsterte er, entweder wird man zum Schweigen gebracht, oder man bringt sich selbst zum Schweigen.»
Tag für Tag beobachtet die junge Frau die Nachbarn hinter ihren Fenstern in ihren Wohnungen. Es ist die einzige Form, wie Beziehungen zu Menschen für sie möglich sind. Sie kriegt Einblicke in die ganzen Gewohnheiten der einzelnen Menschen, in Leben, die so fern von ihrem eigenen sind. Selbst ist sie aus dem Krieg geflüchtet, aus Syrien mit Schleppern und zu Fuss, unter traumatischen Bedingungen in England gelandet. Es hat ihr förmlich die Sprache verschlagen.
«Wenn man aufhört zu sprechen, wird man sehr gut im Zuhören.»
Dadurch, dass sie nicht mehr sprechen kann (will?) denken viele, sie höre auch nichts. Sie hört auf diese Weise all das, was eigentlich nicht für Ohren bestimmt war. Für eine Zeitung soll sie ihre Erinnerungen an den Krieg und die Flucht festhalten, damit mehr Verständnis für die Situation von Flüchtlingen geschaffen werden kann. Nur: Wie könnte man das je verstehen? Und was, wenn sie plötzlich gefordert ist, aus ihrer gewählten Isolation raus und real in Beziehung zu treten?
Gedanken zum Buch
«Es ist gar nicht so schwer herauszufinden, was Menschen wollen. Im Prinzip wollen wir alle dasselbe: Freiheit, Glück, Sicherheit.»
Ein tiefes Buch, ein aufwühlendes Buch darüber, was es heisst, alles zu verlieren und nirgends mehr zu Hause zu sein, nirgends mehr sicher zu sein, nirgends dazuzugehören. Es ist aber auch ein Buch darüber, was es mit sich bringt, in einer Gesellschaft zu leben: Wie sehr kann ich mich aus ihr herausnehmen? Wo ist es meine Pflicht, mich einzubringen? Wofür trägt der Einzelne Verantwortung, wo lädt er Schuld auf sich?
«Kann man sich denn überhaupt erholen? Wenn das Leben nichts anderes ist als sich anhäufendes, wiederholtes Trauma – durstig, hungrig, kalt, arm, schwach, heiß, krank, geschlagen, verletzt, gebrochene Knochen, Blut, Blut, Blut –, kann man sich davon jemals erholen?»
Layla AlAmmar beschreibt aus der Ich-Perspektive das Leben, Denken und Fühlen einer vom Krieg und der Flucht traumatisierten Frau, die keinen anderen Weg sieht, als sich ins Schweigen, in die Isolation zu gehen, weil sie das Vertrauen in das Leben und die Menschen verloren hat. Wo gibt es noch Sicherheit, wenn Menschen einander so grausame Dinge antun können, wie sie sie erleben musste? Was ist Heimat noch, wenn man aus der eigenen fliehen musste, weil es da kein mögliches Weiterleben mehr gab?
«Ich will von diesem Land keine Almosen. Geflüchtete kommen nicht, um sich zu nehmen, was euch gehört. Wir wollen arbeiten, wir wollen zur Schule gehen, wir wollen vollständige und aktive Mitglieder der Gesellschaft werden. Wir sind keine Blutsauger oder Parasiten oder Ungeziefer. Wir brauchen nur ein wenig Hilfe. Das ist alles.»
«Das Schweigen in mir» ist ein Buch, das zeigt, was es heisst, Flüchtling zu sein, was es heisst, mit den Vorurteilen und Verurteilungen von den Menschen am Zufluchtsort umgehen zu müssen. Es ruft auf für mehr Verständnis, für mehr Mitgefühl, plädiert aber vor allem auch für eine andere Haltung von Menschen anderen Menschen gegenüber.
«Wichtig wäre, die Hintergründe kennen zu wollen, verstehen zu wollen, was im anderen vorgeht.»
Im Wissen, dass wir alle Menschen unter Menschen sind, in eine Welt geworfen, die wir uns nicht ausgesucht haben, mit der wir aber umgehen müssen als gleichwertige Mitglieder derselben, hilft es, die eigene Perspektive auch mal zu verlassen und sich mit Interesse anderen Standpunkten und Lebenshintergründen zu öffnen. Nur so ist in ein friedliches Miteinander möglich, ist es möglich, die Welt zu einem Zuhause für alle zu machen.
Fazit
Ein tiefes, bewegendes und zum Nachdenken anregendes Buch über das Leben als Flüchtling, das zu mehr Verständnis füreinander und Miteinander aufruft. Sehr empfehlenswert.
Eine Geschichte, die Herzen öffnet.
MarieOn am 10.12.2024
Bewertungsnummer: 2360918
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Tower 1, dritte Etage Mitte. Der Dad ist mit Sicherheit Trinker. Regelmäßig steht er vor der Haustüre und brüllt nach oben. Sein Sohn oder seine Tochter lassen dann die Schlüsselkarte nach unten fallen. Manchmal huscht der Wind darunter, lässt sie an ihm vorbeisegeln und ihn fluchen. Seine zierliche Frau trägt seine Fingerabdrücke auf ihren Unterarmen.
Tower 3, gleich neben ihr. Das alte Ehepaar. Tom immer tadellos gekleidet. Ruth schreit oft. Vielleicht versucht sie aber auch nur den Fernseher zu übertönen, der pausenlos läuft. Ruth ist zerbrechlich wie ein Vogel, beobachtet sie im Aufzug wie ein Karibu. Bei den Briefkästen nennt Ruth sie unverhohlen „Die Seltsame“. Wenn man nicht spricht, glauben die Leute, dass man auch nicht hören kann und man wird zwangsläufig Zeuge von Worten, die sonst nie gesagt worden wären.
Tower 2, 1. Etage rechts. Der Mann ohne Licht räumt ständig um, dreht Joints und guckt jeden Abend in die Kiste unter seinem Bett. Er spricht nicht mit ihr, wenn sie sich in der Hauswäscherei treffen und das ist ihr recht. Sie ist aus ihrer syrischen Heimat geflohen, als die Einschläge immer näherkamen. Bei allem, was sie auf ihrem Weg nach England gesehen hat, ist ihre Stimme verschwunden. Sie hat ganz Ungarn zu Fuß durchquert, hat in Griechenland neben den Bahngleisen kampiert und manchmal wenn sie aufgewacht ist, hatte sie den Geschmack von Brackwasser im Mund und einige Geldscheine im BH.
Josie protegiert sie. Lässt sie für kleines Geld Texte für ein Onlinemagazin schreiben. Wieder öffentlich als Journalistin zu arbeiten ist unvorstellbar geworden. Sie schreibt unter dem Pseudonym „Die Stimmlose“. Josie möchte, dass sie über ihre Erinnerungen schreibt, aber sie ist sich sicher, dass sie sich nicht erinnern will. Wenn sie die Kontrolle verliert, wie es ihr im Schlaf passiert, dann neigen die Erlebnisse dazu, sich auf sie zu stürzen und unter sich zu begraben.
Fazit: Diese Geschichte, die Layla AlAmmar geschaffen hat, ist eine Hommage für Respekt, Mitgefühl und Toleranz. Ihre Protagonistin hat sich allein auf den Weg nach Europa gemacht. Dabei hat sie alles zu sehen bekommen, was nicht passieren sollte. Sie ist Schleppern begegnet, die betrogen haben, überfüllten Schlauchbooten, Kühlwagen, überfüllten Auffanglagern und Männern, die ihre Situation ausgenutzt haben. Sie lebte als Journalistin bei ihrer Familie in Syrien, hat den Arabischen Frühling erlebt, gefolgt vom Bürgerkrieg, der sie alle auseinandergerissen hat. Die Autorin zeigt die zutiefst traumatisierenden Ereignisse schemenhaft luzide und macht damit vorstellbar, was Frauen und Männern passieren kann, die ihr Recht auf Freiheit, Würde und Religionsfreiheit leben wollen. Zeigt, was Menschen bewegt, ihre Heimat zu verlassen, Freunde, Familie, ihr Hab und Gut aufzugeben. Und was sie dafür in Kauf nehmen müssen, weil die Gegebenheiten so sind. Die Autorin hat schöne Worte gefunden, um die Einsamkeit zu zeigen und weise feinfühlige Sätze um das Innenleben der Hauptdarstellerin zu veranschaulichen. Ich liebe diese Geschichte, die mein offenes Herz noch größer gemacht hat.
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