Franziska Grillmeiers Aufzeichnungen erzählen detailliertund mit großem Einfühlungsvermögen vom Alltag an Europas Grenzen und vergegenwärtigen die systematischen Rechtsbrüche, die dort tagtäglich begangen werden. Ein genauso bewegender wie erschütternder Bericht über jene, deren Ausgrenzung nach ihrer Ankunft in Europa kein Ende nimmt, und über die unmenschliche Realität an den Rändern der Europäischen Union.
Die Journalistin Franziska Grillmeier ist 2018 auf die griechische Insel Lesvos gezogen, wo sich zwischenzeitlich das größte Fluchtlager Europas befand. In ihrem Buch nimmt sie auch die Momente zwischen den Schlagzeilen in den Blick, taucht tief in die Lebenswirklichkeit der geflüchteten Menschen ein und zeigt, wie sie sich nach ihrer Ankunft in Europa erneuten Traumatisierungen widersetzen müssen. Grillmeier bewegt sich in Moria, in der Hafenstadt, im Norden der Insel und reist an weitere europäische Grenzorte, an denen die Systematik der Ausgrenzung ähnlich funktioniert. Im Mittelpunkt des Buches stehen die Geflüchteten selbst, die in zahllosen Gesprächen zu Wort kommen und deren Lebenswege erzählt werden. Die Autorin zeigt, was das Lagerleben mit einem Menschen macht - und reflektiert zugleich, wie das Inselleben auf sie selbst zurückwirkt: Während Grillmeier als Beobachterin aus freien Stücken kommen und gehen kann, endet dort für die Geflüchteten die Erzählung des offenen Europas. Auch die Kriminalisierung der humanitären Hilfe, der Abbau der Pressefreiheit, die Überlastung der Inselbewohner:innen und der Zynismus der Politik in Brüssel und Athen spielen eine zentrale Rolle. So zeichnet Grillmeier durch ihre stillen, doch eindringlichen Begegnungen ein erschütterndes Bild der Menschenrechtsverletzungen an den Rändern der Europäischen Union.
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3.8/5.0
Bewertung
5/5
16.05.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Tiefgehende Recherche kombiniert mit eindrucksvollem, empathischem Schreibstil
„Prinzipiell soll das Recht auf Asyl, in der Genfer Fluchtkonvention verankert, für jeden zugänglich sein. Doch was tun, wenn man als flüchtende Person den europäischen Boden gar nicht mehr erreicht, keine legalen Fluchtrouten hat oder mit systematischer Gewalt wieder von europäischen Boden fortgezerrt wird?”
„Die Insel" von Franziska Grillmeier hat mich wütend, traurig und vor allem sprachlos gemacht. Grillmeier taucht tief in den Ausnahmezustand ein, der an den mittlerweile fast vergessenen Orten an den Rändern Europas herrscht. Mit ihrem eindrucksvollen Schreibstil und ihrer tiefgehenden Recherche gelingt es ihr, ein erschreckendes Bild von den Herausforderungen und Abgründen Europas zu zeichnen.
Die Hoffnung auf ein sicheres Leben und bessere Zukunftschancen treibt die Flüchtlinge an - sie sehnen sich nach Schutz, Stabilität und den grundlegenden Menschenrechten, die ihnen in ihren Heimatländern verwehrt werden. Diese Sehnsucht ist verständlich und berührt tief.
Ein zentraler Ort, der im Buch besprochen wird, ist das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Das Lager wurde zu einem traurigen Symbol für die unmenschlichen Bedingungen, mit denen Flüchtlinge konfrontiert sind.
„Die Menschen, die Tag für Tag im nasskalten Winter von Moria ums Überleben kämpften, waren zu einem Spielball der Geopolitik geworden. Sie gerieten dadurch an die Grenzen ihrer Überlebensfähigkeit [...].”
Moria war ursprünglich als temporäre Unterkunft geplant, konnte jedoch mit dem enormen Zustrom von Menschen nicht Schritt halten. Infolgedessen wurde es zu einem überfüllten und chaotischen Ort, der die grundlegenden Bedürfnisse der Bewohner nicht erfüllen konnte. Die Infrastruktur war völlig überlastet, es gab einen akuten Mangel an sanitären Einrichtungen, sauberem Wasser, Nahrungsmitteln, trockenen Unterständen und medizinischer Versorgung - also eigentlich an allem.
„Moria war [...] längst zu einem medialen Ausstellungsraum für die europäische Asyl- und Migrationspolitik geworden. Zu einer Bühne von Rechtsverletzungen, die durchaus fotografiert, ausgestellt und beschrieben werden sollten, damit die Abschreckungsmechanik des Lagers [...] auch wirklich griff.”
Das Flüchtlingslager Moria wurde zum Sinnbild für das Scheitern des europäischen Asylsystems und der mangelnden Solidarität zwischen den EU-Mitgliedstaaten. Es fehlte an einer koordinierten und effektiven Lösung, um die Situation zu verbessern und den Menschen in Moria angemessene Unterstützung zu bieten. Die Bedingungen in Moria waren nicht nur eine humanitäre Krise, sondern auch ein Appell an die europäischen Länder, ihre Verantwortung wahrzunehmen und gemeinsame Lösungen zu finden.
„Die Insel" erinnert uns an die dringende Notwendigkeit, diese Probleme anzugehen und eine menschenwürdige Behandlung der Schutzsuchenden sicherzustellen.
Denn das eine andere Behandlung von (Kriegs-)Flüchtlingen möglich ist, zeigte sich ein paar Jahre später mitten in Europa:
„In diesem Moment prallten zwei Welten von schutzsuchenden Menschen aufeinander - jene, die keine sicheren Fluchtwege haben und deren gewalttätige Misshandlung durch europäische Grenzschützer:innen auf dem Weg meist folgenlos bleibt, und jene, die in ihrem Schutzgesuch in Europa empfangen werden, wie es im internationalen und europäischen Recht verankert ist.”
Franziska Grillmeier scheut sich nicht davor, die Schattenseiten Europas schonungslos offenzulegen und dabei die menschlichen Geschichten derjenigen zu erzählen, die an den Rand gedrängt werden. Ihre Erzählungen sind geprägt von Empathie und Mitgefühl, und sie gibt den oft unsichtbaren Stimmen eine Plattform.
Besonders beeindruckend ist die detaillierte Recherche, die in das Buch einfließt. Grillmeier hat offensichtlich zahlreiche Stunden damit verbracht, mit Menschen vor Ort zu sprechen, Daten und Fakten zu sammeln und Hintergrundinformationen zu recherchieren. Dadurch gelingt es ihr, ein authentisches Bild der Situation zu zeichnen und umfassend zu berichten. Und das, obwohl das Buch nur etwas mehr als 200 Seiten hat.
„Die Insel" gibt einen Einblick in die Hoffnungen, Ängste und Träume derjenigen, die gezwungen sind, illegale Routen zu nutzen. Es erinnert uns daran, dass hinter den Zahlen und Statistiken echte Menschen mit Geschichten stehen, die unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung verdienen. Es ist ein Aufruf zur Solidarität und Veränderung und sollte meiner Meinung nach von jedem gelesen werden, der jemals eine Schlagzeile über Flüchtlinge gelesen oder Flüchtlinge gesehen hat oder jemanden im Umfeld kennt, der eine Meinung zu Flüchtlingen hat.
Bewertung
4/5
08.05.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Es sind zu viele" oder "das ist...
"Es sind zu viele" oder "das ist nicht zu schaffen" geistern als Schlagzeilen schon seit geraumer Zeit durch die Asyldebatte(n). Was es (körperlich) bedeutet Asyl in der EU zu beantragen sollte man hier nachlesen, bevor weiter Sprüche geklopft werden.
Renas Wortwelt
3/5
05.06.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Anklagender Bericht über die Situation in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln
Dieses Buch vermittelt den Eindruck, als wisse es nicht so genau, was es will. Dabei ist der Bericht der Journalistin Franziska Grillmeier über die Zustände in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln wichtig. Sie erzählt von ihren eigenen Erlebnissen dort, als Beobachterin, als Freundin und als Journalistin.
Doch scheint mir die Erzählweise ein wenig erratisch, ist das Buch doch eine Mixtur aus Reisebericht, Schilderung einzelner Schicksale und Anklage der desolaten und verfehlten Migrationspolitik der EU.
Die Autorin hat geraume Zeit auf der Insel Lesvos gelebt, Kontakt aufgenommen zu den Geflüchteten in den Lagern, sie begleitet, ihre Schicksale aufgezeichnet. So hat sie mitbekommen, wie die engagierten Mitarbeiter verschiedener NGOs kriminalisiert, verhaftet und angeklagt wurden. Sie hat miterlebt, wie dramatisch schlecht die Gesundheitsversorgung in den Lagern ist, dass die Geflüchteten wenig bis gar keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben. Sie hat beobachtet, wie mühsam es für die in den Lagern Lebenden ist, ihre Asylanträge zu stellen, wie langwierig und wie frustrierend.
Dazwischen erzählt sie immer wieder aus ihrem eigenen Leben, dabei so nebensächliche Dinge wie Abende in Kneipen, was sie dort aß oder trank. Das macht die Lektüre etwas mühsam, wird man dadurch doch aus dem Mitfühlen für die von Flucht und Lagerleben Betroffenen herausgerissen.
Ebenso eingefügt, und das natürlich völlig zu Recht und mit vollem Nachdruck, prangert sie die Zustände an, erläutert sie die Zusammenhänge und macht auf die misslungenen europäischen Versuche aufmerksam, die Krise an den Außengrenzen der EU zu lösen.
Insgesamt ein wichtiges Buch, das den Leser:innen die Problematik deutlich und unmissverständlich vor Augen führt. Dennoch hat mir der Stil und die Methode der Autorin nicht gänzlich zugesagt.
Franziska Grillmeier - Die Insel
C.H. Beck, März 2023
Gebundene Ausgabe, 220 Seiten, 24,00 €
Ziu Jan
aus Frankfurt (Oder)
3/5
27.05.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Insel ist eine Serie von…
Die Insel ist eine Serie von in der Ich-Form erzählten Begegnungen einer Deutschen auf der griechischen Insel Lesvos mit dort im Lager Moira festgehaltenen AfghanInnen, SomalierInnen, SyrerInnen, IrakerInnen und mit auf Lesvos lebenden und arbeitenden Griechen und anderen EU-Bürgern. Der Ton des Buches ist gesprächig, es wird gegessen, getrunken, im Regen herumgelaufen. Diese Gesprächigkeit kontrastiert mit wenigen Angaben zum Hintergrund der Menschen, mit denen die Autorin spricht. Was sie machen, denken, fühlen, wollen, hat sich mir nur schemenhaft erkennen lassen. Das ist ok, die Autorin präsentiert viele Menschen, da bleibt dann für jeden einzelnen nur die kurze Auskunft. Ich habe im Buch Auskünfte oder Nachforschungen über die Menschen, die die Boote von der Türkei nach Lesvos organisieren, vermisst. Ich habe auch vermisst, dass die, die im Lager Moira festgehalten werden, von der Autorin nach ihren Finanzen befragt werden. Eine Flucht, ein langer Aufenthalt in einem fremden Land wie Türkei kostet Geld. Woher kommt das Geld, mit dem die Menschen aus Afghanistan, Somalia, Syrien nach Lesvos fliehen? Ich war beim Lesen des Buches vielfach traurig über die Lage der in Moira festgehaltenen Menschen, ihren Hunger, ihre Schutzlosigkeit gegen Kälte, Regen, ihren Mangel an Medikamenten, Fürsorge von medizinischer wie sozialer Seite - eine Schande für die EU. Ich verstehe, dass die Griechen finden, sie würden mit der Einwanderung von Deutschland allein gelassen.. Auf der letzten Seite erfährt man über einige, die im Buch vorkommen, was sie heute machen. Das heisst, dass die allermeisten überlebt haben und einen Ort zum Leben gefunden haben, diese Auskunft hat mir Mut gemacht für die Frage, wie Einwanderung in die EU gestaltet werden kann zum Wohle der Einwandernden und zum Wohle der EU.
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