Hagen, Anfang dreißig und ewiger Student, ist in Berlin gescheitert und mit den Eltern verkracht. Als diese tödlich verunglücken, kehrt er in sein Schwarzwälder Heimatdorf zurück, um an sein früheres Leben anzuknüpfen. Doch bestürzt stellt er fest, dass nichts beim Alten ist: Im Dorf hat man ihn vergessen, der Wald seiner Kindheit soll Flüchtlingsunterkünften weichen. Hagen beginnt einen aussichtslosen Kampf um das Verlorene und gegen das Fremde, bis er in der Jesidin Adana auf eine Frau trifft, die genau wie er entwurzelt zu sein scheint.
»Dass ein Vogel den Baumstamm kopfüber hinablaufen konnte, davon hatte sie noch nie gehört. Das wolle sie auch können, flüsterte sie. Alle Wege rückwärtsgehen. Rückwärts in der Zeit.«
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Zwischen Zeit, Sehnsucht und Zugehörigkeit – Ein poetischer Roman, der direkt ins Herz trifft
Bewertung aus Hamburg am 14.06.2026
Bewertungsnummer: 3167955
Es gibt Bücher, die man liest und wieder vergisst. Und dann gibt es Bücher wie Die Ungleichzeitigen von Philipp Brotz – Geschichten, die sich still und behutsam ins Herz schleichen, dort einen Platz finden und noch lange nach dem Ende nachhallen. Dieses Buch gehört für mich zu eben diesen seltenen Romanen. Zudem kann dieses Werk nicht durch große Dramatik oder spektakuläre Wendungen beeindrucken, sondern durch seine Atmosphäre, die darin enthaltene Menschlichkeit und außergewöhnlich sprachliche Schönheit.
Schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass Philipp Brotz kein Autor ist, der einfach nur eine Geschichte erzählen möchte. Er beobachtet, reflektiert und zeichnet mit seinen Worten Bilder, die weit über die eigentliche Handlung hinausgehen. Seine Sprache ist poetisch, feinfühlig und voller leiser Schönheit. Dabei wirkt sie niemals künstlich oder überladen. Vielmehr entsteht das Gefühl, als würde man durch einen stillen Wald gehen und dabei Dinge entdecken, die im hektischen Alltag oft übersehen werden.
Im Zentrum des Romans steht die Frage, was es bedeutet, anders zu sein und seinen eigenen Platz in einer Welt zu finden, die häufig Gleichförmigkeit erwartet und anders lebende ausstößt. Die Grundidee der “Ungleichzeitigkeit” wird dabei auf eine faszinierende und vielschichtige Weise umgesetzt. Es geht um Menschen, die nicht im gleichen Rhythmus leben wie ihre Umgebung, die anders wahrnehmen, anders fühlen oder anders denken. Dabei behandelt das Buch Themen, die aktueller kaum sein könnten: Identität, Zugehörigkeit, Einsamkeit, Selbstfindung und die Sehnsucht nach echter Verbindung. Statt einfache Antworten zu liefern, lädt der Roman dazu ein, über diese Fragen nachzudenken und eigene Perspektiven zu entwickeln.
Die Geschichte entfaltet sich bewusst ruhig und nimmt sich Zeit für ihre Figuren. Es gibt keine Action in den Szenen oder künstlich hoch gepushtes Drama, und gerade diese leisen Töne und ruhigen Szenen bieten eine tolle Entschleunigung beim lesen und genau das macht dieses Buch sehr faszinierend. Die leisen Töne schleichen sich nach und nach in den Kopf des lesenden und wollen dort bleiben.
Die Handlung lebt von Begegnungen, Gesprächen, Erinnerungen und den kleinen Momenten, die oft viel bedeutender sind als große Ereignisse. Jede Szene fühlt sich durchdacht an und trägt zur Entwicklung der Geschichte bei. Der Roman zeigt eindrucksvoll, dass die leisen Augenblicke oft die stärkste Wirkung entfalten können.
Während des Lesens entsteht das Gefühl, die Figuren nicht nur zu begleiten, sondern sie wirklich kennenzulernen. Ihre Hoffnungen, Ängste, Zweifel und Wünsche werden so authentisch dargestellt, dass man sich ihnen sehr nahe fühlt. Die Protagonisten wirken lebendig, glaubwürdig und vielschichtig. Sie sind einfache Menschen mit Fehlern, Unsicherheiten und eigenen inneren Konflikten und wirken genau darum so echt und authentisch, berühren tief im inneren beim lesen. Besonders gelungen ist ihre Entwicklung im Verlauf der Geschichte. Veränderungen geschehen nicht plötzlich oder unrealistisch, sondern entstehen Schritt für Schritt aus Erfahrungen, Begegnungen und persönlichen Erkenntnissen. Dadurch wirken die Entwicklungen nachvollziehbar und emotional berührend.
Die Beziehung entwickelt sich behutsam und lässt den Figuren genügend Raum, sich individuell weiterzuentwickeln. Die Geschichte erzählt von dem Wunsch nach Akzeptanz, Nähe und dem tiefen Wunsch, verstanden zu werden.
Philipp Brotz behandelt in seinem
Buch wichtige und zeitlich sehr passende Themen mit bemerkenswertem Feingefühl. Nichts wirkt belehrend oder konstruiert. Stattdessen entsteht eine natürliche Tiefe, die den Leser zum Nachdenken anregt. Gerade die sensible Darstellung von Menschen, die sich außerhalb gesellschaftlicher Erwartungen bewegen, ist besonders gelungen. Das Buch begegnet seinen Figuren mit Verständnis und Respekt und vermittelt eine wichtige Botschaft über Akzeptanz und Menschlichkeit.
Die Ungleichzeitigen ist kein Buch, das man einfach konsumiert. Es ist ein Roman, den man erlebt. Beim Lesen wechseln sich Ruhe, Melancholie, Hoffnung, Wärme und Nachdenklichkeit immer wieder ab. Viele Szenen besitzen eine stille Intensität, die tief berührt. Immer wieder hielt ich inne, um über einzelne Gedanken oder Formulierungen nachzudenken. Das Buch erinnert daran, wie wertvoll echte Begegnungen sind und wie wichtig es ist, den eigenen Weg zu gehen – auch wenn dieser nicht dem Rhythmus anderer Menschen entspricht.
Wer Romane von Autoren mag, die Atmosphäre und Gefühle ebenso wichtig nehmen wie die Handlung, wird hier wahrscheinlich ein neues Lieblingsbuch finden. Die Ungleichzeitigen ist ein außergewöhnlich feinfühliger Roman über das Anderssein, die Suche nach Zugehörigkeit und die Kraft menschlicher Verbindungen. Philipp Brotz verbindet eine wunderschöne poetische Sprache mit tiefgründigen Figuren und einer berührenden Geschichte, die lange im Herzen bleibt. Die leisen Töne dieses Buches entfalten eine erstaunliche Wirkung. Es ist ein Roman, der entschleunigt, zum Nachdenken anregt und dabei zutiefst berührt.
Die Geschichte rüttelt wach!
liesmal aus Wilhelmshaven am 19.05.2023
Bewertungsnummer: 1944573
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Am liebsten hätte Hagen in Heimatnähe studiert, doch die Entscheidung seines Vaters hat ihn nach Berlin geführt. Dort hat er sich nie heimisch gefühlt. Als er mit Anfang 30 nach dem Tod seiner Eltern ohne Abschluss in sein Heimatdorf zurückkehrt, wünscht er sich sein Leben von früher zurück.
Ich muss an das Cover denken, das einen Vogel zeigt, der am Baumstamm abwärts klettert. Doch anders als es dem Kleiber möglich ist, sieht es bei Hagen aus. Er kann weder die Zeit zurückdrehen noch so leben wie vor seinem Weggang.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hagen – unselbstständig und gefangen in seiner eigenen Welt – sich damit arrangieren kann, dass es Fremde gibt in seinem Dorf, dass sogar ein Stück des Waldes verschwinden soll, um Flüchtlingsunterkünften Platz zu bieten.
Heimatlos, so fühlt sich Hagen, weil er sein Zuhause nicht mehr erkennt. Doch heimatlos sind auch die Fremden, die als Flüchtlinge gekommen sind und hier auf ein neues Leben hoffen. Wenn man liest, wie der Autor Philipp Brotz Einzelschicksale der Menschen beschreibt, die als einzige Möglichkeit noch die Flucht sehen, dann dürfte es in unserem Land nur Menschen mit offenen Armen geben. Die Geschichte rüttelt wach!
Mit der Jesidin Adana lernt Hagen eine Frau kennen, die ihm guttut – und ich als Leserin habe nicht nur Adanas persönliche, sehr berührende Geschichte, sondern auch viel über das Leben und den Glauben der Jesiden gern gelesen.
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