Fremde und Familie - ein Weihnachtsfest in einem Cottage. »Ein literarisches Feuerwerk.« Frankfurter Rundschau
Winter – die kürzesten Tage, die längsten Nächte. Eine Jahreszeit, die uns das Überleben lehrt. Vier Leute, Fremde und Familie, verbringen Weihnachten in einem riesigen Haus in Cornwall, und doch stellt sich die Frage, ob jeder genug Platz findet. Denn Arthurs Mutter Sophia sieht Dinge, die nicht sein können. Arthur selbst sieht andere. Und da sind noch Iris, Sophias Schwester, ewige Rebellin, nach dreißig Jahren wieder zurück, und Lux, eine Fremde, die Arthur als seine Freundin ausgibt. Eine besondere Nacht, voll Streit und Lügen, Erinnerungen und Mythen.
Kundinnen und Kunden meinen
3.5/5.0
BjoernAndBooks
aus Hildesheim
5/5
01.08.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die vierfache Wahrheit
Es ist Weihnachten, das Fest der Liebe. Arthur, kurz Art, verbringt die Feiertage bei seiner Mutter Sophia in ihrem einstmals herrschaftlichen, heute nahezu verwahrlosten Anwesen in Cornwall. Begleitet wird er von Lux, einer jungen Frau, die er als seine Freundin Charlotte ausgibt, die sich kürzlich von ihm getrennt hat. Aus Sorge um den geistigen Zustand seiner Mutter kontaktiert er deren Schwester Iris, bittet sie, an ihrer Weihnachts-Schicksalsgemeinschaft teilzuhaben, obwohl die Schwestern seit ewigen Zeiten keinen Kontakt zueinander hatten. Das Quartett diskutiert, streitet, geht sich aus dem Weg, findet wieder zusammen, vereint und trennt. Sie sprechen über Vergangenes und Gegenwärtiges, es geht um die Wahrheit, subjektive und objektive, um Politik, Kunst und Familie.
„Schönheit ist der richtige Weg, etwas zum Besseren zu verändern. […] Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit Schönheit. Schönheit vorzutäuschen, das geht nicht“. (S. 208)
Der zweite Band von Ali Smiths Jahreszeiten-Quartett diskutiert erneut relevante Thematiken der Jetzt-Zeit. Mit der bereits aus „Herbst“ bekannten kraftvollen und gleichzeitig höchst poetischen Sprache schafft sie erneut einen Mikrokosmos aus in diesem Fall vier Menschen, der verhandelt, was dem personalen Kleeblatt wichtig erscheint und für uns als von Bedeutung ist. Im Zentrum stehen dieses Mal vor allem die Themen Umweltverschmutzung, Migration und Flucht sowie Digitalisierung, die Smith immer wieder einstreut und aufblitzen lässt. Virtuos bedient sie sich dabei aus dem Repertoire ihrer großen sprachlichen Fähigkeiten und arbeitet sich vor allem an der Frage „Was ist Wahrheit und was ist Wahrnehmung?“ konsequent ab.
Wie auch schon in „Herbst“ gelingt es Smith mit großer Raffinesse subtilen Humor und ernste, wichtige Gegenwartsthemen miteinander zu verknüpfen. Über Art, der einen Blog namens „Art in Nature“ führt und sich dabei mit einem hohen Maß an Lakonie über vermeintlich Randständiges in der Natur auseinandersetzt, bringt Smith die Umwelt-Thematik ins Spiel, die durch die Umweltaktivist*innen-Tätigkeit von Arts Tante Iris auf die Spitze getrieben wird. Jedes Thema wird von den vier Protagonist*innen auf unterschiedliche Weise betrachtet, bewertet und diskutiert. So geht es stets um mehrere Ebenen, die inhaltliche wie auch die das Thema bearbeitende. Jede*r hat seine eigene Wahrheit, bringt diese in den Diskurs ein, was gerade in Zeiten fortschreitender Digitalisierung – Arts Ex-Freundin macht sich mit der Zeit seinen Blog zu eigen, ohne die neue Autor*innenschaft kenntlich zu machen – zu neuen Formen von Wahrnehmung und Realität führt. Sinnbildlich steht dafür auch ein körperloser Kopf, der aus Sophias Gesichtsfeld herausgetreten ist und sie nun mutmaßlich begleitet, aber nur von ihr gesehen werden kann – ein Mahnmal für die heutige Zeit der Unzuverlässigkeiten!
Ali Smiths „Winter“ knüpft nahtlos an „Herbst“ an – auch wenn ich den ersten Band noch ein kleines bisschen innovativer empfunden habe. Ein wahrlich literarisches Fest, das mich begeistert, beeindruckt hinterlässt und das zum Nachdenken einlädt!
buechertraumzeiten
aus Aachen
4/5
30.06.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wundervolle Sprache
„Winter“ kann man nicht in Eile lesen - man muss sich aktiv Zeit für das Buch nehmen und es langsam auf sich wirken lassen (bei mir waren es zwar weniger als 24-Stunden, aber gut). Das Buch ist eine Erfahrung für sich, in die man eintauchen und mit dem Fluss der Geschichte gehen muss. Mir hat das Buch besser gefallen als der Vorgänger „Herbst“ und ich kann wirklich jedem, der Sprache liebt nur ans Herz legen, dieses Werk zu lesen, denn Ali Smith schreibt mit so viel Wärme, Zuneigung und Anmut, dass es einfach nur bemerkenswert ist! Ein absolutes Herzensbuch und Lesehighlight für mich! Ich bin gespannt wie es im „Frühling“ weiter geht.
https://lieslos.blog/
4/5
03.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte...
Der Roman spielt auf einem riesigem Anwesen in Cornwall. Vier Menschen verbringen dort miteinander das Weihnachtsfest.
Wir lernen die verbitterte, verwirrte und abgemagerte Hausherrin Sophia, eine Endsechzigerin, kennen, die mit wenig Vorfreude auf ihren 30-jährigen Sohn Arthur und seine Freundin Charlotte wartet.
Arthur hat nicht den besten Stand bei seiner einst erfolgreichen und daher wohlhabenden Unternehmermutter, ist er doch ein etwas zu sensibler und phantasievoller Naturromantiker, der es nur zum Blogger gebracht hat. Zwar erfolgreich, aber na ja... und um nicht noch mehr Negativpunkte bei ihr zu sammeln, plant Arthur, die Trennung von Charlotte zu verheimlichen und bringt stattdessen die 21-jährige obdachlose Lux mit zum Fest.
Lux ist eine ihm fremde kroatische Austauschstudentin, die Arthur aufgegabelt und engagiert hat. Doch die Tarnung fliegt schon bald auf.
Und als vierte im Bunde kommt dann noch die rebellische Tante Iris, eine engagierte Aktivistin und Weltverbesserin, die schon seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr zu ihrer jüngeren Schwester Sophia hatte, dazu.
Arthur hat sie gerufen, weil er sich mit seiner sehr verstört wirkenden Mutter überfordert fühlt.
Die vier sehr unterschiedlichen und eigenwilligen Menschen verbringen eine außergewöhnliche Nacht miteinander.
Unter Harmonie und konfliktfreier weihnachtlicher Stimmung stellt man sich etwas anderes vor als das, was die vier miteinander erleben.
Es ist eine Nacht, in der gestritten und gelogen wird, in der unterschiedliche Sichtweisen aufeinanderprallen, Erinnerungen aufkommen, Geheimnisse gelüftet werden und Verdrängtes und Vergessenes an die Oberfläche drängt.
Es ist eine Nacht, in der die beiden ungleichen und schon immer konkurrierenden Schwestern sich angiften, in der Sophia mit gehässigen Kommentaren nicht spart und in der sie Dinge sieht, die beim besten Willen nicht sein können.
Hat sie Halluzinationen oder spukt es gar? Leidet sie unter einer wahnhaften Erkrankung oder hat sie einfach nur eine lebendige Phantasie?
Es ist eine Nacht, in der politische und andere aktuelle Themen sowie literarische Persönlichkeiten ihren Raum bekommen und in der es auch neben all den Feindseligkeiten und Querelen versöhnliche Momente gibt, was v. a. die empathische Lux mit ihren diplomatischen Bemühungen und ihren vermeintlich naiven und zum Nachdenken anregenden Fragen ermöglicht.
Therapeutengleich vermittelt und moderiert sie, was durchaus von Erfolg gekrönt wird.
Sie ist, angelehnt an Charles Dickens Weihnachtsgeschichte, der gute Geist dieser Weihnacht, der einen kaltherzigen Menschen erweicht und versöhnlich stimmt. Aber eine märchenhafte Weihnachtsgeschichte wird „Winter“ deshalb noch lange nicht.
Die Geschichte hat keine stringente und geradlinige Handlung, es sind eher ineinanderfließende Momentaufnahmen bzw. aneinandergereihte und nebeneinanderliegende Szenen, Fragmente und Assoziationen.
Ali Smith ist eine brillante und scharfsinnige Beobachterin.
Sie experimentiert und spielt mit den Wörtern und Sätzen, mit den Perspektiven und Zeitebenen, mit der Wahrheit und mit uns Lesern.
„Winter“ ist weder eine klassische Familiengeschichte, noch eine typische Weihnachtsgeschichte, obwohl sie an Weihnachten spielt und eine Familie im Mittelpunkt des Geschehens steht.
Sie ist vielmehr ein anspruchsvolles Puzzle, wobei man das Bild und den Sinnzusammenhang erst mit der Zeit erahnt und letztlich in seiner Gänze erkennt, wenn alle Einzelteile zusammengefügt sind.
Manches erschließt sich nicht sofort, sondern erst im Verlauf oder am Ende.
Die 1962 geborene Schottin Ali Smith hat mit „Winter“, dem zweiten, aber unabhängig vom ersten zu lesenden Band ihres Jahreszeitenquartetts, ein warmherziges, sehr spezielles und außergewöhnliches Werk geschaffen, das mir einige Stunden Lesevergnügen schenkte.
Es machte Spaß, dem collageartigen Kammerspiel beizuwohnen und den Dialogen zu lauschen, die es fürwahr in sich haben.
Im Kleinen geht es um eine Familie, im Großen um die britische Gesellschaft.
Ich empfehle „Winter“ gerne weiter, obwohl mir der Roman v. a. auch im Vergleich zu „Herbst“ etwas zu politisch und die Figuren etwas zu hölzern waren.
Bewertung
4/5
11.01.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was Literatur vermag...
Nachdem sich die relevanten Feuilletons bereits überschlagen haben, versuche ich nun mein Leseerlebnis zu skizzieren. Mit dem Beginn des Romans tue ich mich etwas schwer, weil Smith dort mit Stilmitteln aus der Fantasy spielt. Wenn ich versuche jetzt den Schreibstil zu erfassen, fällt mir nur das Wort „mäandern“ ein. Sie bedient sich eines kurvenreichen, verschlungenen Musters, um die Geschichte von Sophia, Iris, Arthur und Lux zu erzählen. Dabei allerdings ufert sie nicht aus. Alles spielt vor der Kulisse der Prä-Brexit Ära mit politischen Anklängen ohne jedoch in Faktenhuberei abzudriften. Wenn Literatur dazu dient Ereignisse und Befindlichkeiten zu verdichten, um sich selbst wiederzufinden oder aber zu distanzieren, dann liefert Ali Smith hervorragende, große Literatur. Der Titel „Winter“ ist ein Teil von Smiths Jahreszeiten-Zyklus. Ich freue mich jetzt antizyklisch auf ihren „Herbst“. Bin ich in den „Winter“ erst nicht „hereingekommen“… bin ich dann nur ganz schwer wieder herausgekommen. Das Buch wirkt jetzt schon nach.
YukBook
aus München
4/5
08.12.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Bei den Büchern von Ali Smith…
Bei den Büchern von Ali Smith muss man auf allerhand gefasst sein. Sicher ist, dass es keine gewöhnliche Lektüre wird, so auch bei ihrem jüngsten Werk „Winter“, dem zweiten Teil ihres Jahreszeitenquartetts. Schon bei der Inhaltsangabe tue ich mich schwer, weil es keine stringente Handlung gibt, sondern vielmehr ein Ineinanderfließen von Momentaufnahmen. Der Roman beginnt mit einem düsteren Szenario, in dem fast alles tot ist: die Romantik, die Poesie, die Kultur, die Demokratie ... Im Mittelpunkt des Geschehens steht Sophia, die in einem alten Haus in Cornwall lebt und Dinge sieht, die andere nicht sehen, zum Beispiel einen schwebenden Kopf, der sie durch das Haus begleitet. Sie hat über Weihnachten ihren Sohn Arthur und dessen Freundin Charlotte eingeladen. Da Arthur sich von seiner Freundin getrennt hat, bringt er stattdessen eine Studentin mit, die er an einer Bushaltestelle aufgegabelt hat und sich als Charlotte ausgeben soll. Als dann noch Sophies Schwester Iris dazu stößt, hängt der Haussegen völlig schief. Iris war schon immer das Gegenteil von Sophie: eine Rebellin und Weltverbesserin. Weihnachtliche Stimmung kommt kaum auf, doch die Zänkeleien und die Art und Weise, wie jeder auf seine Sicht der Welt beharrt, hat doch viel Ähnlichkeit damit, wie das „Fest der Familie“ häufig abläuft. Allzu zartbesaitet darf man nicht sein: Sophias gehässige Kommentare gepaart mit teils schockierenden Bildern brachten mich ziemlich aus der Fassung. Umso überraschender sind dann die zarten Momente der Versöhnung, die hin und wieder aufblitzen. Ali Smith präsentiert uns, wie zu erwarten war, keine klassische Familiengeschichte, sondern eine experimentelle, literarische Spielerei mit Erzählperspektiven, Zeitebenen, Worten, Wahrheit und Lüge, in der sowohl aktuelle politische Themen als auch literarische Größen wie Dickens und Shakespeare ihren Platz finden.
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