Roy Jacobsens neues Buch folgt einer Gruppe junger Menschen aus ärmlichen Verhältnissen im von den Deutschen besetzten Oslo im Zweiten Weltkrieg. Die Jungen und Mädchen haben nichts zu verlieren und müssen sich durchschlagen, zwischen Freund und Feind, Durchhalten und Widerstand. Ein großartig geschriebener, spannender Roman aus einer Welt, die nicht oft geschilder wird.
In Roy Jacobsens neuem Roman «Die Unwürdigen» folgen wir einer Gruppe von Jungen und Mädchen aus einem Wohnhaus am östlichen Rand von Oslo während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Die Jugendlichen leben in Armut und schlagen sich durch, indem sie schwindeln, stehlen wie die Raben, Dokumente fälschen und umfangreiche Einbrüche begehen. Sie schrecken auch nicht davor zurück, die Besatzer zu beklauen und auszunutzen.
Mit dieser Gruppe von Kindern zeichnet der preisgekrönte Autor ein schonungslos ehrliches und warmherziges Porträt einer Gesellschaftsschicht und eines harten Alltags, wie sie bisher kaum vorkamen. Dies ist ein Roman über das Überleben in Kriegszeiten, über eine Unterschicht, die ohnehin immer zu kämpfen hat und im Krieg nur ihr eigenes Leben, aber keine Besitztümer, keine Rechte, kein eigenes Land zu verteidigen hat. Über die verschiedenen Motive, aus denen Widerstand entsteht, und darüber, dass auch die Befreiung nicht alle befreit, über das Überleben unter Extrembedingungen und eine verschworene Gemeinschaft.
Ein spannender, dichter, hoch aufgeladener Roman, aktuell, klug aufgebaut und mit faszinierenden Figuren.
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Leben im besetzten Oslo – bedrückend, voller Abenteuer, lebensgefährlich
Renas Wortwelt am 20.09.2023
Bewertungsnummer: 2026181
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Wieder ein furioser Roman des Norwegers. „Die Unwürdigen“ steht seinem Buch „Die Unsichtbaren“ in nichts nach.
Wer macht sich schon bewusst, wie das Leben eines Jugendlichen, einer Heranwachsenden in einer besetzten Stadt gewesen sein muss. Wer weiß, was in den jungen Menschen vorging, die während eines Weltkrieges in einem besetzten Land leben. Besonders, wenn es um Jugendliche geht, die man heutzutage abgehängt nennt, die nicht wissen, wie sie morgen etwas zu essen bekommen, deren Geschwister vor Hunger weinen, deren Mütter müde und abgekämpft, die Väter arbeitslos und ohne Perspektive sind.
Davon erzählt dieser fulminante Roman. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe Kinder, die in einem heruntergekommenen, armen Viertel Oslos leben, in den Jahren 1942 und danach, als die Stadt, wie das ganze Land, von den Deutschen besetzt ist. Alle leben in sehr einfachen Verhältnissen, die Väter können von Glück reden, wenn sie Arbeit haben, die Mütter müssen mit dem wenigen, was sie haben, die Familien versorgen.
Da ist es unabdingbar, dass auch die größeren Kinder, die Jugendlichen, irgendwie Geld verdienen oder auf andere Weise etwas zum Unterhalt der Familie beitragen. Zentrum der Handlung ist Carl, der mit Mutter, Vater und seinen beiden Schwestern in einer kargen Wohnung lebt. Seine Freunde sind Olav, Vidar, Jan, Roar. Olav ist so etwas wie der inoffizielle Anführer der Gruppe, die, statt zur Schule zu gehen, erst kleine, dann immer größere Diebstähle begeht. Auch Arbeit suchen und finden sie, sogar bei den verhassten Deutschen. Als Carls Vater verhaftet wird, der Vater eines anderen Jungen verschwindet, als Olavs Mutter immer öfter fortbleibt und er seine kleinen Geschwister versorgen muss, immer halten die Jungen zusammen, teilen ihre Beute, behalten nichts für sich, geben es an ihre Familien. Und all das unter den Augen der Besatzer, die sie auch gerne mal ausspionieren.
Jacobsen erzählt diese Geschichten, diese kleinen und großen Begebenheiten mit Lakonie, mit leichter Distanz. Ohne in die Gefühlsschiene zu fallen, ohne die Tränendrüsen zu drücken – und genau deshalb umso ergreifender, um so erschütternder. Man sieht die ramponierten Wohnungen, die desolaten Einrichtungen, die zerschlissene Kleidung vor sich, man spürt den Hunger und die Kälte, fühlt die Angst. Dabei erzählt er nicht immer alles aus, lässt vieles im Vagen, Vermuteten, macht Andeutungen, überlässt es der Leserin, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.
Die Bücher von Roy Jacobsen sind etwas ganz besonderes. Wie die alten klebrigen spiralförmigen Fliegenfänger hat der Autor die Leserin mit dem ersten Satz eingefangen und lässt sie nicht mehr los.
Ein hochspannender, emotionaler, historisch wichtiger Roman, der unbedingt zu empfehlen ist.
Roy Jacobsen – Die Unwürdigen
aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann
C.H. Beck, August 2023
Gebundene Ausgabe, 331 Seiten, 26,00 €
Die besondere Sicht auf ein altes Thema
Karin Braun aus Kiel am 14.09.2023
Bewertungsnummer: 2021983
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Roy Jacobsen führt uns nach Oslo, zur Zeit der deutschen Besatzung Norwegens. Es ist nicht das Oslo des Wohlstands. Carl, Mona, Olav und die anderen Jugendlichen leben mit ihren Eltern in einer Wohnsiedlung am Rande der Stadt. Keiner ist reich, nicht einmal wohlhabend, und unter dem Regime der Besatzer ist es noch schlimmer, als in Friedenszeiten. Zur Schule gehen Carl und seine Freunde und Freundinnen nur sehr sporadisch, sie sind zu sehr damit beschäftigt mit Diebstahl, Betrug und Schwarzmarktgeschäften ihre Familien zu unterstützen. Und da die Zeiten nun mal schlecht sind, und die Erwachsenen oft genug nicht wissen, wie sie alle satt bekommen sollen, fragen sie auch nicht, woher die Kinder das Geld haben, da sie Muttern so zustecken.
Roy Jacobsen hat mit „Die Unwürdigen“ ein sehr ungewöhnliches Buch über diese Zeit geschrieben. Denn seine Protagonisten sind die Beraubten. Die, denen man ihre Kindheit genommen hat. Ansonsten sind alle da, die Unterdrüker, Ja-Sager, die sich Beuger, die Widerständler und die Denunzianten. Es ist ein sehr besonderes Buch, das ich nur empfehlen kann.
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