Kurz vor ihrem hundertsten Lebensjahr wird Marietta von einer seltsamen Unruhe ergriffen. Dabei macht sie sich nicht viel aus den Geburtstagen, vielmehr beschäftigt sie, was in ihrer Umgebung passiert. In das Zimmer ihrer Heimnachbarin Gisela ist Herr Tacke eingezogen, mürrisch und ein alter Nazi, wird gemunkelt. Und in der Flüchtlingsunterkunft nebenan lebt ein kleiner Junge, der sie an ihren Sohn erinnert, der vor vielen Jahrzehnten die Flucht aus den Ostgebieten nicht überlebt hat.Nach und nach melden sich die Geister der Vergangenheit und fordern sie auf, sich endlich dem schmerzhaftesten Ereignis ihres Lebens zuzuwenden, das sie jahrzehntelang in ihrem tiefsten Inneren vergraben hatte. Durch eine Begegnung findet sie den Mut, sich ihrer dunkelsten Stunde zu stellen.Ein berührender Roman, der eindringlich von den Wunden des Krieges erzählt und von der Kraft der Versöhnung.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
MarieOn
5/5
05.02.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kluge Aufarbeitung unserer Geschichte
Marietta wird morgen Einhundert Jahre alt, jetzt ist es 24 Uhr, sie liegt unruhig im Bett. Nicht wegen ihres Geburtstags, sondern wegen der Schatten, die die Dunkelheit wirft. Sie setzt sich an ihren Schreibtisch und kramt ein paar Fotos aus der Schublade hervor, so, wie sie es immer macht, wenn sie nicht schlafen kann. Sie dreht ein Bild um und schaut auf ihren Heinrich, “den der russische Winter verschluckt hat”. Zwei Jahre hatten sie miteinander gehabt und daraus war ihr Johann entstanden. Ihr Johann …ganz dünnes Eis.
An Gisela denkt sie, als sie das Foto mit Emil umdreht, Giselas Wellensittich. Sie hatte neben ihr gewohnt in der Residenz, wo sie nun schon seit zwanzig Jahren wohnt. Damals, als Elias sie verließ, ihr zweiter Mann, Psychoanalytiker.
Als sie sich fühlte wie ein verlassenes Haus, durch dessen zerbrochene Fenster und leere Räume der Wind fegt. S. 48
Ihr Elias, der so bestrebt war herauszufinden, warum sie beim Sex mit ihm, immer, die Augen schloss, aber sie konnte es ihm nie sagen. Nach Elias hatte sie 250 Quadratmeter gegen diese 45 getauscht, in denen sie nun lebt. Zuerst war sie als freiwillige grüne Dame von Zimmer zu Zimmer gegangen und hatte das Gespräch angeboten, das lag ihr einfach.
Wenn sie jetzt aus dem Fenster schaut sieht sie die Container mit den Flüchtlingen, die von weit übers Meer hirher, zu uns gekommen sind. Neulich erzählte ihr jemand, dass ein fünfzehnjähriges syrisches Mädchen und ihr kleiner Bruder von Männern durch den Park gejagt wurden. Da packte es sie wieder, der Druck in den Schläfen, Augen flackern, Knie wie Pudding. Atmen, ruhig, atmen.
Fazit: So eine wichtige Geschichte, so gut egemacht. Die Autorin hat klug erzählend, unsere Geschichte aufgearbeitet und mit großer Sensibilität, die Auswirkungen des Krieges, anhand von Marietta gezeigt. Wir vergessen nicht, dass wir einen völlig sinnlosen Krieg angezettelt und Völkermord begangen haben. Aber wir haben vergessen, was wir unseren Großeltern und damit den folgenden Generationen angetan haben. Unsere Frauen, die wie Vieh behandelt, gedemütigt und vergewaltigt wurden, ihre Männer und Kinder ganz verloren, oder versehrt und verändert zurück bekommen haben. All dieser unnötige Schmerz, das macht was mit einem. Ich hoffe, das passiert tatsächlich: Nie wieder!
Bewertung
5/5
20.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wunderbar, Berührend.
Eigentlich sind es so gar nicht meine Themen: Altern, Krieg, Schuld. Aber die Autorin versteht es, mit fein gezeichneten Figuren eine positive Atmosphäre zu schaffen und schnell will man wissen, was hinter allem steckt. Und das überraschende Ende versöhnt.
Bewertung
Book Circle Community
4/5
29.03.2026
Buch (Taschenbuch)
Was bleibt, ist die Gewalt
Der Einstieg ist etwas sprunghaft. Die verschiedenen Ebenen – Gegenwart in der Seniorenresidenz, Erinnerungen an das Kriegsende und die Zeit mit dem zweiten Ehemann – wechseln häufig. Besonders die Passagen mit Elias wirken zunächst eher ruhig, teilweise fast banal. Im Laufe des Lesens habe ich sie aber immer mehr als bewussten Kontrast verstanden zu den anderen Ebenen, die emotional extrem intensiv sind. Ohne diese ruhigeren Teile wäre das Buch wahrscheinlich kaum auszuhalten.
Und genau darin liegt eine große Stärke dieses Romans.
Die Erinnerungen an die Zeit nach dem Krieg sind unglaublich eindringlich. Es wird nichts beschönigt, nichts erklärt, nichts abgefedert. Es ist einfach da. Fakt. Man liest das nicht mehr wie eine Geschichte, sondern eher wie ein Zeugnis. Wie ein „factum brutum“, etwas, das passiert ist und sich nicht einordnen lässt. Diese Stellen sind schwer auszuhalten und genau deshalb so stark. Ich musste mich beim Lesen oft zusammenreißen, war nahe an den Tränen. Nicht, weil es sentimental ist, sondern weil es so direkt ist.
Die Sprache ist dabei beeindruckend. Einerseits poetisch und fein, voller Bilder, und dann wieder ganz reduziert, hart, fast nur noch einzelne Sätze oder Wörter. Gerade in den intensivsten Momenten wird sie einfacher – und trifft genau deshalb umso mehr. Es gibt Bilder und Gedanken, die bleiben. Besonders die Idee, dass Erinnerungen unsere Gefühle bewahren, aber nicht verändern, hat sich bei mir festgesetzt. Dass sie eingeschlossen bleiben, wie eine Fliege im Bernstein.
Was mich besonders beschäftigt hat, ist die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Roman zeigt, wie sich Gewalt und Verlust durch Zeiten hindurchziehen, ohne sich wirklich aufzulösen. Das wird nicht laut erzählt, sondern entsteht langsam, zwischen den Szenen – und genau dadurch entfaltet es seine Wirkung.
Dieses Buch ist nicht vollkommen gleichmäßig, aber gerade das hat mich am Ende nicht mehr gestört. Im Gegenteil: Die stärksten Passagen haben eine solche Intensität, dass sie alles andere überstrahlen.
Wichtig: Das ist nichts für empfindliche Leser*innen. Es gibt sehr direkte, schonungslose Darstellungen von Gewalt, auch sexualisierte Gewalt. Das muss man aushalten können.
Am Ende bleibt für mich: Ein Roman, der Zeit braucht, der sich entfaltet – und der in seinen stärksten Momenten eine Wucht erreicht, die man nicht mehr vergisst. Und genau deshalb lohnt er sich sehr.
Weitere Rezensionen auf Deutsch findest du auf meinem Goodreads- und LovelyBooks-Profil
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