Das Böse ist zentral verknüpft mit dem Menschsein – und seit jeher auch immer wieder thematisiert: im Mythos, im Märchen, in der Philosophie von Beginn an, hier immer wieder anders gesehen und interpretiert. Das Böse ist der kritische Vorwurf an jedes optimistische Bild vom Menschen, gleichsam der tief sitzende Stachel in der schönen Haut. Der vorliegende Text entwirft ein Gesamtbild des Phänomens von seinen geistesgeschichtlichen Anfängen bis heute; der Focus liegt auf unterschiedlichen philosophischen Positionen. Ein leitender Aspekt ist die Auseinandersetzung mit den Humanwissenschaften: Sie laufen in ihren unterschiedlichen Versuchen einer Erklärung Gefahr, das Phänomen zu verharmlosen, zu verdrängen, zu verfälschen.
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Ein Standardwerk über das Böse
Bewertung am 16.01.2024
Bewertungsnummer: 2110021
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Die Arbeit schlägt in der Analyse der Philosophie des Bösen den ganz großen Bogen: von „Adam und Eva“, im Wortsinn, denn die Darstellung beginnt mit einer Deutung der christlich-mythologischen Schöpfungsgeschichte, bzw. des „Sündenfalls“, und reicht bis zu Klaus The-weleit und dessen moralpsychologischer Kritik der Tötungslust am Beispiel Anders Breiviks. Es gibt kaum Vergleichbares, ein Werk, das die Geschichte der philosophischen – und am Rande auch der humanwissenschaftlichen - Beschäftigung mit dem Bösen so konsequent verfolgt, über alle Stufen der mythologischen, christlichen, antik-philosophischen, neuzeitlichen und aktuellen Ansätze. Ich bin sicher, das wird ein Standardwerk werden, lehrreich für alle, die sich intensiver mit der Philosophie des Bösen beschäftigen wollen.
Auf den ersten knapp 100 Seiten wird das Böse verfolgt in der Mythologie, der Religion und den Märchen; es wird eine systematisch-kritische Begriffsanalyse des Bösen geleistet und ein erster Überblick über Tendenzen philosophischer Deutungen des Bösen im Zeitverlauf geboten, ergänzt und veranschaulicht durch zahlreiche Exempel des Bösen in der realen Welt und der fiktiven Literatur.
Im Hauptteil werden dann „ausgewählte Deutungsansätze des Bösen“ in der Philosophiege-schichte dargeboten, und zwar von den christlichen Denkern Augustinus und Thomas von Aquin, über zentrale neuzeitliche Philosophen – Th. Hobbes, Leibniz, Rousseau, I. Kant und A. Schopenhauer - bis zu aktuellen Positionen bei S. Freud, H. Arendt und P. Ricoeur.
Wer zu Beginn dieser Lektüre womöglich noch den Eindruck hatte, es handele sich beim „Bö-sen“ eher um ein anthropologisches Randphänomen, wird nun eines Besseren belehrt: Tatsäch-lich gehört das „Nachdenken über das Böse“ zum integralen Bestandteil der Philosophiege-schichte.
Als roter Faden zieht sich durch das Werk die Sorge um ein Eskamotieren des Bösen, eine „Exkulpation durch die Psychopathologie“ (S. 191), durch Soziologie und Kriminologie. Frericks befürchtet, dass das Böse als eigenständige philosophische Kategorie, als genuiner Ge-genbegriff zum Guten verdrängt wird und ersetzt durch Begriffe, wie „das Schlechte“, „das Falsche“, „das Verbotene“, womit das Böse seiner (un-)moralischen Qualität beraubt werde. Dazu ein paar kritische Fragen:
Was, genau, steht zu befürchten hinsichtlich angemessener Strafverfolgung, falls der Begriff des Bösen preisgegeben wird?
Kann die Entdämonisierung des „Bösen“, seine Herabstufung zu Gewaltverbrechen und Ge-waltverbrechern nicht als moralischer Fortschritt gesehen werden?
Die Beurteilung einer Tat als „böse“, das wird im gesamten Werk deutlich herausgearbeitet, ist nur möglich bei der gleichzeitigen Annahme eines freien Willens im starken, kantianischen Sinne. Wenn ein solcher Freiheitsbegriff aber humanwissenschaftlich kaum mehr haltbar ist, fällt damit nicht auch das „Böse“ in sich zusammen?
Ist die psychiatrische Anerkennung von Sadismus, Psychopathie und Soziopathie als Krankheit – die ja in psychiatrischen Gutachten festgestellt werden müssen und keinesfalls dazu führen, dass jede brutale Gewalttat entsprechend eingestuft wird – nicht ebenfalls ein moralischer Fortschritt gegenüber der schlichten Etikettierung als böser Mensch?
In der Arbeit wird überdeutlich, wie stark der Begriff des Bösen theologisch „kontaminiert“ ist, damit mit Schuld, Sünde, Sühne in Verbindung steht. Besteht nicht die Gefahr, dass der „Böse“ damit über Gebühr theologisch vereinnahmt wird?
Der „böse“ Mensch, mit „bösem“ Charakter hat, anders als der Gewaltverbrecher und Schwerkriminelle, bei dem das für jede Tat neu festgestellt werden muss, bei Kant und bei Frericks, per definitionem stets die freie Wahl: Er hätte sich auch für das Gute entscheiden können, entscheidet sich aber regelmäßig für das Böse. Entwertet das den „Bösen“ nicht völlig als Menschen? Beraubt es ihn nicht seiner Würde? Ergo: Wäre es nicht humaner, das „Böse“ für die einzelne Tat zu reservieren, und den ganzen Menschen bestenfalls gelegentlich „Böses“ tun zu lassen?
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