Dies ist Paul Austers sehr persönliche Abrechnung mit der Vergottung des Waffentragens in der amerikanischen Kultur und Gesellschaft. Er erzählt davon zunächst in biografischen Vignetten, beginnend bei den Spielzeugcolts der Kindheit und den Western im Fernsehen. Es folgen die ersten Einschläge im näheren Umfeld, der von der Großmutter erschossene Großvater – lange Zeit ein Familiengeheimnis, von dem Auster nur durch Zufall erfuhr.
Von da aus geht er zurück in die amerikanische Geschichte und erklärt, warum die Waffe in der Hand des freien Bürgers in direkter Linie aus der Gewalt der Sklavenhaltergesellschaft hervorgegangen ist. Der Streit ums Waffentragen führt ins Zentrum der aktuellen Auseinandersetzungen um die Gestaltung des amerikanischen Gesellschaftssystems. Auster zeigt sich hier als ebenso polemischer wie klarsichtiger politischer Beobachter und Kommentator.
Der Text wird begleitet von Fotos des US-Fotografen Spencer Ostrander – in ihrer Stille gespenstisch eindrückliche Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Schauplätze bekannter Massaker.
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Hätte ich dieses Essay…
ins_lebenlesen aus Schleswig-Holstein am 15.03.2024
Bewertungsnummer: 2891445
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Hätte ich dieses Essay gelesen, wenn es nicht von PAUL AUSTER gewesen wäre? Vermutlich nicht. Weil es mir zu weit weg ist? Weil wir – wie Paul Auster schreibt – „auf fernen Kontinenten dem entsetzt und ratlos zuschauen, nicht weniger erschüttert, als wir es sind, wenn wir von Genitalverstümmelungen an jungen Mädchen lesen, oder dass anderswo Frauen zu Tode gesteinigt werden, wenn ihre Ehemänner ihnen Untreue vorwerfen.“? Ja, vielleicht ist es das. Doch das, was die Amerikaner mit ihren Waffen haben, die tiefe Spaltung, die die Frage durch die Gesellschaft zieht, die kulturelle Verwurzelung „der Vergottung des Waffentragens“ fühlt sich näher an als ich dachte, ähnlich nah wie die Diskussion um das Tempolimit auf unseren Straßen. Paul Auster geht das Thema persönlich und weniger wissenschaftlich an. Ausgehend von seiner Familiengeschichte, in der die Großmutter seinen Großvater erschoss und damit die Familie schwer zerrüttete, verdüsterte und traumatisierte, erzählt er seine Kindheit und Jugend im „wilden Westen“, der in den USA der 50er Jahre auch im Osten war. Schießübungen gehörten zum Ferienlager genauso selbstverständlich dazu wie das Stockbrot am Lagerfeuer. Von dort geht er zurück in die amerikanische Geschichte und kommentiert die Verwurzelung der Waffe in Privateigentum, die weit zurück in die Siedlungs- und Gründungsgeschichte der USA reicht. Es bleibt jedoch eine persönliche Abrechnung, die durch zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos des US-Fotografen Spencer Ostrander von mehr als 30 Schauplätzen von Amokläufen unterstrichen wird. Allesamt Plätze der Stille unter völliger Abwesenheit von Menschen, „Grabsteine kollektiver Trauer“, beklemmend, manchmal ganz friedlich wirkend, aus einer Perspektive, die der Amokläufer vielleicht eingenommen hat, bevor er sein Werk verrichtete. „Auf ein Wort stößt man […] immer wieder: Einsamkeit, unerträgliche, erdrückende Einsamkeit, es ist dieselbe Einsamkeit, die Millionen andere Amerikaner auf die eine oder andere Weise dazu treibt, Trost im Vergessen zu suchen – zu viele Drogen, zu viel Alkohol, obsessive Flucht in die Labyrinthe des Internets.“ S.114 Es geht um Gefühle, um die Angst, die zu Gewalt führt und die Angst, die aus ihr entsteht und die wiederum zu blinden Entscheidungen führt. Es geht um den Teufelskreis, um das Begreifen, das Verstehen. Mich hat es sehr bewegt und auch wenn das vielleicht nicht UNSER Thema ist, so lässt sich doch auf UNSERE Themen schließen und lassen sich Parallelen denken, die Diskussionen anregen.
Die Wurzeln der Gewalt ?
Bewertung am 18.03.2024
Bewertungsnummer: 2157808
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
In den USA sind mehr Waffen im Umlauf als die vereinigten Staaten Einwohner*Innen haben. Jahr für Jahr kommen genauso viele Menschen in den USA durch Schussverletzungen ums Leben, wie bei Autounfällen.
Bestsellerautor und Komparatist Paul Auster schreibt mit "Blootbath Nation" ein sehr persönliches Essay zum Thema Waffengewalt, die immer mehr Überhand zu nehmen scheint. Während Prominente sich mit Waffen ablichten lassen um ein bestimmtes Bild, der Dominanz zu vermitteln, weinen andere Prominente gleichzeitig und sehnen ein Ende des liberalen Waffenrechts herbei. In seinem Essay beginnt Paul Auster bei seiner Kindheit, in der Spielzeugwaffen und später echte bei Ferienlagern allgegenwärtig waren. Er verschweigt auch nicht, dass seine Großmutter seinen Großvater erschossen hat. Er zieht einen Querschnitt durch die Geschichte der USA von der Sklaverei bis in die Gegenwart und zeigt die Problematik eines Waffenverbots auf, bzw. weswegen dieses scheitert. Geschmückt ist der Essay mit schwarz-weiß- Fotografien, die sogenannte "Shooting-Places" zeigen, die auf den Seiten antithestisch friedlich wirken.
Eine Erörterung des Themas ist von enormer Wichtigkeit, allerdings bleibt eine klare Positionierung mit Lösungsvorschlägen aus, was gerade bei einem Essay nicht verwerflich wäre. So erwähnt Auster zwar direkt im ersten Satz nie eine Schusswaffe besessen zu haben, doch bleibt es undurchsichtig wie er sich eine Zukunft mit Waffen in den USA vorstellt oder wünschen würde.
Meinung aus der Buchhandlung
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Auster rechnet in diesem Essay mit einer blutigen Tradition in den USA ab, die sogar in der US-amerikanischen Verfassung festgeschrieben steht: dem Besitz und Tragen von Schusswaffen. In keinem anderen westlichen Land gibt es jährlich so viele Tote durch Waffengewalt wie in den Vereinigten Staaten. Auster hält den Finger auf die Wunde und skizziert die lange blutige Geschichte seines Landes, von der frühen Kolonialzeit, der Expansion nach Westen bishin zu Massakern heutiger Zeit. Ein wichtiger Appell, eine dringende Warnung.
Das Buch enthält zudem Fotos von Spencer Ostrander, der durch die Staaten fuhr, um Tatorte der Massaker in Bildern festzuhalten.
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