Ostpreußen 1928. Die junge Käthe verliebt sich in Carl, einen angehenden Bäckermeister mit eigenem Geschäft. Nach der Hochzeit werden ihre Kinder geboren, es folgen arbeitsame und glückliche Jahre in Locken. Doch im Januar 1945 nimmt das Schicksal der Familie eine dramatische Wendung, als sie ihre geliebte Heimat Masuren verlassen müssen. Ist die gesundheitlich stark angeschlagene Käthe den Strapazen der Flucht gewachsen, und was wird aus den fünf Kindern, als Carl in Gefangenschaft gerät?
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Eine ostpreußische Familiengeschichte
Bewertung aus Magdeburg am 23.08.2023
Bewertungsnummer: 2006338
Bewertet: eBook (ePUB)
1928 verliebt sich die Wirtstochter Käthe in den Bäckersohn Carl aus Locken. Als dieser seine Ausbildung zum Bäckermeister abgeschlossen hat, heiraten die beiden und führen eine glückliche Ehe. Carl erkennt früh die Gefahr, die von der NSDAP ausgeht. Da er als einziger Bäcker im Ort unabkömmlich ist, wird er nicht eingezogen. Er und seine Familie hängen an ihrem Besitz und dem guten Leben, das sie in vielen Jahren fleißiger Arbeit aufgebaut haben. Im Januar 1945 müssen sie sich jedoch auf die Flucht begeben. Ihr Ziel ist Berlin, aber es kommt ganz anders als gedacht.
Simona Wernicke beschreibt die Geschichte der Familie Kühnapfel sachlich und ausgesprochen empathisch. Alle Protagonisten werden detailliert und gut vorstellbar beschrieben. Im ersten Teil geht es um das arbeitsame und nicht immer leichte Leben, denn neben der Bäckerei galt es, die Felder zu bestellen und das Vieh zu versorgen. Dennoch gab es genügend Gelegenheiten zum fröhlichen und unbeschwerten Feiern. Im zweiten Teil erzählt Simona Wernicke von den Erlebnissen auf der Flucht, die sehr aufwühlend und berührend sind. Trotz der vielen Grausamkeiten gibt es immer wieder Menschen, denen das Leid anderer nicht gleichgültig ist.
In einem Epilog berichtet Simona Wernicke, wie es mit der Familie weiterging. Das hat mir als wichtige Ergänzung sehr gut gefallen.
Eine Karte von Ostpreußen, die in meinem Exemplar leider sehr unscharf ist, ergänzt den Roman.
Simona Wernicke, Jahrgang 1962, wurde in Berlin geboren, wo sie auch lebt. Sie arbeitete als Chefsekretärin und Redaktionsassistentin im Berliner Verlag. In ihrem Debüt-Roman verarbeitet sie die Erinnerungen ihres Vaters.
Fazit: ein wichtiger Roman über Flucht und Vertreibung und die daraus entstehenden Traumata. Ich kann diesen Roman uneingeschränkt empfehlen.
Bewegend und erkenntnisreich
Bifi aus Berlin am 18.08.2023
Bewertungsnummer: 2003157
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Ist nicht über das einst von Deutschen bewohnte Ostpreußen und die Masuren schon alles gesagt, geschrieben, verfilmt worden? Und jetzt noch eine Familiengeschichte aus dieser Zeit?
Ja! Genau zur richtigen Zeit!
Was inzwischen drohte in der Versenkung der Erinnerung zu verschwinden, hat Simona Wernicke auf eine zauberhafte Weise wiederbelebt und zwar so, dass man hineingezogen wird in die Zeit, in die Landschaft und ihre Menschen und speziell in die sehr sympathische, arbeitsame Familie eines Bäckermeisters. Wir ahnten, wie es sein muss, morgens um 3 Uhr in der Backstube zu stehen. Aber damit war es nicht genug. Hier wurde außerdem das Korn noch selbst gesät und geerntet. Hier wurden Gemüse angebaut und Tiere gehalten, um die Familie zu ernähren, um einige der Produkte auch im hauseigenen Laden anzubieten.
Dass so viel Fleiß und klaglose Selbstausbeutung zu einem gewissen Wohlstand führte, ist eine Genugtuung, die man selbst als Leser empfindet. Man gönnt es ihnen.
War man doch mit dem jungen Carl in Gedanken im Berlin der ausklingenden goldenen 20er Jahre unterwegs. Seine Meisterjahre bei Bäcker Telschow krönte er mit einer Spezialität aus seiner Heimat, die ein Heimfahrtverbot zu Weihnachten zur Folge hatte: "Janz Berlin is nach deinem Königsberger Marzipan verrückt", bekam er zu hören und bescherte der Bäckerei satte Einnahmen.
Und ging man nicht mit der bescheidenen Käthe durch den langen Tag, streichelte die Kinder, fütterte das Vieh, hackte Unkraut und breitete die Wäsche zum Bleichen auf der Wiese aus? Man war bei den Höhepunkten dieses Familienlebens dabei, ob Taufe oder Beerdigung, Ferien bei den Gastwirts-Großeltern oder Besuche bei der Tante im fernen und feinen Königsberg.
Soweit, so gut, so innig. Doch es ist ja eine Ostpreußen-Geschichte. Man weiß ja als Leser, was kommt. Aber hier, bei Simona Wernicke, kommt es zunächst wie ein Hauch, der durch die Räume streift und nicht bleiben will. Man höre da so einiges aus dem Reich, aber es wird schon nicht so schlimm werden und man ist ja weit weg von diesem Berlin.
Und als aus dem Hauch schon eine steife Brise geworden war, hinter vorgehaltener Hand Angst vor einem Krieg geäußert wurde, denn offen zu reden war schon eine Existenzfrage geworden, da gab es auch einige, die es gar nicht mal so schlecht fanden, dass da jemand war, der durchgreifen wollte, aufräumen, Ordnung schaffen. Aber auch die meinten, so schlimm wird es schon nicht werden.
Wie schlimm es wurde, lässt uns die Autorin genauso intensiv und authentisch miterleben. Zurück bleibt eine große Trauer und die Erkenntnis, dass wir vieles heute besser verstehen könnten, wenn uns Geschichte so lebendig in Hirne und Herzen geschrieben wird. Bannung von Kriegsgefahr, Umgang mit Hilfesuchenden, polnische Forderungen nach weiterer Wiedergutmachung - dieses Buch führt uns direkt in die Gegenwart. Auch gut für Leute, die glauben, eigentlich schon alles zu wissen.
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