Slawen in Deutschland?
Den meisten Deutschen sind die slawischen Wurzeln weiter Teile des nord- und mitteldeutschen Raums kaum bewußt. Deshalb versteht sich der Roman als ein Beitrag zur europäischen Integration. So ließe sich im Sinne Feuchtwangers sagen, daß zur Darstellung aktueller Herausforderungen eine historische Problematik verwendet wird.
Durch die Einführung des Christentums verfestigen die Sachsen, Dänen, Polanen und Tschechen im 10. Jahrhundert ihre politischen Strukturen. Das geschieht auf Kosten der letzten unabhängigen slawischen Stämme.
Nach einer Niederlage der Redarier wird Dragowit als Geisel bei den Sachsen erzogen. Bevor er die uneheliche Tochter des Herzogs heiraten darf, muß er in seine Heimatstadt zurückkehren, um sie an die Sachsen auszuliefern. Die dort herrschenden Priester ziehen Dragowit auf ihre Seite und spannen ihn als Heerführer für den Lutizenaufstand ein. In diesem Machtspiel entwickelt sich Dragowit zu einem eigenständigen Akteur.
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Rezension über den Roman: Der Lutizenaufstand von P. A. Erbe
Bewertung am 10.11.2023
Bewertungsnummer: 2065884
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Zu den in der deutschen Geschichte wichtigen, aber weitgehend vergessenen Vorgängen des deutschen Mittelalters gehört der Slawenaufstand von 983 n. Chr. Er hatte zur Folge, dass die sächsisch-deutsche Herrschaft im Raum zwischen Elbe und Oder nördlich der Mittelgebirge beendet wurde. Zahlreiche slawische Stämme hatten unter der Führung einer mit dem Tempel Retra verbundenen Priester- und Adelsgruppe die christlich-sächsische Herrschaft nachhaltig erschüttert. Die bereits begonnene politische und kirchliche Organisation wurde vernichtet und für mehr als zweihundert weitere Jahre blieb das Land zwischen den christlichen Reichen der Deutschen und Polen ein Bereich mehr oder weniger unabhängiger slawischer Kleinstämme. Dies sollte sich erst im 12. Jahrhundert ändern, als mit der erneuerten deutschen Herrschaft Sprache und Besonderheiten der im späteren Nordostdeutschland siedelnden Slawen allmählich in der Menge der zuwandernden Deutschen verschwanden. Doch blieben slawische Namen von Gewässern, Siedlungen und Örtlichkeiten bis in die Gegenwart erhalten. Es ist ein Kunstgriff des Autors, die Schauplätze des Romans, die Landschaften und Siedlungen an Havel und Elbe bis hoch in den Ostseeraum, in den vor 1100 Jahren gebräuchlichen slawischen Namensformen zu bezeichnen. Vertrautes wird so als Entfremdetes erlebbar.
Vor dem Hintergrund der Vor- und Verlaufsgeschichte des Aufstandes entwickelt der Verfasser sein Werk, das – obwohl an den historischen Fakten orientiert – kein „historischer Roman“ im herkömmlichen Sinne ist. Es ist die Geschichte des Dragowit, eines Adelssohnes aus Retra, der nach einer Niederlage seines Stammes als Geisel nach Sachsen verschleppt und dort auf den Namen Heinrich getauft und zu einem geübten Reiterkämpfer ausgebildet wird. So sind ihm sowohl der slawische wie auch der christlich-sächsische Kulturkreis vertraut. Den vagen Hoffnungen auf eine symbiotische Entwicklung der ihn prägenden Ethnika und die Befreiung der unter der Gewalt der in Retra regierenden Priesterkaste leidenden Bauern stehen freilich die mit der eigenen Person verbundenen politischen Gegebenheiten entgegen. Noch im deutschen Machtbereich hatte ihm sein Gönner, der sächsische Herzog Bernhard aus dem Hause Billung, die Hand seiner – unehelichen – Tochter versprochen. Im Gegenzug sollte Dragowit nach dem Wunsch des Herzogs dafür sorgen, dass das Gebiet um Retra - ebenso wie der zuvor durch den König und Kaiser Otto eroberte Raum an der Havel - unter sächsisch-christliche Herrschaft gestellt werden soll. Für ihn selbst war die Lehnsherrschaft über den Bereich versprochen. Im Zuge der hier geschilderten Rückkehr aus der Geiselhaft in die Heimat zeigt sich aber, dass die Erwartungen seiner slawischen Landsleute an den Heimkehrer gänzlich anderer Natur sind: Ausgehend von dem in Retra befindlichen Swarożyc-Tempel und dessen Priesterschaft ist ein viele slawische Stämme umfassender Aufstand gegen die sächsische Tributherrschaft und die begonnene Christianisierung des Slawenlandes geplant. Dragowit erscheint den dort versammelten Großen als ein geborener Anführer der Erhebung. Wie Eilika für die sächsische Option steht, ist es auch hier eine Frau, Dragowits Zwillingsschwester Zora, eine Tempelprostituierte, die ihn in rauschhafte Zustände versetzt und durch die Wucht ihrer für die slawische Sache glühenden Persönlichkeit auf die Gegenseite zieht. Dragowit aber nimmt – nicht wenig geschmeichelt - die Aufgabe an, und in einem Rundritt zu den für den Aufstand wichtigen Zentren, die hier in ihrer vordeutschen, uns vertraut-unvertraut wirkenden Gestalt beschrieben werden, knüpft er das antisächsische Bündnis.
Der Verfasser entwirft für Dragowit ein „modernes“ Charakterbild. Eindeutigkeit ist ihm fremd. Das Doppelspiel wird Teil seiner Existenz, die in verschiedene Identitäten aufgespalten ist. Ein wenig Halt und Unterstützung findet er in Libusza, die mit ihm das Erleben der Geiselhaft geteilt hat, nun auf der Seite der Aufständischen steht und mit ihm verheiratet werden soll. Auch sie ist – wie die beiden anderen Frauen - ein Teil seiner Identität, der er sich nicht entziehen kann, obwohl ihm diese Verbindung von außen, hier von slawischer Seite, angetragen worden ist. Der innere Zwiespalt wird für seine Umgebung offenbar, als er aus den in einem Handstreich auf das Kloster Calbe gefangenen Frauen Eilika für sich fordert, und damit einen Konflikt mit einem weiteren Anführer des Aufstandes, der sie als seine Beute betrachtet, heraufbeschwört. Zudem strebt ein einstiger Gefährt Dragowits, der Sohn des Oberpriesters des Tempels von Retra, Radegost, nach uneingeschränkter Macht und benutzt sein Wissen über Dragowit, um den Rivalen loszuwerden. Auf der von den slawischen Siegern veranstalteten Volksversammlung in Retra macht Radegost das Doppelspiel offenbar, doch gelingt es Dragowit, gemeinsam mit Eilika zu fliehen. Libusza aber wird in den Harem des Radegost überführt.
Die Flüchtenden erreichen die Burg Weligard, einen Stammesmittelpunkt der Obodriten unfern der Ostseeküste, dessen Name in deutscher Übersetzung Mecklenburg lautet. Die dortige christliche Dynastie hatte sich dem Aufstand zwar angeschlossen, doch eine gewisse Eigenständigkeit behalten. Einem späteren dort ansässigen slawischen Fürstengeschlecht gelang es sogar, die Herrschaft über das einstige Obodritenland bis zur Auflösung der deutschen Monarchien im Jahr 1918 zu bewahren. Fürst Mistiwoj gewährt Asyl und richtet die Heirat zwischen Dragowit und Eilika aus. Obwohl am Hochzeitstermin Radegost mit einer Heeresmacht in Weligard erscheint und die Auslieferung des Verräters und seiner Braut fordert, widersteht Mistiwoj zunächst den Drohungen. Die Hochzeit kann vollzogen werden. Hat Dragowit nun den Weg zum eigenen Ich gefunden? Das Ende bleibt offen.
Die fremde Welt vor mehr als 1000 Jahren, die zugleich die unserer Vorfahren in unserem Land ist, wird durch den modern fühlenden Dragowit für den Leser erschlossen.
Autor: Felix Escher
Dr. Felix Escher, Mitglied der Brandenburgischen Historischen Kommission, jetzt im Ruhestand, war Gastprofessor für Mittelalterliche Geschichte an der TU Berlin, Vorsitzender der Landesgeschichtlichen Vereinigung für die Mark Brandenburg und zeitweise Herausgeber und Schriftführer des Jahrbuchs für brandenburgische Landesgeschichte.
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