Nach einem Unfall und von Schuldgefühlen geplagt flieht Benjamin aus der Stadt zu seinem Vater, in ein kleines Dorf im Sauerland. Dort verbrachte er in seiner Kindheit und Jugend die Ferien. Noch heute gelten in der Brüdergemeinde strenge, evangelikale Regeln. Als Teenager war Benjamin mit den Geschwistern Hanna, Lea und Gideon befreundet, machte seine ersten sexuellen Erfahrungen mit Gideon und verliebte sich schließlich in Hanna, die bei einem tragischen Ereignis ums Leben kam.Die traumatischen Erinnerungen an Welsum haben ihn 25 Jahre davon abgehalten, den Ort wieder aufzusuchen. Nun trifft ihn die Rigidität der Fundamentalisten umso heftiger, die in ihrer Hartherzigkeit immer neue Angst schaffen und die Nähe zu Rechtsextremen nicht scheuen.
Kundinnen und Kunden meinen
3.8/5.0
adel69
aus Baden-Württemberg
5/5
02.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Roman zieht sich in die…
Der Roman zieht sich in die Länge Worum geht es in dem Buch? Benjamin, genannt Benni, kehrt nach 25 Jahren wieder in den Ort seiner Kindheit zurück. Nach Welsum im Sauerland. Dabei geht es ihm nicht gut, er hat einen Gipsarm. In Welsum trifft er Leute, die er kannte. Lea, die unterdessen fünf Kinder hat. Gideon, mit dem er befreundet war. Und Klaus, sein Vater, dessen Anerkennung und Aufmerksamkeit er immer wieder sucht. Das Dorf ist merkwürdig, oft trostlos. Getragen wird es durch eine evangelikale Gemeinde, dessen Vorstand ein gewisser Herr Reitwein ist, der in einer schönen Villa lebt. Offenbar scheinen alle Menschen, mental gesehen, abhängig zu sein von dieser Gemeinde, so dass sie es nicht schaffen, Welsum den Rücken zu kehren und anderswo ein neues Leben anzufangen. Benni hat das vor einigen Jahren geschafft – und sein jetziger Besuch sollte nur einige Tage dauern. Dennoch lässt er sich hinreißen, länger zu bleiben. Meine Meinung zu diesem Buch: Zu Anfang liest sich das Buch interessant, die Autorin hat eine schöne bildhafte Sprache. Man liest Details aus Bennis Kindheit in Welsum, die sich mit Ereignissen während seines Besuches abwechseln. Man ist schockiert über die Engstirnigkeit in Welsum – so ist es beispielsweise eine Sünde, wenn man sich einen Reisekatalog ansieht, in dem Frauen im Bikini abgebildet sind. Je weiter ich las, desto mühsamer wurde die Lektüre, denn es kam keine Spannung auf. Ich wunderte mich, dass Benni überhaupt mit einem Gipsarm nach Welsum reist – und warum er sich – trotz der schlechten Erinnerungen aus seiner Kindheit – nicht losreißen kann. Immer wieder denkt er an Vicky, seine Ex-Freundin, die in New York weilt. Benni hascht nach der Aufmerksamkeit von Klaus, seinem Vater, der Momente hat, während derer er Benni beachtet – und dann wieder nicht. Man bekommt als Leser die Information, welche schlechten Erinnerungen Benni genau hat, nicht nur die Engstirnigkeit und die merkwürdigen Leute. Aber, bis man das als Leser erfährt, muss man viel und lange lesen und sich durch oft trostlose und eintönige Handlungsstränge kämpfen. Ich vergebe dem Buch drei Sterne und bin bei einer Leseempfehlung unentschlossen.
caro_phie
5/5
22.04.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Düsteres Porträt eines Ortes
Es ist ein Ort, der wie aus der Zeit gefallen wirkt. Welsum, eine kleine Gemeinde in Nordrhein-Westfahlen, in die Benni nach einem Unfall zurückkehrt. Denn hier hat er immer seine Sommer in seiner Kindheit verbracht, bei seinem Vater. Einem Vater, der ihm trotzdem immer ein wenig fremd geblieben ist. So wie der ganze Ort und seine Bewohner - so scheint es. Denn Welsum ist Zentrum einer sektenartigen Glaubensgemeinschaft, der ein Großteil der Bewohner angehören.
Dennoch scheint es den kleinen Benni und nun auch den erwachsenen immer wieder hinzuziehen, der Glaube an Himmel und Fegefeuer ihn zugleich abzustoßen und anzuziehen. Hier findet er in seiner Jugend einen engen Freund und die erste Liebe. Hier erlebt er Gewalt, Fremdenhass, Angst und Tod.
Großartig verwebt Astrid Sozio die zwei Zeitebenen zu einem atmosphärischen, düsteren Roman darüber, welche Kräfte ein wahnhafter Glaube an Gott freisetzen kann. Obwohl das Buch eigentlich nicht ganz in mein übliches Lesemuster passt, und ich die ersten huntert Seiten gebraucht habe, um in die Geschichte reinzukommen, war ich letztendlich wahnsinnig gefesselt - von der Handlung, aber auch von Astrid Sozios Sprache, ihrer detailreichen Erzählweise, die das Buch für mich zu einem intensiven Leseerlebnis gemacht haben.
Bewertung
aus Bremerhaven
5/5
09.04.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gelungen
Wer sind eigentlich diese Menschen, die sich als heimattreu bezeichnen ohne dabei rot zu werden? Wer glaubt an "Überfremdung" und hat Angst, dass die Deutschen aussterben? Astrid Sozio hat einen spannenden Roman geschrieben, der zumindest indirekt diese hochaktuellen Fragen verhandelt und dabei so harmlos daherkommt. In "Der rechte Pfad" erzählt sie auch eine Geschichte einer Radikalisierung, die vom Ich-Erzähler erst einmal verstanden werden muss. Das macht den Roman so lesenswert.
Benjamin erlebt etwas Verstörendes und muss einfach nur weg aus der Stadt zu seinem Vater, in ein kleines Dorf im Sauerland. Seit Jahren war er nicht mehr da, verbrachte aber in seiner Kindheit und Jugend oft die Ferien dort. Noch heute gelten in der Gemeinde strenge, evangelikale Regeln. Als Teenager war Benjamin mit den Geschwistern Hanna, Lea und Gideon befreundet, Hanna stirbt. Der Kontakt zu seinem Vater bricht ab.
Jeden Abend bitten Frau Gothel und ich den Heiland, dass er in mein Herz einzieht, aber irgendwie klappt es nicht. Obwohl ich wirklich, wirklich, wirklich nicht für immer tot sein will irgendwann. Frau Gothel schenkt mir eine Karte, die zeigt, wie man von Deutschland in den Himmel kommt. Es gibt einen breiten goldenen Weg, Richtung Osten, der geht geradewegs in einen Feuersturm hinein.
'Das ist die, hm?, die Hure Babylon, da willst du nicht hin.' Frau Gothel tippt auf die schmale Pforte im Westen: 'Da, das ist dein Weg. Steinig und schwer. Und ganz schmal, und immer bergauf. Aber nur so komms du nach, hm? Nach Jerusalem. Das is das Paradies.'
Der rechte Pfad, S. 52
25 Jahre meidet Benjamin den Ort, um dann zurückzukehren. Er wird scheinbar mit offenen Armen empfangen, aber Benjamin ist kritischer geworden. Er versteht weder Gideon, mit dem er früher erste sexuelle Erfahrungen machte und der jetzt nur davon spricht, dass er "gesundgebetet" wurde noch versteht er Lea, die auf Instagram rechtsradikale Positionen vertritt. Als sich einige Waldfreunde und Lebensschützer um Benjamin bemühen und ihn für ihre Agenda einspannen wollen, steht er vor einer herausfordernden Entscheidung.
Erzählerisch ist die Geschichte absolut gelungen. Abwechselnd springt man von Kapitel zu Kapitel von der Gegenwart des 40-jährigen in die Vergangenheit des 15-jährigen. Zwei traumatische Erlebnisse bestimmen jeweils die Erzählungen: ein vermeintlicher Terrorangriff auf dem Weihnachtsmarkt und Hannas Verschwinden. Gleichzeitig versucht sich Benjamin nach dem Tod seiner Mutter dem Vater wieder anzunähern.
Die Figurengestaltung ist faszinierend, da Sozio auf zu einfache Erklärungsmuster und schwarz-weiß-Zeichnungen verzichtet. Benjamin Vater war Tierpfleger, besitzt einen voll ausgestatteten Bunker (falls die Welt eben doch untergeht) und dann verantwortlich für das Heimatmuseum. In dieser Funktion hat er sich das Skelett eines Wals besorgt, Fridolin, den Benjamin noch von Zoobesuchen kennt. Fridolins Skelett soll im Wohnzimmer aufgehängt werden und als die Gemeinschaft dann zusammenkommt und feiert, kann Benjamin selbst kaum glauben, dass er es vorher kritisch gesehen hat, dass die Gemeinschaft bekannte Rechtsextreme eingeladen hat. Die Dorfgemeinschaft ist doch so nett! Gerade in solchen Momenten finde ich den Roman unglaublich stark, weil Benjamins widersprüchlichen Gefühle deutlich werden. Kleine Andeutungen oder besondere Ereignisse, zum Beispiel das Auftauchen eines dubiosen Tieres, das Benjamins Vater unbedingt jagen will, werden am Ende überraschend aufgelöst. Der rechte Pfad ist erschreckend aktuell und ein absoluter Pageturner! Daher eine unbedingte Leseempfehlung.
Bewertung
5/5
28.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erschütternd
Die Autorin Astrid Sozio beschreibt hier eine Welt, die den meisten Menschen fremd sein dürfte, ein Dorf, Welsum, in dem eine evangelikale Brüdergemeinschaft das Sagen hat. Benni ist der Protagonist, er selbst hat in seiner Kindheit viel Zeit in Welsum bei seinem Vater verbracht, seine Eltern lebten getrennt. Nach einem traumatischen Ereignis kehrt Benni psychisch und physisch verletzt in das Dorf seiner Kindheit zurück. Dort trifft er die Menschen seiner Kindheit wieder, unter anderem die Geschwister Lea und Gideon,mit denen er besondere Geschichten teilt. Von außen kommend werden ihm die starren, fanatischen Regeln der Bruderschaft bewusst, die auch sehr mit rechten Ideologien verbunden sind. Der Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt, Gegenwart und Bennis Kindheit, so dass man nach und nach immer mehr versteht, worum es eigentlich geht. Das Thema Evangelikale und Rechtsradikalismus interessiert mich sehr und es war erschütternd zu lesen, wie es in solchen Gemeinden zu geht, auch wenn es natürlich eine fiktive Geschichte ist.
Bewertung
5/5
27.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Verklärung und Vergessen
Benjamin kehrt nach 25 Jahren nach Welsum zurück. Hier findet er einen Ort wieder, in dem die Zeit anders zu verlaufen scheint. Neben Kindheitsfreunden, die erwachsen geworden sind, trifft er auf Vergangenes, das er vergessen wollte und Ereignisse, die er mit seinem ehemals kindlichen Blick verklärt hat. Astrid Sozio schafft in diesem Roman eine ganz eigene Atmosphäre, die mittels Rückblicken die Zeitschiene zu verwischen scheint. Teilweise düster, aber stets fesselnd, entwickelt sich so das Tableau einer Kindheit und eines Dorfes, die immer wieder überraschen und mich absolut in ihren Sog gezogen haben. Zwischen Selbstvorwürfen, Zweifeln und der Suche nach Zugehörigkeit wirft Sozio ihren Protagonisten in die Strenge der evangelikalen Regeln in Welsum, wo inzwischen auch Rechtsextreme mitspielen. Benjamin wird vor einige schwere Wahlen gestellt und es ist wirklich faszinierend ihn hierbei zu begleiten.
Ein Roman, der einfach einzigartig ist und so stimmungsstark, dass man sich den Wald, die Landstraße und die Gemeindesitzungen in Welsum mehr als bildlich vorstellen kann.
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