Rebecca Cohen genießt als Tochter eines sephardischen Unternehmers die Privilegien der Istanbuler Oberschicht. Doch als sich in den 1920er-Jahren die Stimmung in Europa verdüstert, beginnt für sie eine jahrelange Odyssee, die sie über Barcelona und Havanna bis nach New York führt. Auf ihrer Flucht wird Rebecca, kaum Ehefrau und Mutter, zur Witwe, muss ihre Eltern zurücklassen, um ihren Kindern eine Zukunft zu bieten, und ihr Schicksal einem Mann anvertrauen, den sie nur aus Briefen kennt. Doch an jeden neuen Ort trägt sie ihre Erinnerung und ihre Lieder und baut sich daraus gegen alle Widerstände eine neue Heimat.
»Kantika« (»Lied«) ist eine eindringliche, lyrische Erzählung über Identität und Exil und eine inspirierende Geschichte weiblicher Resilienz, mit der Elizabeth Graver ihrer Großmutter Rebecca Cohen ein Denkmal setzt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Bewertung
5/5
09.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von Konstantinopel in die Welt hinaus
KANTIKA
Elisabeth Graver, übersetzt von Juliane Zaubitzer, mare verlag
Widmung: Zur Erinnerung an meine Großmutter Rebecca Cohen Baruch Levy
Epigraph:Deshame entrar, y me azere lugar (in Ladino)
Inhalt:
Konstantinopel, 1907 - führt die Geschichte nach Spanien und Kuba, und letztendlich in die USA. Rebecca, Tochter eines jüdisch - sephardischen Textilunternehmers, wächst in vermögenden Umfeld auf. Modebewußt näht sie gerne, dazu ist sie auch selbstbewusst. Mit zunehmenden Alter jedoch macht sie sich klar, dass die jüdische Herkunft und das jüdische Erbe ihr Schwierigkeiten im Leben bereiten könnte. Ganz egal, in welchem Land sich die Familie aufhält.
Stil: Die Enkelin schreibt über das Leben ihrer Großmutter, allein der Name zeigt schon – mehr jüdisch geht gar nicht. Sie entstammt – dem Namen nach – einer wichtigen jüdischen Familie, Gelehrte. Kapitel sind mit Fotos unterlegt. Es beginnt mit Konstantinopel, 1907, ein Foto einer Frau mit drei Kinder. Der Einstieg in den Text – was für eine schöne Reihung von Worten, was für außergewöhnliche Metapher...
Rebecca sieht alles als ein Lied. Um sie herum ist Musik, ist ein farbenfrohes multikulturelles Leben, das sich für sie in Tönen ausdrückt. Babies hängen in den Bäumen wie 'herabhängende reife Früchte'. Rebeccas Familie, eine jüdische Familie, die die Gebräuche befolgt (aber nicht orthodoxisch, sondern mit Leben erfüllt).
Beim Lesen dieser Zeilen überkommt einem die Sehnsucht dieses jüdische Leben kennenzulernen. Doch leider wurde Konstantinopel ausgelöscht und existiert nur noch als Istanbul … das multikulturelle Miteinander für immer verbannt aus der Stadt … Ladino Ausdrücke werden eingebaut, was den Text noch authentischer macht
Der Klappentext verspricht einen interessanten Roman mit vielen Einsichten in eine unbekannte Welt, aber vor allem in das Leben von Rebecca, einer mutigen Frau.
Umschlagsbild – wunderschön, wie eine portugiesische Kachel, beeindruckend durch die muslimische körperlose Kunst, dazu auffallende Farben Blau gelb grün.
LindaRabbit
aus Freiburg
5/5
09.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von Konstantinopel in die…
Von Konstantinopel in die Welt hinaus KANTIKA Elisabeth Graver, übersetzt von Juliane Zaubitzer, mare verlag Widmung: Zur Erinnerung an meine Großmutter Rebecca Cohen Baruch Levy Epigraph:Deshame entrar, y me azere lugar (in Ladino) Inhalt: Konstantinopel, 1907 - führt die Geschichte nach Spanien und Kuba, und letztendlich in die USA. Rebecca, Tochter eines jüdisch - sephardischen Textilunternehmers, wächst in vermögenden Umfeld auf. Modebewußt näht sie gerne, dazu ist sie auch selbstbewusst. Mit zunehmenden Alter jedoch macht sie sich klar, dass die jüdische Herkunft und das jüdische Erbe ihr Schwierigkeiten im Leben bereiten könnte. Ganz egal, in welchem Land sich die Familie aufhält. Stil: Die Enkelin schreibt über das Leben ihrer Großmutter, allein der Name zeigt schon – mehr jüdisch geht gar nicht. Sie entstammt – dem Namen nach – einer wichtigen jüdischen Familie, Gelehrte. Kapitel sind mit Fotos unterlegt. Es beginnt mit Konstantinopel, 1907, ein Foto einer Frau mit drei Kinder. Der Einstieg in den Text – was für eine schöne Reihung von Worten, was für außergewöhnliche Metapher... Rebecca sieht alles als ein Lied. Um sie herum ist Musik, ist ein farbenfrohes multikulturelles Leben, das sich für sie in Tönen ausdrückt. Babies hängen in den Bäumen wie 'herabhängende reife Früchte'. Rebeccas Familie, eine jüdische Familie, die die Gebräuche befolgt (aber nicht orthodoxisch, sondern mit Leben erfüllt). Beim Lesen dieser Zeilen überkommt einem die Sehnsucht dieses jüdische Leben kennenzulernen. Doch leider wurde Konstantinopel ausgelöscht und existiert nur noch als Istanbul … das multikulturelle Miteinander für immer verbannt aus der Stadt … Ladino Ausdrücke werden eingebaut, was den Text noch authentischer macht Der Klappentext verspricht einen interessanten Roman mit vielen Einsichten in eine unbekannte Welt, aber vor allem in das Leben von Rebecca, einer mutigen Frau. Umschlagsbild – wunderschön, wie eine portugiesische Kachel, beeindruckend durch die muslimische körperlose Kunst, dazu auffallende Farben Blau gelb grün.
LG
5/5
28.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Poetisch
"Kantika" ist eine fesselnde und poetische Erzählung über Identität und Exil einer sephardischen Jüdin. Rebecca, die Protagonistin, die in der Oberschicht von Konstantinopel privilegiert aufwächst, erlebt in "Kantika" eine bewegende Flucht auf der Suche nach Sicherheit und Glück durch Europa und Amerika. Als Europa in den 1920er-Jahren gefährlich für Juden wird, beginnt Rebeccas Migrationsgeschichte von Barcelona über Havanna bis nach New York. Sie erlebt dabei immer wieder Schicksalsschläge, die ihre Widerstandskraft auf die Probe stellen. Als Witwe und alleinerziehende Mutter muss sie schließlich ihre Eltern zurücklassen, um ihren Kindern eine Zukunft zu ermöglichen. Trotz aller Widrigkeiten versucht sie an allen neuen Orten, ihre Situation zu verbessern, sodass die Lektüre immer positiv und hoffnungsvoll ist.
Besonders beeindruckend finde ich die Tatsache, dass dies die Familiengeschichte der Autorin ist. Elizabeth Graver hat es geschafft, einen roten Faden in ihrer verwickelten Familiengeschichte zu finden und eine poetische Stimme zu entwickeln, die die Leser:innen durch die Geschichte trägt. Durch die einfühlsame Darstellung ihrer Großmutter schafft Graver eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, die mich als Leser tief berührt hat. "Kantika" ist für mich aber auch deshalb eine besondere Lektüre, da ich zuvor noch keinen Roman oder ein Sachbuch zur Geschichte sephardischer Juden gelesen habe. Bringt der Mare-Verlag eigentlich auch mal Bücher heraus, die nicht hervorragend sind? Ich glaube nicht!
Charley
aus Wennigsen
5/5
25.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Jahreshighlight - wie bereits erwartet!
Nach "Der Sommer der Porters" ist "Kantika" der zweite Roman aus der Feder der Autorin Elizabeth Graver für mich. Ich erwähne das hier so explizit, da ich eine sehr hohe Erwartungshaltung hatte, bevor ich mit "Kantika" gestartet bin und schon die Leseprobe hatte mich wieder von der ersten Seite an in den Bann gezogen.
Besonders gereizt hatte mich an diesem Buch auch, dass die Autorin die Lebensgeschichte ihrer Großmutter wiedergibt, die auch Protagonistin in "Kantika" ist - Rebecca Cohen.
Beginnend in Konstantinopel zu Beginn des 20. Jahrhunderts führt uns die Geschichte über Spanien nach Kuba und in die USA. Als Tochter eines sephardischen Textilunternehmers wächst Rebecca in wohlhabenden Verhältnissen auf. Sie liebt Mode, näht gerne und ist selbstbewusst. Doch je älter sie wird, desto mehr wird ihr bewusst, dass ihre Herkunft und ihr jüdisches Erbe Probleme bereiten, egal wo sie mit ihrer Familie Wurzeln schlagen möchte.
Es gibt so viele Textpassagen, in denen die Autorin ihr Können beweist und damit der Dramatik der jeweiligen Stelle nochmals auch sprachlich Ausdruck verleiht. Ein Beispiel habe ich mir rausgesucht, bei dem der Protagonistin nahegelegt wird, ihren Namen anzupassen, damit er nicht jüdisch klingt.
So heißt es (S. 99):
"Woher kommst du? Zwischen Leichtigkeit und Dunkelheit, zwischen Israel und den Nationen, zwischen dem siebten Ruhetag und den sechs Arbeitstagen. Wenn sie die Augen schließt, kann sie eingehen in den Klang und eins werde mit der unermesslichen Weite - ein Staubkorn, ein Nadelstich, reiner Atem. Ich komme von blanko, dem Nichts, das Selbst ausradiert, alle Spuren verwischt."
Jetzt nach Auslesen des Buches kann ich eigentlich nur sagen - ich habe es geliebt und meine Erwartungen wurden vollends erfüllt. Die Geschichte ist sehr flüssig geschrieben, größere Kapitel sind mit Original-Fotografien gekrönt, was die Geschichte für mich noch einmal abgerundet hat, da ich nun Gesichter zu den handelnden Personen hatte. Für mich ist "Kantika" ein absolutes Jahreshighlight.
Bewertung
aus Baden-Württemberg
5/5
16.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartiger Familienroman über fast fünf Jahrzehnte
Großartige Familiengeschichte über fast fünf Jahrzehnte
Die Hardfacts hat Elizabeth Graver der Familiengeschichte ihrer Großmutter Rebecca Baruch Levy (1902-1991) entnommen. Die Softfacts wie z.B. das Innenleben der Protagonisten entspringen der Fantasie der Autorin. „Ich habe historische Ereignisse, Familiengeschichten und Fotografien eingeflochten, aber auch Fakten geändert und bei jeder Gelegenheit frei erfunden.“ (S. 361) Um es kurz zu machen: Diese Kombination ist der Autorin hervorragend gelungen, „Kantika“ ist eine wahre Lesefreude!
Rebecca Cohens Leben beginnt in Konstantinopel. Ihre Familie ist jüdischen Glaubens, stammt zwar ursprünglich aus Spanien, hat sich aber am Bosporus bestens assimiliert, so dass sie sich türkisch fühlt. Vater Alberto genießt seinen ererbten Wohlstand und das Ansehen, das er in der Stadt genießt. Leider lassen seine Fähigkeiten als vorausschauender Geschäftsmann zu wünschen übrig, so dass sich das Familienvermögen kontinuierlich reduziert. Die Autorin zeichnet ein sorgloses, fröhliches Leben dieser Kinderjahre in einer Stadt, die viele Religionen und Nationalitäten beherbergt und sich durch hohe Toleranz auszeichnet.
Doch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ändern sich. Zahlreiche Juden verlassen Anfang der 1920er Jahre das Land, die meisten in Richtung USA. Diese Möglichkeit hat Familie Cohen nicht mehr. Ihre Firma wurde enteignet, das verbliebene Vermögen lässt keine großen Sprünge zu. Man ist auf internationale jüdische Hilfe angewiesen, Vater Alberto fühlt sich als Bittsteller, als er sich schließlich dazu durchringt, eine Stelle als Schammes in einer kleinen Synagoge in Barcelona anzunehmen. Der Umzug bringt zahlreiche Veränderungen mit sich, die die Familienmitglieder sehr unterschiedlich empfinden. Rebecca ist eine Kämpferin. Sie jammert nicht, sondern passt sich an und baut sich als Schneiderin eine Existenz auf. Um nicht als alte Jungfer zu enden, heiratet sie auf Anraten ihrer konservativen Eltern den undurchsichtigen Luis, der nicht hält, was sich Rebecca von ihm versprochen hat. Das weitere Leben meint es nicht immer gut mit dieser selbstbewussten, eigenständigen Frau, deren Tradition es verlangt, sich dem Ehemann unterzuordnen. Es gibt weitere dramatische Entwicklungen, bevor sie 1934 schließlich in die USA einreisen kann, wo ein völlig neuer Lebensabschnitt beginnt.
Elizabeth Graver hat ihren Vorfahren Leben eingehaucht. Sie erzählt chronologisch, wechselt dabei aber laufend die Erzählperspektiven, die die Handlung vorantreiben. Kurze Vorschauen erhöhen die Spannung, sensibilisieren und geben dem Text immer wieder neue Aspekte. Die Autorin lässt uns ihre Protagonisten hautnah erleben. Eine Fülle von unterschiedlichen Episoden, Gedanken und Erlebnissen bringen sie uns näher. Jeden einzelnen Charakter lernt man in seiner Vielschichtigkeit kennen, was ihnen einen hohen Grad an Authentizität verleiht. Ebenso viel Sorgfalt wendet Graver für die Gestaltung ihrer Schauplätze auf. Man kann sich die verschiedenen Orte mit ihren Besonderheiten bestens vorstellen. Zudem werden das jeweilige Zeitkolorit, die Bedingungen, unter denen die Menschen leben, in die Handlung eingeflochten. Dasselbe gilt für menschliche Interaktionen und Konflikte. Sämtliche Szenen und Dialoge wirken realistisch und echt, ebenso wie großfamiliäre Verstrickungen. Im Mittelpunkt steht immer Rebecca. Auch wenn wir gegen Ende des Romans einen Ausflug in den zweiten Weltkrieg machen, bleibt die politische Großwetterlage doch weitgehend außen vor.
„Kantika“ ist ein großartiger Familienroman mit einer Frau im Zentrum, die sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu behaupten weiß. Anfangs braucht man etwas Konzentration, um das Figurenkarussell zu sortieren. Bereits im zweiten Kapitel ist man aber angekommen.
Elizabeth Graver erzählt eine Familiengeschichte über rund fünf Jahrzehnte, die genau so hätte stattfinden können. Die Fotografien zu Beginn jedes Kapitels legen das sogar nahe. Die Perspektivwechsel geben den einzelnen Figuren umfassende Konturen. Höhen und Tiefen dieser jüdischen Familie werden fesselnd erzählt, ohne je in Gefühligkeit oder Larmoyanz abzugleiten. Auch individuelle Fehler und Fehlentscheidungen werden nicht ausgespart. Das Ganze wird stilistisch ansprechend in einer kurzweiligen Prosa vorgetragen. Elizabeth Graver hat sich seit ihrem letzten Roman „Der Sommer der Porters“ (2016) enorm gesteigert.
Tolle Erzählkunst! Dafür eine riesengroße Leseempfehlung und fünf hellglänzende Sterne!
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