Am Sund angekommen, ahnt die Erzählerin nicht, welche Geheimnisse die Gegend birgt. Während sie auf ihre Geliebte wartet, schwappen nachts seltsame Gesänge von der Insel Lykke über das Wasser ans menschenleere Festland - unheimlich und verheißungsvoll zugleich. Sie beschließt, ihre Recherche um die Rolle ihres Urgroßvaters im Nationalsozialismus ruhen zu lassen, und bricht nach Lykke auf. Doch dort beginnt sich die düstere Geschichte der Insel immer stärker mit ihrer eigenen Familiengeschichte zu verschränken.
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Ein Mahnmal und Zeichen gegen das Vergessen. Poetisch und direkt.
MarcoL aus Füssen am 18.02.2024
Bewertungsnummer: 2133924
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Buch beginnt mit einer Triggerwarnung: „Der Roman enthält Zitate in ableistischer, saneistischer, rassistischer, queerfeindlicher und antisemitischer Sprache.“
Man kann sich also in Teilen auf den Inhalt einstimmen. Zu recht, denn es kommt noch schlimmer, im Mittelteil dieses sehr beeindruckenden Werks.
Die Rahmenhandlung dreht sich um die Erzählerin, welche sich am Sund aufhaltet, um auf ihre Geliebte zu warten. Doch das Warten wir zu einer Qual, die Ankunft scheint sich zu verzögern, die Recherchearbeit über ihren Urgroßvater kommt vorerst zum Erliegen.
In poetischer Sprache erzählt uns Lichtblau von dieser Zeit, von den Gesängen der Insel Lykke (Lykke heißt auf dänisch „Glück“), welche wie ein Lockruf klingen.
S.19: „Als sie geht, ist es still. Dann schreien in den Baumwipfeln die Möwen, die Köpfe im Nacken, die Schnäbel in den Himmel gebohrt. Du solltest wirklich bald kommen, schreibe ich dir. Denn langsam werde ich seltsam.“
Sie setzt über, lernt die „Neue“ kennen. Sie tauchen in ein vermeintliches Idyll ein, aus holprigen Begegnungen werden sie zu Komplizinnen, denn Fremde sind dort nicht besonders willkommen.
Fragen werden gestellt und nicht beantwortet, und sie mögen besser wieder abreisen.
Die Geschichte der Insel, einst ein Ort von Zwangssterilisationen in der Nazizeit, verknüpft sich mit der eigenen Familiengeschichte der Erzählerin.
Im Mittelteil widmet sich die Autorin resolut mit der Vergangenheit ihres Urgroßvaters. Schonungslos deckt sie in akribischen Recherchen auf, was in den Familien verdrängt und verschwiegen wurde. Ihr Urgroßvater war während des NS-Regimes ein einflussreicher Arzt, der an den Zwangssterilisationen, möglicherweise, aber nicht erwiesen, auch an der Euthanasie und Menschenversuchen, beteiligt war. Die TW am Anfang erfolgte zu recht. Lichtblau setzt mit diesem Teil des Romans ein wichtiges Zeichen, nicht nur gegen das Vergessen, sondern daran, wie instabil unsere Gesellschaft war, immer noch ist, und diese Gräuel von gewissen Subjekten nach wie vor verherrlicht werden samt dem Versuch, diese wieder salonfähig zu machen.
Auch wenn in unseren Köpfen die Summe der damaligen Verbrechen herumspukt und mehr als latent präsent ist, sind diese detaillierten Ausführungen dennoch schockierend und aufrüttelnd.
Das Idyll rund um eine Insel (die Insel des Vergessen?), deren Bewohner lieber unter sich bleiben möchten, ist für mich persönlich eine starke Metapher dafür, Unausgesprochenes ruhen zu lassen.
Aber gerade in diesem (für mich sehr mutigen) Schritt der Autorin, die eigene Vergangenheit derart kritisch und offen zu durchleuchten und mit uns zu teilen, sehe ich ein wichtiges Zeichen, dass es andere ihr gleich tun und solche Zeiten sich hoffentlich nie wiederholen werden.
Unsere Gegenwart ist zerbrechlich angesichts der versteckten Vergangenheit.
S.113: „Hast du nicht gesagt, nichts verschwindet ganz? Dass beispielsweise bei einem Küstenabbruch dem Land Fläche abhandenkommt, das Material aber nicht verloren geht, sondern nur fortgespült wird, verlandet, und anderswo neues Land bildet. Eine Sandbank zum Beispiel.“
Der Roman ist ein wichtiges Werk, aufrüttelnd. Die sprachliche Gestaltung wechselt von poetischen Sätzen, welche oftmals für sich alleine dastehen, zu einem detaillierten, mit Zitaten überhäuften Bericht. Beides, so finde ich, ergänzt sich wunderbar und hinterlässt einen sehr nachdenklichen Leser.
Sehr gerne gebe ich für dieses Buch eine eindrückliche, wenn nicht sogar fordernde Leseempfehlung.
Ein Mahnmal und Zeichen gegen…
MarcoL aus Füssen am 18.02.2024
Bewertungsnummer: 2839725
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Mahnmal und Zeichen gegen das Vergessen. Poetisch und direkt. Das Buch beginnt mit einer Triggerwarnung: „Der Roman enthält Zitate in ableistischer, saneistischer, rassistischer, queerfeindlicher und antisemitischer Sprache.“ Man kann sich also in Teilen auf den Inhalt einstimmen. Zu recht, denn es kommt noch schlimmer, im Mittelteil dieses sehr beeindruckenden Werks. Die Rahmenhandlung dreht sich um die Erzählerin, welche sich am Sund aufhaltet, um auf ihre Geliebte zu warten. Doch das Warten wir zu einer Qual, die Ankunft scheint sich zu verzögern, die Recherchearbeit über ihren Urgroßvater kommt vorerst zum Erliegen. In poetischer Sprache erzählt uns Lichtblau von dieser Zeit, von den Gesängen der Insel Lykke (Lykke heißt auf dänisch „Glück“), welche wie ein Lockruf klingen. S.19: „Als sie geht, ist es still. Dann schreien in den Baumwipfeln die Möwen, die Köpfe im Nacken, die Schnäbel in den Himmel gebohrt. Du solltest wirklich bald kommen, schreibe ich dir. Denn langsam werde ich seltsam.“ Sie setzt über, lernt die „Neue“ kennen. Sie tauchen in ein vermeintliches Idyll ein, aus holprigen Begegnungen werden sie zu Komplizinnen, denn Fremde sind dort nicht besonders willkommen. Fragen werden gestellt und nicht beantwortet, und sie mögen besser wieder abreisen. Die Geschichte der Insel, einst ein Ort von Zwangssterilisationen in der Nazizeit, verknüpft sich mit der eigenen Familiengeschichte der Erzählerin. Im Mittelteil widmet sich die Autorin resolut mit der Vergangenheit ihres Urgroßvaters. Schonungslos deckt sie in akribischen Recherchen auf, was in den Familien verdrängt und verschwiegen wurde. Ihr Urgroßvater war während des NS-Regimes ein einflussreicher Arzt, der an den Zwangssterilisationen, möglicherweise, aber nicht erwiesen, auch an der Euthanasie und Menschenversuchen, beteiligt war. Die TW am Anfang erfolgte zu recht. Lichtblau setzt mit diesem Teil des Romans ein wichtiges Zeichen, nicht nur gegen das Vergessen, sondern daran, wie instabil unsere Gesellschaft war, immer noch ist, und diese Gräuel von gewissen Subjekten nach wie vor verherrlicht werden samt dem Versuch, diese wieder salonfähig zu machen. Auch wenn in unseren Köpfen die Summe der damaligen Verbrechen herumspukt und mehr als latent präsent ist, sind diese detaillierten Ausführungen dennoch schockierend und aufrüttelnd. Das Idyll rund um eine Insel (die Insel des Vergessen?), deren Bewohner lieber unter sich bleiben möchten, ist für mich persönlich eine starke Metapher dafür, Unausgesprochenes ruhen zu lassen. Aber gerade in diesem (für mich sehr mutigen) Schritt der Autorin, die eigene Vergangenheit derart kritisch und offen zu durchleuchten und mit uns zu teilen, sehe ich ein wichtiges Zeichen, dass es andere ihr gleich tun und solche Zeiten sich hoffentlich nie wiederholen werden. Unsere Gegenwart ist zerbrechlich angesichts der versteckten Vergangenheit. S.113: „Hast du nicht gesagt, nichts verschwindet ganz? Dass beispielsweise bei einem Küstenabbruch dem Land Fläche abhandenkommt, das Material aber nicht verloren geht, sondern nur fortgespült wird, verlandet, und anderswo neues Land bildet. Eine Sandbank zum Beispiel.“ Der Roman ist ein wichtiges Werk, aufrüttelnd. Die sprachliche Gestaltung wechselt von poetischen Sätzen, welche oftmals für sich alleine dastehen, zu einem detaillierten, mit Zitaten überhäuften Bericht. Beides, so finde ich, ergänzt sich wunderbar und hinterlässt einen sehr nachdenklichen Leser. Sehr gerne gebe ich für dieses Buch eine eindrückliche, wenn nicht sogar fordernde Leseempfehlung.
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