Lorcas Theaterstücke – sein ganzes facettenreiches Bühnenwerk – liegen mit diesem Sammelband zum erstenmal seit fünfzig Jahren in neuen deutschen Übersetzungen vor. Jahrzehntelang lag Lorcas Sprachkunst unter einer Art Kandiskruste verborgen. Nun kann sich in neuen Fassungen seine innovative Dramaturgie auch sprachlich in all ihren Nuancen entfalten. Spielerisch, zärtlich, rauh, poetisch, schneidend sachlich – Lorca verfügt wie alle großen Dramatiker über viele Tonlagen. Bereits die Untertitel seiner Stücke zeigen ihre Spannbreite: Lorca zeichnet ein »Drama von den Frauen in Spaniens Dörfern«, ein »Tragisches Gedicht in drei Akten«, ein »Gedicht in mehreren Gärten«, eine »Volksromanze in drei Bildern«, eine »Legende von der Zeit«, eine »Heftige Farce in zwei Akten«, einen »Erotischen Bilderbogen in vier Bildern«. Auch seine übermütigen »Dialoge« und sein zwischen Avantgarde-Theater und surrealistischem Kino changierender Entwurf »Reise zum Mond« zeigen Lorca als einen Theatermann, der neue Möglichkeiten ebenso begierig ausprobiert wie verschüttete alte Formen. Mit seiner Truppe »La Barraca« inszenierte er neben eigenen Stücken vor allem das barocke Welttheater Calderóns und Lope de Vegas – mit dem gleichen kräftigen Impuls der Erneuerung, der so wirksam ist in seiner eigenen Bühnenkunst.Der Lorca-Kenner und Lorca-Übersetzer Martin von Koppenfels (Dichter in New York; Zigeunerromanzen) geht in seinem Nachwort diesem »barocken Schatten« in Lorcas Theaterwerk nach und zeigt, wie die Frauen bei ihm die dramatischen Fäden in die Hand nehmen, in einer »weiblichen Besetzung der Bühne«.»Sagen wir es klipp und klar: Zwischen dem Weltbedeutungstheater Calderóns und den Melodramen und Komödien des Pedro Almodóvar hat kein Spanier unser Bedürfnis nach Drama und Spiel so befriedigt wie Federico García Lorca.« Peter Brook
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29.08.2011
Buch (Gebundene Ausgabe)
Federico Garcia Lorca…
Federico Garcia Lorca (1898-1936) ist Spaniens größter und einflussreichster Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts. Seine starke Prägung durch die andalusische Heimat brachte er in seinen Gedichten und Dramen zum Ausdruck, dabei modernisierte er mit seinen Theaterstücken das klassische Drama. Lorca ließ sich von den Avantgarde-Strömungen seiner Zeit (Expressionismus und Surrealismus) inspirieren, verarbeitet aber auch Elemente des Volks- und des Marionettentheaters. Er verstand Theater als ein akustisch-visuelles Spektakel, in dem Licht, Raum, Bewegung, Stimme, Körper, Musik und Tanz eine Einheit bilden. In seinen frühen Stücken hielt sich Lorca noch an das Vorbild des Versdramas, seine späteren Stücke sind jedoch in Prosa geschrieben. Lorcas Dramen werden von dem tragischen Konflikt zwischen einer überkommenen Werteordnung und den menschlichen Leidenschaften bestimmt. Mit der zunehmenden Politisierung seiner Stücke hatte sich Lorca den Faschisten verdächtig gemacht. Kurz nach dem Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs wurde Lorca von Franco-Anhängern erschossen. Da war er gerade 38 Jahre alt, dennoch hinterließ er ein umfangreiches und vielfältiges Werk. In Spanien konnten seine Gesammelten Werke aber erst 1954 er-scheinen. Nach der zweibändigen Ausgabe (deutsch - spanisch) seiner Gedichte im Göttinger Wallstein Verlag (2008) liegen nun hier Lorcas dramatische Werke in einem Sammelband vor. Neben den bekannten Tragödien aus seiner späten Schaffensphase bringt der Band auch frühe, experimentelle Stücke wie das romantische Drama „Mariana Pineda“ über die gleichnamige spanische Freiheitskämpferin und Volksheldin, die 1831 zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. „Das Bildtäfelchen des Don Cristóbal“ und „In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa“ sind dagegen Beispiele, die Lorca für das Marionettentheater geschrieben hat. Für die damalige Zeit unzeitgemäß und doch zukunftsweisend sind seine experimentellen Arbeiten aus den 20er- und frühen 30er Jahren: z. B. „Sobald fünf Jahre vergehen“ oder mehrere surrealistisch anmutenden Dialoge. Am bekanntesten sind die Stücke seiner „ländlichen Trilogie“ („trilogia rural“): „Bluthochzeit“ (1933), „Yerma“ (1934) und „Bernarda Albas Haus“ (1954). In diesen großen Frauentragödien kritisiert Lorca die totalitären Gesellschaftsstrukturen des ländlichen Andalusiens und stellt die alten spanischen Mythen von Ehre und weiblicher Tugend in Frage. So verordnet die Witwe Bernarda Alba nach dem Tod ihres Mannes ihren fünf Töchtern eine achtjährige Trauerzeit. Isolation und Nichtstun bestimmen von nun an das Leben in Bernarda Albas Haus. Alle Vitalität wird nicht nur unterdrückt, sondern geradezu abgetötet. Der Band enthält die deutschen Übertragungen des Lorca-Übersetzers Enrique Beck aus den 50er Jahren, die für diese Ausgabe noch einmal überarbeitet wurden. Der umfangreiche Anhang bringt neben dem Nachwort „Lorcas Theater. Eine Einführung“ des Herausgebers Marco Kunz ausführliche Informationen zur Geschichte und Wirkung der einzelnen Theaterstücken. Fazit: Der vorliegende, kommentierte Band ist eine Wiederentdeckung der dramatischen Werke Lorcas für den deutschen Theaterfreund. Manfred Orlick
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