Tessa Ensler ist die auffälligste unter den jungen Strafverteidiger:innen Londons. Sie entstammt nicht einer jener angesehenen Familien mit old money. Sie hat sich aus einem Klima häuslicher Gewalt befreit und aus der Arbeiter:innenklasse hochgearbeitet. Heute verteidigt sie unter anderem Männer, die wegen sexueller Übergriffe angeklagt sind. Ihre Art, Zeuginnen - die mutmaßlichen Opfer - ins Kreuzverhör zu nehmen, ist legendär und wird zu ihrer Eintrittskarte in den inner circle der Anwaltskammern. Es scheint, als hätte sie es geschafft. Doch dann passiert etwas, das ihren Glauben an das Gesetz tief erschüttert, und sie entscheidet sich, selbst in den Zeug:innenstand zu treten.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Lana
aus Wien
5/5
13.02.2026
Buch (Taschenbuch)
Wenn Recht nicht gerecht ist
Prima Facie hat mich auf eine sehr unangenehm ehrliche Art getroffen.
Die Prämisse ist außergewöhnlich und gleichzeitig erschreckend realistisch: Eine Strafverteidigerin, die jahrelang Täter in Sexualstrafverfahren verteidigt und Aussagen von Opfern hinterfragt hat, wird selbst Opfer einer Vergewaltigung – durch einen Arbeitskollegen. Genau das macht dieses Buch so stark. Es zeigt, dass sexualisierte Gewalt meist nicht durch Fremde passiert, sondern im eigenen Umfeld: durch Kollegen, Partner, Freunde oder Dates.
Besonders eindrücklich fand ich nicht nur die Tat selbst, sondern das Danach. Diese Szenen, in denen Tessa nach Hause kommt und sich nicht einmal mehr in den eigenen vier Wänden sicher fühlt, haben mich wirklich getroffen. Wütend gemacht hat mich vor allem die Konfrontation mit dem Täter, in der plötzlich sie zur Gefahr gemacht wird – weil sie seine Karriere ruinieren könnte. Diese Täter:-Opfer-Umkehr ist so bitter und leider so real.
Tessa ist als Figur sehr ambivalent. Am Anfang wirkte sie auf mich kalt und fast unsympathisch, aber je mehr man über ihre Vergangenheit erfährt – Arbeiterfamilie, Gewalt in der Kindheit, der Wunsch nach Kontrolle – desto nachvollziehbarer wird ihr Verhalten. Umso spannender ist ihr Wandel. Nach der Tat verändert sie sich, wird offener, verletzlicher, menschlicher. Besonders berührend fand ich, wie sehr sie durch die Geburt ihrer Nichte motiviert wird, ein anderes Vorbild zu sein.
Der Schreibstil ist eher nüchtern und fast dokumentarisch, manchmal wie ein Gesetzestext. Aber genau das passt, weil es die Distanz und Kälte des Rechtssystems widerspiegelt.
Dieses Buch ist weniger Thriller als Gesellschaftskritik. Es zeigt sehr deutlich, wie sehr das Rechtssystem bei sexualisierter Gewalt oft versagt und wie schwer es ist, als Opfer überhaupt ernst genommen zu werden. Besonders frustrierend ist auch, wie sehr Geld und Privilegien eine Rolle spielen können.
Ich würde Prima Facie allen empfehlen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen wollen oder ungewöhnliche Perspektiven mögen – auch besonders Menschen, die Jura studieren. Gleichzeitig ist es nichts für Leser:innen, die selbst traumatische Erfahrungen noch nicht aufgearbeitet haben, weil es sehr triggernd sein kann und auch ein Gefühl von Ohnmacht auslösen kann.
Für mich ist Prima Facie ein wichtiges, einzigartiges und leider zeitloses Buch.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
5/5
10.12.2025
Buch (Taschenbuch)
Kraftvolle, feministische Streitschrift
Endlich habe ich es auch gelesen!
Ich bin eigentlich oft skeptisch, wenn um ein Buch ein Hype entsteht, aber hier ist es berechtigt!
Mir hat der Schreibstil sehr gut gefallen, die Geschichte baut sich gut auf und auch die zeitlichen Rückblenden sind gut gemacht. Besonders zum Ende hin entwickelt sich eine regelrechte Sogwirkung und ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.
Meiner Meinung nach ist das Buch ein absoultes Must-read, ein (leider immer noch!) sehr aktuelles und wichtiges Thema - UNBEDINGT LESEN!!
"Jede Dritte - das sind eine ganze Menge Frauen, die etwas zu sagen haben.
Zu viele, um sie zu ignorieren."
Bewertung
5/5
07.12.2025
Buch (Taschenbuch)
Brutal und erschütternd
INHALT
Tessa ist eine junge, erfolgreiche Strafverteidigerin. Sie ist verdammt gut in dem was sie tut! Sie widmet sich verschiedenen Straftaten - unter anderem Sexualstraftaten. Ihr Leben schein perfekt, sie hat sich alles hart erkämpft. Dann passiert es. Sie wird selbst Opfer. Der Täter: ein Kollege und enger Freund. Was tun? Den Mund halten? Die Karriere gefährden? Den Vorfall zur Anzeige bringen? Tessa entscheidet sich für letzteres. Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit der erniedrigenden Situation der Beweissicherung, Aussage bei der Polizei und anschließender Verhandlung.
EINDRUCK UND FAZIT
Ich finde eigentlich kaum Worte für dieses Buch! Es las sich wie ein schlechter Fiebertraum; aber es ist die brutale Gewalt JEDER DRITTEN FRAU! Und dass muss sich ändern!!
„Warum gehen wir eigentlich automatisch von einer Zustimmung einer Frau aus, die sich nicht ausdrücklich verweigert?(...) Können wir anfangen den Beschuldigten zu fragen, was er getan hat, um sicherzugehen, dass es wirklich ein Einvernehmen gab?“ S. 338
Dieses Buch ist brutal und ehrlich. An vielen Stellen kaum aushaltbar. Meine Emotionen durchlebten eine wilde Achterbahnfahrt! Ich habe mitgezittert und den Atem angehalten, so gut schildet die Autorin das Geschehende! Unbedingt lesen! An dieser Stelle: danke an den @kjonaverlag für die Arbeit! Für das Sichtbar machen!
„ich weiß jetzt, wenn eine Frau NEIN sagt, wenn ihre Handlungen NEIN sagen, dann ist daran nichts subtil oder missverständlich.“ S. 337
Bella Noëlle
5/5
30.07.2025
Buch (Taschenbuch)
Ernüchternde Realität
Das Buch zeigt einmal mehr die traurige, belastende Realität bei Sexualdelikten sowohl im Strafrecht als auch in der gesellschaftlichen Denkweise auf. Mir hat das Buch insgesamt gut gefallen, wobei es dabei mehr um die Wichtigkeit des Themas und die Sichtbarkeit geht. Ich habe ein bisschen gebraucht, um mich in das Buch reinzulesen und mich mit den Charakteren zurechtzufinden, war nach etwa der Hälfte dann aber voll dabei und gefesselt. Am Ende ließ es mich jedoch ziemlich bedrückt zurück.
Auf jeden Fall eine Leseempfehlung!
Olivia Grove
5/5
22.05.2025
Buch (Taschenbuch)
Must-read! Unumgänglich. Unbequem. Unvergesslich.
Knallt rein. Gräbt sich in die Seele. Muss gelesen werden!
Jede dritte Frau.
Mindestens einmal im Leben erlebt sie physische und/oder sexualisierte Gewalt. Und nur jede zehnte Betroffene geht zur Polizei. Die Verurteilungsrate? 1,3 %. Eine Zahl, die sich einbrennt.
Suzie Miller bringt diese bittere Realität auf den Punkt. Mit messerscharfer Klarheit, mit juristischer Präzision, mit emotionaler Wucht. "Prima Facie", ursprünglich als Theatermonolog geschrieben, erzählt die Geschichte von Tessa: einer brillanten Strafverteidigerin, die selbst zur Klägerin wird – und feststellen muss, dass ein System, das Täter schützt, Opfer zermalmt. Dass Wahrheit manipulierbar ist, wenn sie nicht ins Schema passt.
Ich bin auf "Prima Facie" durch das Cover der englischen Theaterausgabe gestoßen. Ein visuelles Beben! Zwei Gesichter, digital verzerrt, ineinander verschoben im Glitch-Effekt. Neonpink trifft Kaltblau. Auf der einen Seite: geschlossene Augen, stille Kontrolle unter der weißen Richterperücke. Auf der anderen: explodierende Emotion. Wut, Schmerz, Ungerechtigkeit.
"Er hat mir das angetan. Und doch fühlt es sich an, als würde mir der Prozess gemacht." (S. 247)
Im Roman kippt die Realität der juristischen Logik ins Absurde: Nicht der Täter steht im Kreuzverhör, sondern die Frau, die ihn beschuldigt. Tessa wird nicht nur entblößt, sie wird demontiert. Ihre Glaubwürdigkeit, ihre Geschichte, ihr Körper – alles steht zur Disposition. Alles wird seziert.
"Wie kannst du es wagen? Wie kannst du nur? Ich starre ihn an. Warum stehe ich hier oben und werde als Lügnerin dargestellt?" (S. 329)
Millers Schreibstil ist brillant – juristisch scharf, emotional durchdringend. Ich hing an jeder Seite, konnte nicht aufhören zu lesen. Besonders in den Gerichtsszenen entfesselt sie ihre ganze intellektuelle Schärfe und rhetorische Brillanz.
Die Autorin beschönigt nichts und die Szene des Übergriffs trifft wie ein Blitz: erschreckend, schockierend real und unerträglich nah. Man spürt die Betäubung, wie Tessas Körper abschaltet, wie ihr Bewusstsein in Dissoziation flüchtet. Und gerade weil es so weh tut, beeindruckt ihr Mut umso mehr, das Verbrechen anzuzeigen. Der Bruch in ihrer Seele ist spürbar, schmerzhaft echt.
Fazit:
Ein System, das vorgibt, neutral zu sein, aber in Wahrheit tief männlich codiert ist – das ist das eigentliche Gericht, dem Tessa gegenübersteht. Es legt fest, was als Wahrheit gilt. Und es blendet aus, was nicht ins Raster passt: weibliche Perspektiven, Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt, das Trauma hinter der Aussage.
Dieses Buch ist kein Appell. Es ist ein Verdacht, der zur Gewissheit wird. Eine Wunde, die sich nicht mehr zudecken lässt. Ein Aufschrei, der das System selbst auf die Anklagebank zerrt. Prima Facie, lateinisch für "auf den ersten Blick" oder "dem Anschein nach" schreit: Es war nie für uns gemacht.
Jetzt liegt es an uns, die Botschaft weiterzutragen.
Lest dieses Buch. Sprecht darüber. Lasst es nicht ungehört verhallen.
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5/5
06.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von Recht und Gerechtigkeit
Tessas Glauben an die Gerechtigkeit der Rechtssprechung ist fest - sie ist schließlich aus Überzeugung Strafvertreidigerin geworden. Doch dann wird sie selbst Opfer eines sexuellen Übergriffs und lernt das Rechtssystem von der anderen Seite kennen. Klug beschreibt Suzie Miller, wie Tessa als Anwältin in der Opferrolle die Schwachstellen der Rechtssprechung am eigenen Leib erfahren muss. Das liest sich nicht leicht, macht wütend und gerade deshalb ist es so wichtig, dass solche Geschichten erzählt werden.
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