Die kulturellen und gesellschaftlichen Konflikte in den westlichen Demokratien verschärfen sich zusehends. Befeuert wird diese Entwicklung dadurch, dass im Namen einer höheren Moral zentrale Errungenschaften der Aufklärung in Frage gestellt werden. Das persönliche Erleben gerät zum entscheidenden Orientierungspunkt. Gesammelte Wissensbestände und historisch gewachsene Erkenntnisse hingegen gelten als Relikte einer unaufgeklärten und schuldbeladenen Gesellschaft.
Wer hätte noch vor einigen Jahren vorhergesehen, dass nur noch identitätspolitisch ausgewiesene Personengruppen zu bestimmten Themen Stellung beziehen dürften; dass die Wissenschaftsfreiheit in Frage gestellt, die Bereitschaft zum Widerspruch in besorgniserregendem Ausmaß sinken würde?
Nicht die Verbesserung des Bestehenden, sondern eine radikale Umorientierung wird seitens »woker« Vordenker angestrebt. Biologische und lebensweltliche Tatsachen gelten als bloße Zuschreibung, unbeschränkte Selbstbestimmung wird zum Gebot der Stunde. Auf welcher Grundlage sich der Mensch, der sich aller natürlichen Beschränkungen enthoben glaubt und aller Konventionen und Traditionen entledigt hat, selbst und beständig neu erschaffen soll, bleibt allerdings im Dunkeln.
Bernd Ahrbeck zeigt die Gefahren auf, die von der Utopie einer grenzenlosen Machbarkeit ausgehen.
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Das Foto eines Navy-Matrosen,…
LichtundSchatten am 25.03.2024
Bewertungsnummer: 2846309
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Foto eines Navy-Matrosen, der bei der Siegesfeier 1945 auf dem Times Square eine Krankenschwester küsst, kennt jeder. Nun soll es gehen: Wegen „Inklusivität“ und „Awareness“ entfernt das US-Veteranenministerium dieses wunderschöne Bild. „Es erstaunt, mit welcher Heftigkeit gekämpft wird, um eine neue moralische Ordnung durchzusetzen, und welche Strategien dafür verfolgt werden.“ Bernd Ahrbeck durchlüftet in diesem Buch die oft kindischen Verdrehungen der Wahrheit, denen wir aktuell ausgesetzt sind. Das unantastbar Gute legt sich über unsere Seelen und alles, was wir auszudrücken haben, umschlingt Ohren, Mund und Verhalten. Darüber wacht das Oberkommando Weltmoral mit einer intellektuellen Substanz, die einen frösteln lässt. „Ein solcher Eifer setzt ein gehöriges Maß an Realitätsverkennung voraus.“ Das unantastbar Gute fordert seinen Preis, auch wenn dabei Existenzen zerstört werden und kollektive Angst entsteht. Diejenigen, die ausgrenzen, haben den höheren Deutungsanspruch. „Wer eine missliebige Meinung vertritt, habe eben jeden Schutzanspruch verloren.“ Dem neuen Machtstreben eines universell gleichen, autonom gestaltbaren Ich sind natürliche Grenzen gesetzt. Je mehr diese in der Wirklichkeit sichtbar werden, umso stärker tritt eine Cancel Culture an den Tag, die diskreditieren und vernichten will. Die Lehre des evident Guten sieht sich nicht als Ideologie, sondern als nicht hintertragbare Wahrheit. Und genau hier beginnen die Probleme. Erziehung braucht Grenzen ebenso wie Staaten, die Freiheitsrechte garantieren können. Die grenzenlose, gute Welt ist ein Traum, der einer bleiben wird. „Wir ziehen Valium der Angst vor, daher stammt unsere Vorliebe für eine borderless world, eine Wiege für alte, verwöhnte Kinder.“ (R. Debray) Minderheiten beanspruchen heute umfassende Vorrechte, aus ihren Ecken kommen die Definitionen des Humanen und Fortschrittlichen, alle sollen sich ihren Gefühlen unterwerfen. Auf der Strecke bleiben die Vernunft, die Suche nach Wahrheit und der Wille zur Aufklärung. Bernd Ahrbeck skizziert in diesem Buch eine fröstelnde Zeit, in der Haltungen wichtiger sind als Wissen, in der es darum geht, die Vorherrschaft der Weißen zu zerschlagen, den Kapitalismus gleich mit - und dann? Die Bestandsaufnahme dieses Buches lässt frösteln und vermittelt die fatale Erkenntnis, dass Wissen heute nicht mehr schafft, sondern in Wünschen&Haltungen erstarrt, die vor die Aufklärung zurückgehen, bei Suggestion höchster Machbarkeits- und Erlösungsphantasien.
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