Skarabäus. Ein kafkaesker Thriller über Adel, Spionage und eine irrwitzige Famili-engeschichte. Wie die Wahrheit zwischen Lüge, Missbrauch und Unterdrückung zu überleben lernt
Adel verpflichtet: Das historische Erbe einer Familienschuld
Die Bürde der Familientradition derer von Rittersgrün und Täuber wiegt schwer. Denn die männlichen Nachkommen sind verpflichtet, die Tradition zu ehren und fortzuführen. Das ist nicht leicht in einer Welt, in der die individuelle Entwicklung des Einzelnen immer wichtiger wird und traditionelle Werte in den Hintergrund tre-ten. Das bekommt auch der achtjährige Friedrich zu spüren: Nach der Trennung der Eltern lebt Friedrich bei seinem Vater und dessen neuer Frau. Seine Schwester Beatrix geht mit der Mutter – Friedrich bleibt von beiden wie von einer unüberwind-baren Mauer durch den Vater und den Geheimdienst getrennt.
Hubertus von Prittwitz schildert in seinem autofiktionalen Roman die aberwitzige Lebensgeschichte Friedrichs, der zwischen dem Kontrollwahn seines Vaters und dem Missbrauch seiner Stiefmutter aufwächst. Als der Vater als Diplomat nach Indi-en versetzt wird, erlebt Friedrich zum ersten Mal Freiheit.
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„Coming of Age“ und Flucht aus der Hölle auf Erden in einem Münchner Vorort
Klugscheisser (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 12.10.2024
Bewertungsnummer: 3159068
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Als Friedrich acht Jahre alt ist trennen sich seine Eltern endgültig und die jüngere Schwester bleibt bei der Mutter. Fortan ist Friedrich dem Mißbrauch der Stiefmutter und der totalen Überwachung des gefühlskalten Vaters ausgeliefert. Dieser ist hochrangiger Funktionär beim deutschen Geheimdienst BND und von der Vorstellung besessen, daß Friedrich die Tradition seiner adligen Familie fortführen muss, deren Verstricktsein in kriegerisches Morden über den Nationalsozialismus bis zurück zu den Kreuzzügen reicht.
Der schwer traumatisierte Junge kann bald zwischen der Wirklichkeit und seiner Gedankenwelt nicht mehr unterscheiden und so weiß auch der Leser oft nicht wo die Trennlinie zwischen der Realität und Friedrichs, teils wahnhaften, Phantasien verläuft.
Von der leiblichen Mutter ferngehalten versucht Friedrich verzweifelt sich den Erniedrigungen der Stiefmutter und dem Einfluss des psychopathischen Vaters zu entziehen, doch dessen Beziehungen durchdringen nicht nur die deutsche Gesellschaft, sondern reichen um den ganzen Globus. In der Hoffnung endlich frei zu sein flieht er bis in den Sudan und landet schließlich in einem Gefängnisdorf des Diktators Bokassa. Wird es Friedrich gelingen nicht nur dem Dorf des Menschenfressers, sondern auch dem Einfluß seines Vaters zu entfliehen um endlich frei zu sein ? Wird er seine Mutter jemals wiedersehen ?
Dies ist ein autofiktionales Werk über das der Autor Hubertus von Prittwitz sagt: „Alles an Friedrich hat tatsächlich stattgefunden, Skarabäus ist echt erlebt. Und deshalb ist auch alles erfunden.“
So möge der Leser selbst den Wahrheitsgehalt der Details und Insider-Informationen aus der Welt der Geheimdienste und des BND beurteilen. An der Authentizität der Beschreibungen des Missbrauchs durch die Stiefmutter, der im ganzen Buch mehr oder weniger präsent ist, bestehen keine Zweifel.
Dieses Buch ist in Teilen auch ein Psychogramm sich traditionell definierender deutscher Eliten.
Und es stellt sich die Frage: Kann man die Cookies, die unsere Eltern offen oder heimlich in unserer Psyche platziert haben, jemals löschen ?
Die Dichtheit und Intensität der Erzählweise und das meist gleichzeitige Erzählen und Reflektieren verlangen dem Leser ein hohes Maß an Aufmerksamkeit ab, die sowohl mit spannender Handlung, als auch mit einem tiefen Einblick in die Seelen- und Gedankenwelt eines durch Lieblosigkeit und Mißbrauch Traumatisierten belohnt wird.
Der titelgebende Skarabäus war bereits bei den Ägyptern Symbol für Wiedergeburt, Erneuerung, und Unsterblichkeit. Wie der Käfer seine Kugel rollt, so glaubten die Ägypter, dass der Sonnengott Re jeden Tag die Sonne über den Himmel bewegt. Bei uns wird er abfällig als Mistkäfer bezeichnet und wenig geschätzt, da er seine Nachkommen in die Exkremente anderer Tiere pflanzt. In diesem Spannungsfeld der Deutung bewegt sich auch der Roman und bietet vielfältige interessante Interpretationsansätze.
Dieser Debütroman erhält von mir 5 von 5 Sternen.
Sehr bemerkenswerter Debütroman
bookloving am 07.10.2024
Bewertungsnummer: 2311408
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
In seinem beeindruckenden autofiktionalen Roman "Skarabäus“ erzählt uns der deutsche Debüt-Autor Hubertus von Prittwitz eine erschütternde, kafkaesk anmutende Coming-of-Age-Geschichte, die uns tief in die Psyche des jungen Protagonisten Friedrich blicken lässt.
Die Erzählung geht über Friedrichs ergreifende Leidensgeschichte und seinen abenteuerlichen Weg in die Freiheit hinaus und gewährt einen gleichermaßen verstörenden wie fesselnden Einblick in die Abgründe einer zerrütteten, Adelsfamilie. Dabei offenbart sich ein vielschichtiges Bild familiärer Dysfunktion und generationenübergreifender Traumata.
Der selbst aus einer Diplomatenfamilie stammende Autor verarbeitet in seinem Roman persönliche Erfahrungen und familiäre Traumata. Bewusst verwischt er dabei die Grenzen von autobiografischen und fiktionalen Elementen, was für eine besondere Authentizität und emotionale Tiefe sorgt.
Nach der gewaltsamen Trennung von seiner Mutter und Schwester wächst der achtjährige Friedrich bei seinem Vater, einem BND-Agent, in einer surrealen Umgebung - dem "Dorf der Spione" in Neuried bei München auf. Dort, wo BND-Mitarbeiter ein vermeintlich langweiliges, unauffälliges Leben führen und selbst von anderen Geheimdiensten observiert werden, lauern hinter den makellosen Fassaden finstere Geheimnisse.
Von Prittwitz zeichnet ein erschütterndes Bild einer Familie, die aus gestörten, traumatisierten Menschen besteht, und deren Geschichte untrennbar mit den politischen Ereignissen der Vergangenheit verwoben ist.
Als Spross eines uralten Adelsgeschlechts trägt Friedrich die schwere Bürde überkommener Familientraditionen, die er fortführen soll. Das konservativ-altertümliche Rollenbild in seinem Zuhause steht in krassem Gegensatz zur sich wandelnden Welt außerhalb seines goldenen Käfigs, so dass Friedrich in einer beklemmenden Parallelwelt aufwächst. Einem übermächtigen, manipulativen Vater ausgeliefert, erfährt er emotionale Kälte, grausame Erziehungsmethoden und den Missbrauch durch seine Stiefmutter. Der Autor schildert detailliert einen von strengen Regeln, permanenter Überwachung und drakonischen Strafen geprägten Alltag sowie die allgegenwärtige Atmosphäre von Angst, Überwachung und Paranoia, in der Friedrich groß wird. Schonungslos führt er uns die subtilen psychologischen Taktiken des Vaters und der Stiefmutter vor Augen, die Friedrichs Autonomie untergraben und seinen Willen brechen sollen.
Die Handlung entfaltet sich als intensive emotionale Achterbahnfahrt, die gleichermaßen fesselt, erschüttert und zum Nachdenken anregt.
Gebannt folgen wir im weiteren Verlauf Friedrichs verzweifelten Fluchtversuchen, die ihn in kleinen Etappen Momente der Freiheit und Selbstbestimmung erleben lassen. Hervorragend kann man sich in die innere Zerrissenheit des Protagonisten hineinversetzen, wenn er sich immer wieder der engen Welt seines Familiengefängnisses und dem allgegenwärtigen Einfluss seines Vaters geschlagen geben muss. Mit zunehmendem Alter führen Friedrich seine Odysseen auf der Suche nach Freiheit schließlich über Indien, nach Kairo und in den Sudan in ein Strafgefangenenlager –einer Hölle, in der er sich einem harten Überlebenskampf stellen muss. Diese letzten eindringlich geschilderten, albtraumhaften Passagen, entwickeln eine äußerst beklemmende Dynamik und Intensität.
Höchst bemerkenswert ist der Mut des Autors, mit Missbrauch und familiärer Gewalt ein derart persönliches und tabuisiertes Thema zu behandeln und die langfristigen psychologischen Folgen für die Opfer von Gewalt und Missbrauch aufzuzeigen. Zudem übt von Prittwitz scharfe Kritik an der Welt des Adels und der elitären Kreise, an ihrer Doppelmoral und ihrem schockierenden Missbrauch ihrer Privilegien und Macht.
FAZIT
Ein beeindruckendes und verstörendes Debüt, das durch den persönlichen Bezug tief berührt und zum Nachdenken anregt.
Keine leichte, aber sehr lohnenswerte Lektüre, die sich vielschichtig mit den Themen Macht, Missbrauch, häuslicher Gewalt und der Bürde der Familiengeschichte auseinandersetzt.
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