Es ist der 9. November 2022. Der russische Angriff auf die Ukraine überschattet das private wie das öffentliche Leben. Am Abend wird die erste Einzelausstellung des aufstrebenden Künstlers Fabian Kolb in der berühmten Berliner Galerie Konrad Raspe eröffnet. Fabians Familie, Eigentümer der letzten Krefelder Krawattenmanufaktur, ist eigens für dieses Ereignis angereist. Sein Onkel, Hermann Carius, alternder Chefideologe der „Neuen Rechten“ im Bundestag, denkt über einen medienwirksamen Auftritt bei der Vernissage nach, während Fabians Vater hofft, die internationalen Kontakte seines Schwagers zu nutzen, um weiterhin Ware nach Russland zu exportieren. Je näher die Ausstellung rückt, desto stärker werden Fabians Zweifel, ob er tatsächlich bereit ist, sich auf all die Kompromisse einzulassen, die eine internationale Karriere als Künstler mit sich bringt, zumal sein Galerist sich plötzlich mit schweren Vorwürfen ehemaliger Mitarbeiterinnen konfrontiert sieht.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
MarieOn
5/5
21.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Feine Geschichte voller Ironie
Fabian Kolb hat es geschafft, er darf seine Werke in der Konrad-Raspe-Galerie nicht nur ausstellen, nein ihm zu Ehren will der Galerist eine Vernissage geben. Nachdem Russland unter Putin der Ukraine unter Selenski den Krieg erklärt hat, herrscht in der deutschen Gesellschaft große Unsicherheit, das wissen sich Künstler und Galerist zunutze zu machen. Jetzt trägt der Saal, ein ehemaliges Gotteshaus, das Mal des Krieges vor sich her. Der Raum ist gespickt mit Objekten aus Holz, Eisen und Leder. Kadaver, die ihre Extremitäten dem Blau des Himmels entgegenrecken, versehrt durch aufbrechende Wundmale.
Fabians erste Planung sah vor, mit seiner Installation die Post Corona Leere zu vermitteln. Stille, Ruhe nach dem Sturm, die Atmosphäre demütige Kontemplation, aber wir befinden uns in schnelllebigen Zeiten und nun musste etwas Erschütterndes her.
Konrad Raspe umgibt sich gern mit jungen Assistentinnen, die ebenso gut modeln könnten. Seine irrsinnig schöne Frau hat die fünfzig gerade erst überschritten, beäugt ihren Mann mit begründetem Argwohn, weniger, weil er sich außereheliche Unterhaltung sucht, sondern weil sie damit rechnet, dass eine der jungen Dinger einen Skandal vom Zaun bricht.
Fabians Onkel hat ihn, im Gegensatz zu seinen Eltern die letzten Jahre protegiert. Die elterliche Gunst ging flöten, nachdem Fabian sich deutlich für ein Kunststudium aussprach, statt die väterliche Krawattenfirma zu übernehmen. Nun werden die Äußerungen des 1. Vorsitzenden der Neuen Rechten, seines Onkels zunehmend obskur.
Fazit: Christoph Peters hat eine ungemein unterhaltsame Geschichte geschaffen. Mit großer Ironie und bissigem Humor spricht er das Undenkbare aus, zeigt uns die Gedanken aller Beteiligten. Die des sensiblen Künstlers, der echte moralische Bedenken hegt. Die seines Cousins, der nie die Anerkennung seiner Mutter bekommen wird und das durch seine Mildtätigkeit zu kompensieren versucht. Des Galeristen, der seine Profilierungsneurose offen auslebt. Des alten Onkels, der trotz seines Geschichtsstudiums und seiner Belesenheit die Schuldfrage umkehren will. Die Geschichte wird temporeich erzählt, gespickt mit Informationen, die gut recherchiert sind, ohne dass ich mich belehrt fühlte oder gelangweilt hätte. Definitiv ein lesenswerter Roman, der mir Spaß gemacht hat.
Bewertung
aus Vaihingen
5/5
15.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dekadenz
Familie, Beziehungen, urbanes Milieu, Landeshauptstadt, Politik - das dürften die Schwerpunkte sein, auf denen der Autor seinen Roman aufgebaut hat. Mit pointierter Schärfe gibt er seinen Personen durch ihre/seine Gedanken und Überlegungen Charaktermerkmale, die in einer bestimmten Gesellschaftsschicht ausgeprägt sind. Keineswegs klischeehaft, sondern durchaus individuell. Während viele dem Zwang unterliegen, "hipp, angesagt, in" sein zu wollen, um mithalten zu können und Vorteile und Geld daraus zu ziehen, erahnen die anderen die Sinn-Losigkeit und Leere dieser Lebenswelt. Der Roman endet in der Flucht des Künstlers und im Tod des Politikers. Frustration auf allen Seiten. Falsche Leben.
Familiäre Beziehungen, Gefühlskälte, Berechnungen - eingebettet in die (fast) aktuelle Politik unserer Zeit. Sehr gelungen!
Und das alles geschrieben in einem heute sehr selten gewordenen perfekten Sprachstil.
Es wird ganz sicher nicht das letzte Buch sein, das ich von diesem Autor gelesen habe.
Juti
aus HD
2/5
21.06.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
roter Faden fehlt Da hat doch…
roter Faden fehlt Da hat doch glatt der niederrheinische Heimatautor den Weg nach Berlin gefunden und auch inhaltlich zu Berliner Themen gewechselt. So jedenfalls, wenn du Denis Schecks Lobhudelei hörst. Und auch der Plattentext verrät dazu auch nix. Wir tauchen ein in die Welt des Künstlers Fabian Krahl, dessen Vater der letzte Krawatten-Fabrikant in Krefeld gewesen ist und immer wieder geht es dahin zurück. Sein Onkel Hermann Carius dagegen ist Vorsitzender einer rechten Partei, sein Sohn Martin hingegen, ist Priester in der katholischen Kirche geworden, was dem bekennenden Atheisten Scheck kein Wort wert ist, aber für den Niederrhein-Autor gehört die katholische Kirche immer dazu wie das Weihwasser zum Waschbecken. (Der Vergleich ist von mir, mir fiel gerade nix besseres ein). Damit nicht genug gerät auch noch der Galerist unseres Künstlers im Rahmen der „Me-Too“ Bewegung unter Missbrauchsverdacht. All das wirkt wie ein Wimmelbild und all das lässt sich nur schwer in Bewegung bringen. Immer wieder werden aktuelle Themen wie Ukraine-Krieg und Corona angesprochen, aber der rote Faden bleibt auf der Strecke. Irgendwann gibt es doch eine Ausstellungseröffnung, wo sich alle irgenwie treffen. Auch die Gender* sind aus meiner Sicht fehl am Platz, insbesondere wenn zwei in einem Wort auftauchen: Künstler*innendarsteller*innen (26) Nein, mir fiel es schwer die Personen auseinanderzuhalten und vermutlich habe ich auch weniger als die Hälfte verstanden. So ist mir nicht einmal der Unterschied zwischen dem ersten und zweiten Kapitel klar. Vielleicht kann jemand helfen? 2 Sterne
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