Während innerhalb Russlands das Verbot kritischer Medien und die Gleichschaltung der verstaatlichten Sender eine beinahe karikaturhafte Erzählung über traditionelle Werte und die Notwendigkeit der »Militärischen Spezialoperation« hervorbringen, arbeiten sorgfältig geplante Propagandaaktionen im Rest der Welt an der Destabilisierung demokratischer Gesellschaften. Ein planmäßiger Wahnsinn überzieht das Land. Er zeigt sich in inflationär gebrauchten Euphemismen und Hassrede, als Denunziation und in einem bis ins Subtilste durchdachten Strafregime. Und es ist ein Wahnsinn mit Geschichte. Denn die Gewalt, die die russische Gesellschaft unerbittlich im Griff hat, ist eine Fortführung der paranoiden Suche nach Feinden, der nächtlichen Verhaftungen, Durchsuchungen und Folterungen sowie der Gulags aus dem Sowjetregime - in grellem, neuem Gewand und verschmolzen mit dem Gangstertum der Neunzigerjahre.
In ihrem einzigartigen Ton, der so präzise wie ironisch ist, zeigt Irina Rastorgueva in einer Montage aus Zeitungsfundstücken und unabhängigen Berichten, aus der eigenen Erfahrung genauso wie aus der Analyse kremlkritischer und russlandtreuer Autoren das Wirken der russischen Selbstvergiftung.
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Niemals Putin 304 Seiten…
Juti aus HD am 26.06.2025
Bewertungsnummer: 2945969
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Niemals Putin 304 Seiten musste ich warten in diesem kleingedrucktem Buch, das so mit über 330 Seiten zu einem dicken Wälzer wird und dem ein Namensregister gut tun würde, doch dann kommt er, das Urgestein aller Oppositionellen in Russland, Ex-Schachweltmeister Garry Kasparow. Zum Glück lebt er nicht mehr im Lande, sonst lebte er wohl nicht mehr. „Wir kriegen sie , und wenn wir sie auf dem Klo kaltmachen.“ (28) und der Gruß an den israelischen Präsidenten: „Zehn Frauen vergewaltigt! Das hätte ich ihm nicht zugetraut! Er hat uns alle überrascht! Wir beneiden ihn alle!“ (28) sind Worte, die man Putin nicht zutrauen würde. Dass alles wird zudem mit der Sapir-Whorf Hypothese untermauert, dass Sprache nicht nur Wirklichkeit beschreibt, sondern auch Wirklichkeit schafft. Und das gilt für einen Präsidenten, der beim Besuch eines Ortes mit seiner Wagenkolonne über „eilig asphaltiert[e]“ Straße fährt, wo einsturzgefährdete Häuser unter Bannern verschwinden, Scharfschützen auf den Dächern postiert werden und die Angestellten sich als glückliche Menschen präsentieren, da sie sonst entlassen werden. (17) Mit dem Krieg in der Ukraine wird das ohnehin schon absurde Leben in Russland noch absurder. Ein Beispiel: Im umkämpften nicht annektierten Doneszk soll ein dreijähriger Junge auf dem Lenin-Platz wie Jesus an einer Anzeigentafel festgenagelt worden sein. „Es stellt sich heraus, dass es in Slolansk keinen der sonst sehr üblichen Lenin-Plätze gibt. Der „gekreuzigte Junge“ oder „Junge in Unterhosen“ ist zu einem Symbol für die Absurdität und Verlogenheit der russischen Propaganda geworden.“ (59) Bis und gerade in Sibirien sammeln sich dann Nachrichten wie der Plan Finnlands St. Petersburg anzugreifen. (99) Dieses Buch ist keine Biografie Putins, es beschreibt die absurde Realität Russlands. Und es zeigt, wie der Diktator die Sowjetunion wiederherstellen will. Schon 2005 bezeichnete er ihren Zusammenbruch als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.“ (80) Manchmal helfen ihm auch Schwachköpfe. So deutete der ehemalige Büroleiter Tony Blairs an, dass eine Spionagegeschichte stimmte und lieferte damit einen hervorragende Vorwand die Arbeit ausländischer NGOs stärker zu beschränken. (87) Der Präsident versuchte zu Beginn des Krieges nationale Symbole wie das „Z“ einzuführen. Doch durchgesetzt haben sie sich nie. (240) Putin helfen Pseudowissenschaften, die gegen die Aufklärung arbeiten. 2006 glaubten nur 7% der russischen Bevölkerung an Magie und Hexerei, 10 Jahre später bereits 36%. (104) Dies führt zu steilen Thesen wie dass die Demokratie „nicht nur den Oralsex hervorgebracht, sondern auch das russische Dorf zerstört“ hat. (108f) Dabei hilft ihm auch die orthodoxe Religion, deren Patriarch Putin die Motivation zu seinem Krieg liefert. „Es ist besser heute als morgen zu sterben“ und „Es ist besser, an der Front zu sterben als an Wodka“ (244) sind Putins Sätze dazu. Sinnstifter werden übrigens in Russland als „Smyslowiki“ bezeichnet, (213) was mich an den Schachgroßmeister erinnert. Russland ist ein Vielvölkerstaat und gerade die entlegensten Gebiete müssen die meisten Soldaten in der Ukraine stellen. Putin schränkt ihre Autonomie immer weiter ein. Andererseits kosten diese Republiken Moskau viel Geld, wenn sie nicht wie Tartastan viele Bodenschätze haben, die nun Moskau verwaltet. (160) Wer dieses Buch gelesen hat, wird nicht mehr viel von der Politik Putins halten. Das Café Moskau in Ost-Berlin wurde schon in Café Kyiv umbenannt. Nicht verstanden habe ich allerdings die Statistik auf Seite 260f: „In Russland begehen die männlichen Partner einer Beziehung 53 Prozent der Morde“, in der EU nur 29%. Das heißt doch im Umkehrschluss, das in der EU mehr 70% der Beziehungsmorde Frauen begehen, das stimmt doch nicht. Ich bitte um Aufklärung. Dennoch, ein sehr gutes Buch, das trotz der kleinen Mängel von mir 5 Sterne erhält. Zitate: Putin und Patriarch Kyrill blicken in den Himmel. Putin: Glaubst du, dass Er existiert? Kyrill: Gott bewahre! (123) „Aber weshalb bin ich verhaftet?“ - „Wir haben uns noch nicht entschieden.“ (199)
Pointiert, scharfzüngig, wichtig
SternchenBlau am 22.04.2025
Bewertungsnummer: 2472305
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Was für ein kraftvolles Buch, was für ein wichtiges Buch, das mich wirklich bewegt hat. Lest es bitte! Denn dieses Wissen ist wichtiger denn je.
Beileibe, es sind keine leichten Themen, wenn Rastorgueva beschreibt, wie ein ganzes Land im Bann dieser Propaganda steht. Aber was heißt schon Land, es sind die Menschen, die darunter leiden, und die Autorin lässt immer wieder ihre eigenen Erfahrungen einfließen, die sie als typisch findet für ein Land, in dem die Gewalt allgegenwärtig ist. Rastorguevas eigene Erzählungen haben mich tief bewegt. Trotz dieser Gewalt, trotz des Elends der Bevölkerung erzählen russische Talkshows oder die Kirchen von Russland als Krone von allem. Pointiert und scharfzüngig schildert Rastorgueva die Akteur*innen, ihre Lügen und Verdrehungen.
Gerade, weil in der Propaganda nicht alles zusammenpasst. Mal ist der Westen verweichlicht, dann wieder übermächtig. Rastorguevas bestechendes Buch zeigt auch die Widersprüche auf, die in der Propaganda herrschen, wenn z.B. eigentlich alle Völker gleich sein sollen, die Teilrepubliken trotzdem unterdrückt werden. Wenn erzählt wird, was gerade in den Kram passt. Und damit die Wahrheit noch mehr stirbt.
Nur ein ganz schlichtes Beispiel, dass die Absurdität zeigt:
„Während der Coronapandemie unterstützte RT aktiv ausländische Impfgegner und Covid-Dissidenten, während es in Russland Aufgabe der staatlichen Medien war, so viele Menschen wie möglich dazu zu bringen, sich impfen zu lassen.“
Das Buch ist ein intellektuelles Vergnügen, durch den scharfen Spott und weil es so viele Aspekte zusammenbringt und Synthesen bildet. Rastorgueva trägt dadurch nicht nur zu einem Verständnis zur Propaganda in Putins Russland bei, sondern ihr Buch erhellt Propaganda als solches, weltweit. Propaganda bildet die unheilige Allianz mit Wissenschaftsfeindlichkeit, Religiosität oder Esoterik nicht nur in Russland, ähnliche Dynamiken sehen wir auch in den USA unter Trump oder auch in Deutschland (z.B. bei der Querdenker-Szene). Es ist auch ein Versagen, des Westens und Europas, wenn die meisten Teilrepubliken nie namentlich in den Medien erwähnt werden, wenn der russische Kolonialismus nicht erkannt oder sogar verneint wird. Die russischen Narrative finden längst ihren Weg zu uns. Darum müssen wir sie kennen.
Wie aktuell das ist zeigt der „Illustrierten Ratgeber für das Überleben“, den Rastorgueva als Kapitel in der Mitte mit ganz wundervollen Illustrationen gibt. Viele der Tipps können nicht nur für Reisen nach Moskau oder Minks helfen, sondern auch für einen Trip in die USA. Hoffen wir, dass wir sie hierzulande lange nicht brauchen werden.
Ganz große Empfehlung – das Buch hat mich tief bewegt und vieles auf den Punkt gebracht. 5 von 5 Sternen.
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