Was passiert, wenn 18 Autor*innen aus mehreren Generationen sich gemeinsam über Sexualität und Begehren austauschen? Was, wenn sie dabei anonym bleiben? In einem einzigartigen Experiment verbindet ¿WIR KOMMEN¿ die Stimmen von Autor*innen verschiedener Identitäten und Herkünfte zu einem kollektiven Roman. Wir halten uns für aufgeklärt, offen und frei, doch wenn es um die eigene Lust geht, verstummen besonders Frauen und nicht-männlich gelesene Personen sehr schnell. Zu schambesetzt, zu potenziell gefährlich scheint das Thema. Dies gilt vor allem für nicht mehr junge Frauen. Die Mitglieder der Gruppe LIQUID CENTER setzen dieser Sprachlosigkeit den Kollektivroman WIR KOMMEN entgegen. Sie haben 15 Autor*innen verschiedenen Alters eingeladen, sich im Schutz der Anonymität schreibend zusammen mit ihnen über die Ausdrucksformen weiblichen Begehrens auszutauschen. So ist ein einzigartiger Kollektivroman entstanden, der gesellschaftlich verdrängte Facetten weiblicher und queerer Sexualität sichtbar macht. Die Autor*innen: Lene Albrecht · Ulrike Draesner · Sirka Elspaß · Erica Fischer · Olga Grjasnowa · Simoné Goldschmidt-Lechner (sgl) · Verena Güntner · Elisabeth R. Hager · Kim de l'Horizon · I.V. Nuss · Maxi Obexer · Yade Yasemin Önder · Caca Savi¿ · Sabine Scholl · Clara Umbach · Julia Wolf · und zwei Autor*innen, die anonym bleiben wollen
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Ein Buch, welches unbedingt gehört werden muss
Bewertung am 27.05.2025
Bewertungsnummer: 2500654
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Es gibt Bücher, die liest man und vergisst sie wieder. Und dann gibt es Bücher wie »wir kommen«, herausgegeben von Liquid Center – Bücher, die einen tief im Inneren berühren, die einen verändern, die etwas in einem zum Klingen bringen, das man vielleicht vorher nicht einmal benennen konnte. Dieses Buch war für mich ein ganz besonderes Leseerlebnis.
Das Besondere an diesem Buch ist nicht nur sein Inhalt, sondern auch seine Entstehung. 18 Autor*innen haben es anonym geschrieben, mit der Vorgabe, über weibliches Begehren, Sex und Alter zu sprechen. Die daraus entstandenen Texte wurden später zu einem einzigen Buch zusammengefasst – ein vielstimmiges, intimes und zugleich universelles Werk, das sich mit den tiefsten und oft tabuisierten Aspekten des Menschseins und seinen Bedürfnissen auseinandersetzt.
Es ist kein Roman, aber es liest sich wie einer. Die Sprache ist eindringlich, poetisch, bewegend – und dabei so nah an der Realität, dass es fast schmerzt. »wir kommen« nimmt uns mit auf eine Reise durch die verschiedenen Stadien des Frauseins und Werdens, durch die Höhen und Tiefen, die Freuden und Ängste, die Lust und die Scham. Es zeigt uns, wie sehr unser Frausein von Erwartungen und Zuschreibungen geprägt ist, von Urteilen, von gesellschaftlichen Zwängen, die oft so subtil sind, dass wir sie selbst kaum noch hinterfragen. Doch dieses Buch hinterfragt. Es deckt auf. Und es bricht etwas auf, das viel zu lange in uns allen, in unseren Körpern, in unseren Gedanken feststeckte. Das finde ich nicht nur mutig, sondern absolut notwendig.
Es geht um das Heranwachsen, um das erste Mal, um die erste Periode, um das Schwangerwerden und das Muttersein, um das Staunen und die Fremdheit gegenüber dem eigenen Körper, der sich verändert, anpasst, kämpft, liebt, sich verliert und wiederfindet. Es geht aber nicht nur um das klassische Bild von Frauen, sondern auch um das ‚Anderssein‘, um Transgeschlechtlichkeit und um den Umgang mit Identität jenseits von Cis- und Heteronormen.
Es geht um das Alter, um die Leidenschaft im Alter, um Körperbilder, um Selbstwahrnehmung, um Kalorien, um Gewicht, um all das, was uns von klein auf beigebracht wurde, wichtig zu nehmen – oft auf eine Weise, die uns schadet. Es geht um Machtmissbrauch, und das nicht nur in der offensichtlichen, brutalen Form, sondern auch in den kleinen, alltäglichen Bemerkungen, die tiefe Wunden hinterlassen. Es geht um Geschlechteridentitäten, um das Aufbrechen heteronormativer Vorstellungen, um die Vielfalt, die wir sind – oder sein könnten, wenn wir es uns erlauben würden.
Was dieses Buch so eindringlich macht, ist seine Unmittelbarkeit und Körperlichkeit. Es geht nicht nur um Gedanken über Frausein, Identität und Begehren – es lässt uns spüren, wie es ist, in einem Körper zu leben, der immer wieder verändert, bewertet und eingeordnet wird. Es hat keine Angst davor, explizit zu sein.
Es spricht über Lust und Scham, über Gewalt und Befreiung, über Begehren und den Blick der anderen – und tut das mit einer radikalen Offenheit, die Leserinnen und Leser gleichermaßen herausfordert und befreit. Es zeigt, dass unsere Körper immer auch gesellschaftliche Projektionsflächen sind, aber eben auch mehr als das: eigenständig, wild, verletzlich, stark. Dieses Buch beschreibt nicht nur – es verändert. Man kann es nicht einfach lesen und dann vergessen.
Nur weil dieses Buch vornehmlich das weibliche Begehren thematisiert, heißt das nicht, dass es ein Buch nur für Frauen ist. Es ist ein Buch für Menschen. Für alle, die verstehen wollen, was es bedeutet, sich in einem Körper zu bewegen, der ständig bewertet, reguliert und geformt wird. Und es ist auch ein Buch für Männer, für Väter, für Söhne, für Partner – für alle, die bereit sind, zuzuhören und vielleicht ein Stück mehr zu verstehen. Ich kann es nur von Herzen empfehlen.
Überwältigende atmosphärische Dichte
Bewertung am 05.04.2024
Bewertungsnummer: 2170985
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich habe das Buch über mehrere Wochen gelesen, jeden Tag etwa ein Kapitel. Die ersten Seiten noch etwas fremdelnd, aber das hat mehr damit zu tun wo ich selbst bin wenn es um Sexualität geht oder darum wie Feminismus aktuell verhandelt wird.
Nach und nach habe ich dann aber verstanden, wie das Kollektiv den Text erarbeitet hat, wie das kollektive Schreiben, und ich war sehr beeindruckt. Es ist verdammt innovativ und es funktioniert. Wie die Texte aufeinander eingehen, die Schreibenden was aufgreifen, einander antworten, reagieren, ergänzen. Und dabei diese Stille in dem Raum in dem sie sich austauschen, und dabei weder sehen, noch hören, einander nicht erkennen können, sondern, nur über die Inhalte verbunden, lesen und schreiben. Jeweils für sich allein und doch zusammen im Schreiben. Das ist atmosphärisch so überwältigend dicht, unbeschreiblich wie es sich beim lesen anfühlt!
Ich habe also weitergelesen und geblättert, war von vielem beeindruckt, erschüttert, auch abgestoßen bei einigem, mal zustimmend, wiedererkennend, staunend, auch mal total ablehnend und vergraust- mit einem Wort, das Buch hat einen Wirbel an Empfindungen bei mir ausgelöst und ich finde es großartig.
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