Davon, was es bedeutet, eine Zuflucht zu haben in der Welt
Von der gefeierten Autorin von ›Demon Copperhead‹: ein großer Roman über zwei Menschen, 150 Jahre voneinander entfernt, die sich auf ihre Weisen zurechtfinden müssen in einer aus den Fugen geratenen Welt.
Alles scheint um Willa Knox zusammenzubrechen: Als freie Journalistin steht sie ohne Aufträge da. Ihr Mann Iano verliert seine Professur, Sohn Zeke, als Harvard-Absolvent der große Hoffnungsträger der Familie, ist gerade Vater geworden – aber alleinerziehend. Und ihr schwerkranker Schwiegervater schwärmt vom »Megafon«, dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten.
Am selben Fleck, 150 Jahre zuvor, freundet sich ein Lehrer namens Thatcher mit seiner eigenbrötlerischen Nachbarin an. Die Naturforscherin Mary Treat steht in lebhaftem Austausch mit Charles Darwin, doch in der verschworenen Ortsgemeinschaft wird die Theorie von der Evolution als Sünde angeprangert.
Was verbindet diese Menschen über die Jahrhunderte hinweg? Ein viktorianisches Haus, das ihnen über dem Kopf einzustürzen droht – und eine Zeit, in der damals wie heute kein Stein auf dem anderen bleibt.
Warmherzig, humorvoll und zutiefst menschlich erzählt Barbara Kingsolver von den Verwerfungen der Gegenwart, in denen gespenstisch vertraut die Vergangenheit anklingt.
Übersetzt von Dirk van Gunsteren
»Ein lebendig wimmelndes Haus der Literatur, raffiniert und fesselnd.« Meg Wolitzer
»Von enormer Aktualität, schmerzhaft vertraut und hinreißend geschrieben.« NPR
»So voller Witz und Lebensnähe, dass man meint, mit den Figuren am Küchentisch zu sitzen und um Rat in ihren Krisen gebeten zu werden.« The Times
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Wenn nichts mehr sicher ist
Lesenswege am 10.09.2025
Bewertungsnummer: 2592326
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Aber alle Regeln haben sich geändert, und es ist schwer, den Leuten dabei zuzusehen, wie sie immer weitermachen, als wäre alles ganz normal.“ Zitat von Seite 554.
Sätze wie dieser sind es, die mich immer wieder haben schlucken lassen bei der Lektüre von Barbara Kingsolvers großartigem Roman „Die Unbehausten“. Denn unbehaust werden wir sein in absehbarer Zukunft, nicht alle, und nicht überall auf der Welt, aber alle werden mit den Ursachen und den Auswirkungen dieser Unbehaustheit zu tun bekommen. Denn vermutlich wird es uns nicht gelingen, den weiteren Klimawandel noch aufzuhalten, und auch die politischen Entwicklungen in Ländern, die gerade noch Demokratien und blühende Wirtschaften waren, stimmen nicht hoffnungsfroh.
Kingsolver erzählt auf zwei Zeitebenen vom Leben in den Vereinigten Staaten, ein Sehnsuchtsland für viele einst. Eine Zeitebene sind die letzten Monate der Präsidentschaft Obamas. Der Name seines Nachfolgers wird kein einziges Mal genannt, und doch ist stets klar, von wem die Rede ist. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind selbige nicht mehr so unbegrenzt - zumindest nicht nach oben. Nach unten dagegen sind dem Abstieg keine Grenzen gesetzt, eine Erfahrung, die die Erzählerin Willa und ihr Mann machen müssen, obwohl sie ihr Leben lang um ein wirtschaftlich abgesichertes Leben bemüht waren. Ihren beiden Kindern sollte es besser gehen. Nun ist Willa unfreiwillig selbstständige Journalistin mit null Aussicht, in ihrem Alter noch einmal eine Festanstellung in diesem Beruf zu bekommen, und Iano, ihr Mann, hat auch nur einen befristeten Lehrauftrag an einer Uni. Ihr Sohn hat gerade seine Partnerin verloren und steht nun mit einem Neugeborenen da, und ihre Tochter ist nach Jahren aus Kuba zurück und bei ihnen eingezogen. Als ob dies alles nicht schon belastend genug wäre, leben sie in einem vor kurzem ererbten Haus, das buchstäblich vor ihren Augen auseinander bricht. Grundlegende Fehler in der Bausubstanz, irreparabel. Dass an diesem Haus seit Anbeginn geflickschustert wurde, können sie nicht ahnen. Der Bauherr, schlecht beraten, hat in den 1870ern auf Sand gebaut. Schon seine damaligen Bewohner hatten die gleichen Probleme.
Womit wir bei der zweiten Zeitebene wären. Der junge Naturkundelehrer Thatcher Greenwood lebt seit kurzem mit seiner Frau und deren Mutter, die die Besitzerin ist, und Schwester in diesem Haus. Er freundet sich mit der Nachbarin an, Mary Treaty, eine später sehr angesehene Naturforscherin ihrer Zeit, doch das ist damals noch nicht weithin bekannt. Sie steht in regem Briefwechsel mit Charles Darwin und arbeitet anderen Forschern zu, absolut untypisch für eine Frau ihrer Zeit. Thatcher hat es schwer an seiner Schule, denn der Direktor schwört den modernen Wissenschaften ab, hält sie für Blasphemie, einzig die Bibel lässt er gelten. Eine Situation, in der Thatcher nicht glücklich werden kann, nicht in dem Haus, nicht in dieser Schule, nicht mit … aber ich will ja nicht alles verraten.
In beiden Zeitebenen kann das Haus seinen Bewohnern keinen Schutz bieten, nicht im wörtlichen und auch nicht im übertragenen Sinn. In beiden Ebenen vollziehen sich tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft, die nicht auf die einzelnen Personen beschränkt bleiben werden. Besonders beeindruckt haben mich zwei Frauenfiguren. Einmal ist da Mary Treaty, die Forscherin, aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammend, deren Erwartungen sie jedoch mit ihrem unangepassten Lebensstil nicht erfüllt. Ich bewundere den klugen Geist, das Beharrungsvermögen, die Beobachtungsgabe und die Ausdauer dieser ungewöhnlichen Frau, die über keine universitäre Bildung verfügte (war ja auch nicht verbreitet bei Frauen ihrer Generation) und sich keinen Deut darum scherte, was ihre Zeitgenossen von ihr hielten. Die andere ist Tig, Antigone, die Tochter von Willa. Tig musste immer kämpfen, sie ist eine sehr kleine Frau, nichts ist ihr jemals leicht gefallen, ganz im Gegensatz zu ihrem gutaussehenden, erfolgreichen Bruder, der sie das spüren lässt. Doch Tig hat einen messerscharfen Verstand, den absoluten Durchblick und die von mir sehr bewunderte Fähigkeit, mit wenigen Worten Dinge für jeden verständlich herunter zu brechen und augenöffnend ganz klar auf den Punkt zu bringen. Wow! Barbara Kingsolver hat einen mich sehr begeisternden Roman geschrieben, der ein paar Passagen enthält, die mich das Fürchten lehren. Versteht mich nicht falsch, ich weiß das alles längst, und es macht mich wütend, traurig und fassungslos, aber diese nicht zu leugnenden Wahrheiten in diesen knappen, prägnanten Worten zu lesen, die Kingsolver der jungen Frau in den Mund gelegt hat, das macht mich einfach fertig.
„Aber alle Regeln haben sich geändert, und es ist schwer, den Leuten dabei zuzusehen, wie sie immer weitermachen, als wäre alles ganz normal.... In kleinen Dingen können die Menschen sich ändern, aber wenn’s um was Großes geht, würden sie lieber sterben. Sie haben ihr ganzes Leben in dem Glauben gelebt, dass die Speisekammer nie leer sein wird, und die Vorstellung, dass der Planet verbraucht ist, macht ihnen eine Scheißangst. “ - Zitat Tig auf Seite 554. Dem ist nichts hinzuzufügen.
„Aber alle Regeln haben sich…
Snowbird am 10.09.2025
Bewertungsnummer: 2958952
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Aber alle Regeln haben sich geändert, und es ist schwer, den Leuten dabei zuzusehen, wie sie immer weitermachen, als wäre alles ganz normal.“ Zitat von Seite 554. Sätze wie dieser sind es, die mich immer wieder haben schlucken lassen bei der Lektüre von Barbara Kingsolvers großartigem Roman „Die Unbehausten“. Denn unbehaust werden wir sein in absehbarer Zukunft, nicht alle, und nicht überall auf der Welt, aber alle werden mit den Ursachen und den Auswirkungen dieser Unbehaustheit zu tun bekommen. Denn vermutlich wird es uns nicht gelingen, den weiteren Klimawandel noch aufzuhalten, und auch die politischen Entwicklungen in Ländern, die gerade noch Demokratien und blühende Wirtschaften waren, stimmen nicht hoffnungsfroh. Kingsolver erzählt auf zwei Zeitebenen vom Leben in den Vereinigten Staaten. Eine Zeitebene sind die letzten Monate der Präsidentschaft Obamas. Der Name seines Nachfolgers wird kein einziges Mal genannt, und doch ist stets klar, von wem die Rede ist. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sind selbige nicht mehr so unbegrenzt - zumindest nicht nach oben. Nach unten dagegen sind dem Abstieg keine Grenzen gesetzt, eine Erfahrung, die die Erzählerin Willa und ihr Mann machen müssen, obwohl sie ihr Leben lang um ein wirtschaftlich abgesichertes Leben bemüht waren. Ihren beiden Kindern sollte es besser gehen. Nun ist Willa unfreiwillig selbstständige Journalistin mit null Aussicht, in ihrem Alter noch einmal eine Festanstellung in diesem Beruf zu bekommen, und Iano, ihr Mann, hat auch nur einen befristeten Lehrauftrag an einer Uni. Ihr Sohn hat gerade seine Partnerin verloren und steht nun mit einem Neugeborenen da, und ihre Tochter ist nach Jahren aus Kuba zurück und bei ihnen eingezogen. Als ob dies alles nicht schon belastend genug wäre, leben sie in einem vor kurzem ererbten Haus, das buchstäblich vor ihren Augen auseinander bricht. Grundlegende Fehler in der Bausubstanz, irreparabel. Dass an diesem Haus seit Anbeginn geflickschustert wurde, können sie nicht ahnen. Der Bauherr, schlecht beraten, hat in den 1870ern auf Sand gebaut. Schon seine damaligen Bewohner hatten die gleichen Probleme. Womit wir bei der zweiten Zeitebene wären. Der junge Naturkundelehrer Thatcher Greenwood lebt seit kurzem mit seiner Frau und deren Mutter, die die Besitzerin ist, und Schwester in diesem Haus. Er freundet sich mit der Nachbarin an, Mary Treaty, eine später sehr angesehene Naturforscherin ihrer Zeit, doch das ist damals noch nicht weithin bekannt. Sie steht in regem Briefwechsel mit Charles Darwin und arbeitet anderen Forschern zu, absolut untypisch für eine Frau ihrer Zeit. Thatcher hat es schwer an seiner Schule, denn der Direktor schwört den modernen Wissenschaften ab, hält sie für Blasphemie, einzig die Bibel lässt er gelten. Eine Situation, in der Thatcher nicht glücklich werden kann, nicht in dem Haus, nicht in dieser Schule, nicht mit … aber ich will ja nicht alles verraten. In beiden Zeitebenen kann das Haus seinen Bewohnern keinen Schutz bieten, nicht im wörtlichen und nicht im übertragenen Sinn. In beiden Ebenen vollziehen sich tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft, die nicht auf die einzelnen Personen beschränkt bleiben werden. Besonders beeindruckt haben mich zwei Frauenfiguren. Einmal ist da Mary Treaty, die Forscherin, aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammend, deren Erwartungen sie jedoch mit ihrem unangepassten Lebensstil nicht erfüllt. Ich bewundere den klugen Geist, das Beharrungsvermögen, die Beobachtungsgabe und die Ausdauer dieser ungewöhnlichen Frau, die über keine universitäre Bildung verfügte und sich keinen Deut darum scherte, was ihre Zeitgenossen von ihr hielten. Die andere ist Tig, die Tochter von Willa. Tig musste immer kämpfen, nichts ist ihr jemals leicht gefallen, ganz im Gegensatz zu ihrem gutaussehenden, erfolgreichen Bruder, der sie das spüren lässt. Doch Tig hat einen messerscharfen Verstand, den absoluten Durchblick und die von mir sehr bewunderte Fähigkeit, mit wenigen Worten Dinge für jeden verständlich herunter zu brechen und augenöffnend ganz klar auf den Punkt zu bringen. Wow! Barbara Kingsolver hat einen mich sehr begeisternden Roman geschrieben, der ein paar Passagen enthält, die mich das Fürchten lehren. Versteht mich nicht falsch, ich weiß das alles längst, und es macht mich wütend, traurig und fassungslos, aber diese nicht zu leugnenden Wahrheiten in diesen knappen, prägnanten Worten zu lesen, die Kingsolver der jungen Frau in den Mund gelegt hat, das macht mich fertig. „Aber alle Regeln haben sich geändert, und es ist schwer, den Leuten dabei zuzusehen, wie sie immer weitermachen, als wäre alles ganz normal.... In kleinen Dingen können die Menschen sich ändern, aber wenn’s um was Großes geht, würden sie lieber sterben. Sie haben ihr ganzes Leben in dem Glauben gelebt, dass die Speisekammer nie leer sein wird, und die Vorstellung, dass der Planet verbraucht ist, macht ihnen eine Scheißangst. “ - Zitat Tig auf Seite 554. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Meinung aus der Buchhandlung
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Das Haus, um das es hier geht, steht in Vineland, New Jersey. Es steht dort schon sehr lange, es ist baufällig - es droht sogar einzustürzen - und doch bietet es seinen Bewohnern Zuflucht und einen Ort zum Wohnen. Es ist das Erbe von Willas Tante, und so zieht die ganze Familie samt pflegebedürftigem Opa und neugeborenem Enkel dort ein. Willa versucht Geldmittel zur Rettung des Hauses aufzutreiben, in dem sie nach einem - berühmten - Bewohner des Hauses forscht. In den 1870er Jahren wohnte dort der Lehrer Thatcher Greenwood, der ein Anhänger der Evolutionstheorien Darwins war und seine Überzeugungen bei einem Tribunal mit seinem engstirnigen Schulleiter verteidigen musste. Barbara Kingsolver verknüpft diese beiden Erzählstränge meisterhaft miteinander und zeigt, welche hitzigen Diskussionen zur jeweils aktuellen Politik und Gesellschaft, zu medizinischer Versorgung und Armut, zu Wissenschaft, Darwinismus, Klimakrise und Umwelt heute und vor 150 Jahren geführt wurden.
Nach Demon Copperhead wieder ein großartiger Roman, der versucht, die Untiefen der amerikanischen Seele und die Verfasstheit der amerikanischen Gesellschaft zu erforschen.
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Die Autorin schafft es sehr gut anhand von zwei Erzählsträngen die Themen gesellschaftliche Umbrüche, Tradition, Moderne, Naturwissenschaft, Religion miteinander zu verbinden. Sowohl im 19. als auch im 21. Jahrhundert sind die Familien mit existenziellen Situationen konfrontiert und müssen Wege finden mit diesen zurecht zu kommen. So spielt das Familienleben und die gesellschaftlichen Zwänge eine zentrale Rolle.
Das Buch lässt sich flüssig lesen und man bekommt einen sehr guten Einblick sowohl in die Geschichte, als auch in die Gegenwart Amerikas.
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