Endlich frei! In ihrem autofiktionalen Roman „Utopia Algeria" entwirft Yasmina Liassine die Utopie eines neuen Algerien. Das Land hatte sich 1962 seine Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft Frankreichs erkämpft. Die „Pieds-Noirs“ (ehemalige französische Besatzer) waren vertrieben worden, und eine junge Generation von Algeriern, die in Frankreich studiert hatten, und idealistischen Französinnen kehrten in ein Land von großer Schönheit und Chancenreichtum zurück. Die Kinder aus diesen Ehen waren die Hoffnungsträger einer gerechten Zukunft in einem modernen Land mit Platz für Frauen und Männer jeglicher Herkunft und Religion.
Die Autorin selbst ist eine Tochter einer solchen Verbindung und beschreibt am Bespiel ihrer und befreundeter Familien die privaten und öffentlichen Spannungen dieses gesellschaftlichen Experiments. Erst als Erwachsene gesteht sie sich ein, dass sie in der Wahrnehmung der Algerier immer „die Tochter der Französin“ geblieben ist.
Sie stellt die über Algerien hinausgehende Frage, die uns durch die aktuellen gewaltsamen Konflikte in Europa und dem Nahen Osten vor Augen geführt werden, nach dem Zusammenleben verschiedener Ethnien, die Anspruch auf ein Land, den Gebrauch einer Sprache und die Deutungshoheit über die gemeinsame Geschichte erheben.
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Ein Algerien für alle? Sehr kluge Gedanken der Autorin! Leseempfehlung!
MarcoL aus Füssen am 02.06.2025
Bewertungsnummer: 2505924
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich habe schon so einige Romane über das Land Algerien gelesen. Über Bürgerkriege, Polizeiarbeit, Buchhandlungen, Albert Camus und vor allem über die Geschichte der Kolonialisierung durch Frankreich und dem Widerstand der zur Unabhängigkeit führte, mit all den Einmischungen der ehemaligen Kolonialherren.
Auch dieser Roman beschäftigt sich mit diesen Dingen, aber nicht vordergründig. Denn die politischen Entwicklungen sind natürlich Fakten, an denen man nicht vorbeikommt. Hier dreht es sich aber viel mehr darum, was es heißt, algerisch zu sein (oder auch nicht). Das Wort „Volksseele“ (ich mag es nicht, finde es auch nicht gut) drängt sich mir hier auf, weil mir nichts besseres einfällt.
S. 27: „Wir Algerier, wer auch immer wir sind, wir wissen immerhin, dass, egal wie unvollkommen, wie schrecklich es sein mag, wir wissen, dass ein lebendiges Algerien existiert, das den Ausgangspunkt der Hoffnungen für uns oder für die darauffolgenden Generationen bildet. […] Aber sie, die Armen, was können sie tun? Ihr Sancta Algeria ist defintiv tot und wird niemals wieder auferstehen können ...“
Algerien existiert schon lange, die verschiedensten Kulturen haben sich angesiedelt. Griechen, Römer, Christen und Muslime. Ein Mix, aus dem es wahrlich nicht einfach wird, seine Wurzeln und Identitäten zu finden.
Die Autorin ist Tochter einer Französin und eines Algeriers. Sie arbeitet die eigene Familiengeschichte auf, erinnert sich an ihre Kindheit, an den Duft der Orangen und Kräutern. Doch was ist geblieben, rückblickend? Wem gehört(e) das Land. Und kann es wieder zu dem werden, was es einst war? Eine (naive) Heimat aus beglückten Kindheitstagen? Zu sehr beutelt die Geschichte das Land, und somit auch die Menschen, die dort Leben, und auch diejenigen, die es verlassen mussten, um in Frankreich eine Existenz aufzubauen, und mit einem lachenden und weinenden Auge über das Mittelmeer blicken.
Die Unabhängigkeit von 1962 barg viele Hoffnungen, vor allem der Wunsch nach einem Ende der Gewalt.
S. 54: „Viele konnten es sich nicht vorstellen, woanders zu leben als dort. Maria, die Hausmeister […], Albert, der Konditor, der gerade seinen Laden gekauft hatte und lachend sagte, die Leute würden nicht aufhören, Kuchen zu essen, ganz zu schweigen von all den anderen, den Intellektuellen, den Künstlern, deren Enthusiasmus nicht nachließ …
Die Hoffnung auf ein Algerien, in dem Christen, Juden und Muslime, Reiche und Arme, nachkommen von Maltesern, Spaniern und Elsässern zusammenleben könnten, war noch nicht gestorben.“
Sancta Algeria … Ein Wunsch, ein Traum … etwas, das nicht existiert, es keine reinen Algerier noch ein reines Algerien gibt. Auch nicht mit Gewalt, auch wenn es dazu natürlich nationalistische und rassistische Bestrebungen (Menschen eben, besonders die FLN) gab.
Wer hat tatsächlich Platz in diesem Land? Ist es legitim, sich als Algerier*in bezeichnen zu dürfen, wenn man den französischen und algerischen Pass besitzt? Die Autorin versucht es zu ergründen, und nimmt uns mit ihrer Familie mit auf diese Reise. Wie alles zusammenhängt, und zu welchen Schlüssen die Autorin kommt – bitte selber lesen. Es sind sehr kluge Gedanken!
Spannend und sehr interessant, wunderbar übersetzt , gebe ich gerne für diesen Roman eine Leseempfehlung , denn der Blick über den eigenen Tellerrand lohnt hier einmal mehr.
Ein Algerien für alle? Sehr…
MarcoL aus Füssen am 02.06.2025
Bewertungsnummer: 2942379
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Algerien für alle? Sehr kluge Gedanken der Autorin! Leseempfehlung! Ich habe schon so einige Romane über das Land Algerien gelesen. Über Bürgerkriege, Polizeiarbeit, Buchhandlungen, Albert Camus und vor allem über die Geschichte der Kolonialisierung durch Frankreich und dem Widerstand der zur Unabhängigkeit führte, mit all den Einmischungen der ehemaligen Kolonialherren. Auch dieser Roman beschäftigt sich mit diesen Dingen, aber nicht vordergründig. Denn die politischen Entwicklungen sind natürlich Fakten, an denen man nicht vorbeikommt. Hier dreht es sich aber viel mehr darum, was es heißt, algerisch zu sein (oder auch nicht). Das Wort „Volksseele“ (ich mag es nicht, finde es auch nicht gut) drängt sich mir hier auf, weil mir nichts besseres einfällt. S. 27: „Wir Algerier, wer auch immer wir sind, wir wissen immerhin, dass, egal wie unvollkommen, wie schrecklich es sein mag, wir wissen, dass ein lebendiges Algerien existiert, das den Ausgangspunkt der Hoffnungen für uns oder für die darauffolgenden Generationen bildet. […] Aber sie, die Armen, was können sie tun? Ihr Sancta Algeria ist defintiv tot und wird niemals wieder auferstehen können ...“ Algerien existiert schon lange, die verschiedensten Kulturen haben sich angesiedelt. Griechen, Römer, Christen und Muslime. Ein Mix, aus dem es wahrlich nicht einfach wird, seine Wurzeln und Identitäten zu finden. Die Autorin ist Tochter einer Französin und eines Algeriers. Sie arbeitet die eigene Familiengeschichte auf, erinnert sich an ihre Kindheit, an den Duft der Orangen und Kräutern. Doch was ist geblieben, rückblickend? Wem gehört(e) das Land. Und kann es wieder zu dem werden, was es einst war? Eine (naive) Heimat aus beglückten Kindheitstagen? Zu sehr beutelt die Geschichte das Land, und somit auch die Menschen, die dort Leben, und auch diejenigen, die es verlassen mussten, um in Frankreich eine Existenz aufzubauen, und mit einem lachenden und weinenden Auge über das Mittelmeer blicken. Die Unabhängigkeit von 1962 barg viele Hoffnungen, vor allem der Wunsch nach einem Ende der Gewalt. S. 54: „Viele konnten es sich nicht vorstellen, woanders zu leben als dort. Maria, die Hausmeister […], Albert, der Konditor, der gerade seinen Laden gekauft hatte und lachend sagte, die Leute würden nicht aufhören, Kuchen zu essen, ganz zu schweigen von all den anderen, den Intellektuellen, den Künstlern, deren Enthusiasmus nicht nachließ … Die Hoffnung auf ein Algerien, in dem Christen, Juden und Muslime, Reiche und Arme, nachkommen von Maltesern, Spaniern und Elsässern zusammenleben könnten, war noch nicht gestorben.“ Sancta Algeria … Ein Wunsch, ein Traum … etwas, das nicht existiert, es keine reinen Algerier noch ein reines Algerien gibt. Auch nicht mit Gewalt, auch wenn es dazu natürlich nationalistische und rassistische Bestrebungen (Menschen eben, besonders die FLN) gab. Wer hat tatsächlich Platz in diesem Land? Ist es legitim, sich als Algerier*in bezeichnen zu dürfen, wenn man den französischen und algerischen Pass besitzt? Die Autorin versucht es zu ergründen, und nimmt uns mit ihrer Familie mit auf diese Reise. Wie alles zusammenhängt, und zu welchen Schlüssen die Autorin kommt – bitte selber lesen. Es sind sehr kluge Gedanken! Spannend und sehr interessant, wunderbar übersetzt , gebe ich gerne für diesen Roman eine Leseempfehlung , denn der Blick über den eigenen Tellerrand lohnt hier einmal mehr.
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