Joy Stephens' Leben lässt wenig zu wünschen übrig: Mit Mitte dreißig steht sie kurz vor der Ernennung zur Partnerin in ihrer Londoner Anwaltskanzlei, sie ist der Inbegriff einer erfolgreichen, attraktiven Karrierefrau und führt eine offene, aber verlässliche Ehe. Trotzdem bereitet Joy ihren Abgang bei Hanger, Slyde & Stein vor – bis sie bei ihrer Dankesrede vor aller Augen zehn Meter in die Tiefe stürzt. Hat ihr Anwaltskollege und Ex-Lover Peter etwas damit zu tun? Oder übt dieser funkelnde Glaspalast inmitten der flirrenden Lichter Londons einen ganz eigenen Abwärtssog aus?
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wie eine Studie
Bewertung am 28.05.2024
Bewertungsnummer: 2210426
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Joy Stephens führt nach außen ein echtes Traumleben. Scheinbar keine Sorgen, ein toller Ehemann und eine sehr gute Stelle und eine baldige Beförderung in Aussicht. Warum sollte sie unglücklich sein? Warum stürzte sie aus dem Fenster? Ausgerechnet am Tag der Beförderung. Viele Personen werden befragt und allen voran ihr Ehemann Dennis. Sie führten anfangs eine super Beziehung, aber der Alltag holte sie ein und so wurde es eine offene Beziehung man wollte wieder Spannung haben. Dann gibt’s da Peter. Einst ihre große Liebe und jetzt wieder da und er wird zum Liebhaber und der Affaire und seine Frau Christine zur beten Freundin von Joy. Barbara berichtet ganz anders über Joy und ist seit vierzig Jahren in der Firma und hört vieles, auch was nicht ausgesprochen wird. Samir ist der Wachmann und hat ein besonderes Auge auf Joy. Und dann ist da eben Joy, die wir am Tag des Sturzes/Falls begleiten und ihr so ganz besonders nah kommen. Mord oder Selbstmord oder Unfall?
Jonathan Lee hat ein vielschichtiges, ein spannendes und bitteres Buch geschrieben. Keiner ist unfehlbar und jeder hat seine Probleme und seine Vergangenheit. Manchmal wird man vom Karrieredruck, von der Gesellschaft aber getrieben und vergisst sich selbst und nach seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu schauen. Das heran führen aus verschiedenen Perspektiven ist Jonathan Lee großartig gelungen und man bekommt so ein ganz besonderes Bild auf Joy und das Ereignis. Verdrängte Erinnerungen, geschluckte Verletzungen, Affairen und angebliche Offenheit und vor allem auch Druck auf der Arbeit und das ständige sterben nach Perfektion, all dies kann einen Mensch kaputt machen, kann jemand nieder reisen und kann jemand zum stürzen bringen. Vielschichtig und sehr gut geschrieben und ein Buch das lange nachhallt und für Gesprächsstoff sorgt.
Komplex erzähltes Lesevergnügen
SimoneF am 24.01.2024
Bewertungsnummer: 2116273
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Schon nach wenigen Seiten wusste ich, dass ich dieses Buch lieben würde. Lees Sprachgefühl, sein trockener, typisch britischer Humor und sein wirklich außergewöhnlicher Schreibstil haben mich sofort gepackt. Dennoch benötigte ich mehrere Tage, um das Buch zu lesen, da die Erzählweise recht komplex und sprunghaft ist. So musste ich mehrfach innehalten und auch bereits Gelesenes nachschlagen, um alles detailliert nachvollziehen können.
Lee erzählt abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven. Da ist zum einen Joy, deren Schicksalstag der Partnerernennung aus der Sicht eines personalen Erzählers in der Dritten Person geschildert wird. Dieser Strang wird unterbrochen durch Kapitel, in denen ihr Ehemann Dennis, ihr Kollege Peter, der Fitnesstrainer Samir und die Persönliche Assistentin Barbara als Ich-Erzähler zu Wort kommen. Diese Kapitel sind besonders raffiniert aufgebaut: Sie sind immer einer festen Figur gewidmet und als Einzelgespräche dieser Person mit einem psychologischen Berater konzipiert, den die Firma nach Joys Sturz für die Belegschaft und Dennis zur Verfügung gestellt hat. Hierbei werden jedoch nur die Gesprächsanteile von Peter, Dennis, Samir und Barbara wiedergegeben, nicht die Worte des Psychologen, der als stummer Zuhörer fungiert und nur gelegentlich lenkend in die Monologe der Charaktere eingreift. Diese Eingriffe sind aber nicht textlich aufgeführt, sondern nur an der Reaktion der Figuren erkennbar.
Dieser Stil ist ungewöhnlich und sehr reizvoll. Lee gelingt es hervorragend, die Wesenszüge der einzelnen Charaktere herauszuarbeiten, indem er Wortwahl und Sprachstil variiert. Ich habe mich immer ganz besonders auf die Kapitel zu Barbara gefreut, die vom Leben und 40 Arbeitsjahren als PA desillusioniert und verbittert ist. Ihr unverblümter, herrlich bissig-boshafter Blick auf die Kanzlei und ihre scharfzüngige Art waren einfach grandios, und ich sah sie lebhaft in allen Einzelheiten vor mir. Anstrengender zu lesen waren die Kapitel des Literaturwissenschaftlers Dennis, der in komplexen Satzstrukturen spricht, mit vielen Parenthesen und Fußnoten, und sich als intellektueller Geist gefällt.
Mit jedem Kapitel kommt ein Puzzleteil zum anderen, zeigen die Figuren neue Facetten, und es bleibt bis zum Schluss spannend. "Joy" ist sicher kein Buch, das man nebenbei liest, da es viel Konzentration erfordert. Ich möchte es auf jeden Fall noch ein zweites Mal lesen, da ich glaube, dass man hier noch einige Details entdecken kann.
Mich hat Lees Roman begeistert, da er durch seine Eloquenz, einen raffinierten dramaturgischen Aufbau und seinen kreativen Stil heraussticht, und ich kann ihn nur wärmstens empfehlen.
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