Eine große Entdeckung aus dem Nachlass: Mela Hartwigs 1943/44 verfasster Roman "Der verlorene Traum".
Barbara arbeitet gemeinsam mit ihrem Ehemann in einem Laboratorium der Bakteriologischen Abteilung. Das Eheglück wird jedoch jäh auf die Probe gestellt, als Barbara bei einem Theaterbesuch einen Mann erblickt und ihm schlagartig verfällt. Sie setzt alles daran, den jungen Mann kennenzulernen, ihm näherzukommen, ihn für sich einzunehmen. Vor lauter Gefühlsverwirrung verliert sie jedoch den Boden unter den Füßen und setzt ihre ganze Existenz aufs Spiel - nur für wen und wofür?
Mela Hartwigs Roman beschreibt den Versuch einer Frau, aus den Schlingen traditioneller Rollen- und Frauenbilder auszubrechen. Das Drama Barbaras spielt sich ganz in ihrem Kopf ab und wird mit extremer Übersteigerung und überspannt aufwühlender Sprache inszeniert. Ebenso Teil der großen Inszenierung dieser zerrissenen Seele - und das kann nicht anders als ein tollkühner Schachzug der Autorin bezeichnet werden - ist es, nicht das Register des Kitschs zu scheuen, um Barbaras Gedankenspiralen weitere Schleifen hinzuzufügen.
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Literarisch sehr gediegener Roman über die Sehnsüchte einer (unterdrückten) Frau
MarcoL aus Füssen am 25.05.2025
Bewertungsnummer: 2499119
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Mela Hartwig (1893-1967) verfasste diesen bislang unveröffentlichten Roman in den Jahren 1943/44 in London, nachdem sie 1938 mit ihrem Ehemann vor den Nazis aus Graz floh.
Frau Dr. Barbara Brenner lebt eine ruhige, unspektakuläre Ehe. Ihr Mann ist ein angesagter Bakteriologe, und sie arbeitet bei ihm im Labor mit. Der Alltag ist geprägt von einer wiederkehrenden Monotonie, alles hatte seinen festen Platz, die zeitlichen Tagesabläufe scheinen in Stein gemeißelt. Sie ordnet sich ihrem Mann (zu dessen Wohl und Ego) unter, sei es beruflich wie auch auf der emotionalen Ebene.
Während eines Theaterbesuches entdeckt Barbara einen jungen Mann, einen Schönling, ein wahrer Adonis, der sie derart verzückt, dass ihr geordnetes (und zugegebener Maßen auch langweiliges) Leben gehörig ins Wanken gerät. Sie ist fortan besessen von dem Antlitz und setzt alles daran, die Bekanntschaft mit jenem Herren zu machen. Ihre Ehe gerät ins Trudeln, als sie äußert, ihre private Zeit auch gerne mal selbst zu bestimmen. Sie verstrickt und verheddert sich allmählich in ihrer Gefühlswelt. Ihr Mann, der zuerst so etwas wie Verständnis heuchelt, wendet sich mehr und mehr ab, spielt aber dennoch bis zu einem gewissen Punkt das Spiel mit und entpuppt sich stets als Spielleiter, schürt in Barbara große Gewissensbisse und setzt ihre Verzweiflung taktisch ein.
Selbstbestimmung der Frau versus gelebtes Patriarchat, das in der Gesellschaft etabliert ist. Zeitweise erscheinen die Zeilen wie ein Fiebertraum, in dem sich Barbara befindet. Traumwelten vermischen sich mit der Realität, drehen sich herum. Verzückung und Sehnsucht nehmen eine berauschende Fahrt auf, und prallen dann mit voller Wucht auf die Felsen der Realität.
S. 23: „Warum haderst du mit deinem Mann, warum haderst du mit deiner Arbeit? Hadere mit deinem eigenen Herzen, das sich an ein Traumbild gehängt hat, das sich an ein Traumbild verschenkt hat, das alles, was deine Wirklichkeit ausmacht, zunichtemachen will, damit du diesem Traumbild Einlass in die Wirklichkeit gewährst. Hadere mit deinem ganzen Herzen, das dich so übel berät.“
Schon früh im Roman drängen sich ihr die eigenen Zweifel auf und werden zu einem opus moderandi. Und schnell kommt dann auch die Frage auf: darf eine Frau fühlen und ein selbstbestimmtes Leben überhaupt führen? Oder ist sie auf Gedeih und Verderb dem Mann ausgeliefert, der es durchaus versteht, zu manipulieren? Enden feministische Wünsche im uferlosen Meer der Unterdrückung?
Sprachlich ist dieser Roman eine Wucht – die meist langen Sätzen versprühen eine gewisse Atem- und Ausweglosigkeit der Protagonistin. Ich bin versucht, Parallelen zu Thomas Mann zu suchen, vor allem fällt mir dazu sein Werk „Tod in Venedig“ ein, wo ich ein paar Ähnlichkeiten, literarisch wie auch inhaltlich (angelehnt und im übertragenen Sinne) sehe. Auch sind Ähnlichkeiten im Grundmuster durchaus auch bei Gustave Flauberts „Madame Bovary“ zu finden.
Ganz große Leseempfehlung für diese wunderbaren Roman, den ich ohne zu zögern als „Literarisch wertvoll“ einstufe.
Literarisch sehr gediegener…
MarcoL aus Füssen am 25.05.2025
Bewertungsnummer: 2941009
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Literarisch sehr gediegener Roman über die Sehnsüchte einer (unterdrückten) Frau Mela Hartwig (1893-1967) verfasste diesen bislang unveröffentlichten Roman in den Jahren 1943/44 in London, nachdem sie 1938 mit ihrem Ehemann vor den Nazis aus Graz floh. Frau Dr. Barbara Brenner lebt eine ruhige, unspektakuläre Ehe. Ihr Mann ist ein angesagter Bakteriologe, und sie arbeitet bei ihm im Labor mit. Der Alltag ist geprägt von einer wiederkehrenden Monotonie, alles hatte seinen festen Platz, die zeitlichen Tagesabläufe scheinen in Stein gemeißelt. Sie ordnet sich ihrem Mann (zu dessen Wohl und Ego) unter, sei es beruflich wie auch auf der emotionalen Ebene. Während eines Theaterbesuches entdeckt Barbara einen jungen Mann, einen Schönling, ein wahrer Adonis, der sie derart verzückt, dass ihr geordnetes (und zugegebener Maßen auch langweiliges) Leben gehörig ins Wanken gerät. Sie ist fortan besessen von dem Antlitz und setzt alles daran, die Bekanntschaft mit jenem Herren zu machen. Ihre Ehe gerät ins Trudeln, als sie äußert, ihre private Zeit auch gerne mal selbst zu bestimmen. Sie verstrickt und verheddert sich allmählich in ihrer Gefühlswelt. Ihr Mann, der zuerst so etwas wie Verständnis heuchelt, wendet sich mehr und mehr ab, spielt aber dennoch bis zu einem gewissen Punkt das Spiel mit und entpuppt sich stets als Spielleiter, schürt in Barbara große Gewissensbisse und setzt ihre Verzweiflung taktisch ein. Selbstbestimmung der Frau versus gelebtes Patriarchat, das in der Gesellschaft etabliert ist. Zeitweise erscheinen die Zeilen wie ein Fiebertraum, in dem sich Barbara befindet. Traumwelten vermischen sich mit der Realität, drehen sich herum. Verzückung und Sehnsucht nehmen eine berauschende Fahrt auf, und prallen dann mit voller Wucht auf die Felsen der Realität. S. 23: „Warum haderst du mit deinem Mann, warum haderst du mit deiner Arbeit? Hadere mit deinem eigenen Herzen, das sich an ein Traumbild gehängt hat, das sich an ein Traumbild verschenkt hat, das alles, was deine Wirklichkeit ausmacht, zunichtemachen will, damit du diesem Traumbild Einlass in die Wirklichkeit gewährst. Hadere mit deinem ganzen Herzen, das dich so übel berät.“ Schon früh im Roman drängen sich ihr die eigenen Zweifel auf und werden zu einem opus moderandi. Und schnell kommt dann auch die Frage auf: darf eine Frau fühlen und ein selbstbestimmtes Leben überhaupt führen? Oder ist sie auf Gedeih und Verderb dem Mann ausgeliefert, der es durchaus versteht, zu manipulieren? Enden feministische Wünsche im uferlosen Meer der Unterdrückung? Sprachlich ist dieser Roman eine Wucht – die meist langen Sätzen versprühen eine gewisse Atem- und Ausweglosigkeit der Protagonistin. Ich bin versucht, Parallelen zu Thomas Mann zu suchen, vor allem fällt mir dazu sein Werk „Tod in Venedig“ ein, wo ich ein paar Ähnlichkeiten, literarisch wie auch inhaltlich (angelehnt und im übertragenen Sinne) sehe. Auch sind Ähnlichkeiten im Grundmuster durchaus auch bei Gustave Flauberts „Madame Bovary“ zu finden. Ganz große Leseempfehlung für diese wunderbaren Roman, den ich ohne zu zögern als „Literarisch wertvoll“ einstufe.
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