Rabea Edels Roman umspannt Jahrzehnte und verknüpft Zeitgeschichte mit persönlichem Schicksal. Im Mittelpunkt: eine unangepasste Frau, flirrend, poetisch und mutig, die isch entscheidet, dem scheinbar Vorherbestimmten etwas Eigenes entgegenzusetzen.
Raisa lebt allein mit ihrer Mutter Martha und das schon immer. An ihren Vater hat sie keine Erinnerung. Ihr Name ist das Einzige, was sie von ihm bekommen hat - besser so, sagt Martha. Doch Raisa beginnt, Fragen zu stellen. Als der Nachbarsjunge Mat verschwindet, beginnt Martha zu erzählen. Von der Großmutter Dina. Von Lügen, die schützen, und Lügen, die in Gefahr bringen. Von der Liebe ihres Lebens und ihrem größten Verlust.
Rabea Edel zeichnet in ihrem Buch die bewegende Lebensgeschichte ihrer Mutter und das Portrait einer Nachkriegsgeneration, die im Schatten der Gewalt und des Schweigens aufgewachsen ist. Sie erzählt von der Kraft der Liebe und von der Rückeroberung der eigenen Geschichte durch die Sprache. Ein Buch wie ein Kaleidoskop, das vor allem die Frauen in den Blick nimmt - und die weibliche Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Bewertung
aus Rödinghausen
3/5
02.02.2025
eBook (ePUB)
Familiengeschichten mit geheimnisvollen Verstrickungen
Ich war sehr neugierig auf dieses Buch, da ich gerne Geschichten über Familiengeheimnisse lese. Doch am Ende lässt es mich zwiegespalten zurück.
Die Geschichte dreht sich um Raisa, die seit jeher allein mit ihrer Mutter Martha lebt. An ihren Vater hat sie keine Erinnerung – ihr Name ist das Einzige, was sie von ihm bekommen hat. „Besser so“, sagt Martha. Doch Raisa beginnt, Fragen zu stellen, und macht sich auf die Suche nach der Wahrheit. Das Besondere an diesem Roman ist die Erzählweise: Die Geschichte der Mütter und Töchter entfaltet sich über mehrere Generationen und springt zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Dies hat mir gut gefallen, da es die Handlung abwechslungsreich und spannend machte. Gleichzeitig ist der Schreibstil sehr speziell, und es gab einige Passagen, die ich nicht ganz verstanden habe. Vielleicht lag es an genau diesen Abschnitten oder an der Erzählweise insgesamt, aber ich musste mich gelegentlich zwingen, weiterzulesen.
Insgesamt war es interessant, die einzelnen Lebensgeschichten der Frauen zu verfolgen und der Wahrheit Stück für Stück näherzukommen. Dennoch konnte mich das Buch nicht komplett überzeugen. Wer sich für Familiengeschichten mit Zeitsprüngen und geheimnisvollen Verstrickungen interessiert, könnte hier dennoch auf seine Kosten kommen.
Bewertung
5/5
18.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Familienroman geprägt von Schweigen
Kommunikation ist besonders in der Familie ein oft schwieriges Thema, wie erklärt man einem Kind etwas ? Was kann eine Mutter ihrem Kind erzählen? Was wird in der Familie verschwiegen? Worüber muss eine Familie sprechen? Die Kommunikation ist das Hauptthema in Rabea Edels Roman „Portrait meiner Mutter mit Geistern“. Noch bevor der Roman beginnt ist ein Stammbaum aufgezeichnet, der zunächst etwas verwirrend wirkt, im Roman allerdings doch eine Stütze gibt. Wer erzählt wem was über wen und viel wichtiger, wer weiß was über wen? Allerdings bleiben selbst im Stammbaum Fragen offen. Raisa lebt bei ihrer Mutter Martha und hat keine Erinnerung an ihren Vater. In Raisas Familie sind fast nur Frauen übrig, doch was ist mit den Männern? Die Männer bleiben das Mysterium, dass den Kern des Themas um die Kommunikation ausmacht. Die Geschichte beginnt 1989, allerdings wird im Roman häufig nach hinten gesprungen um Erklärungen zu liefen. Dieses Buch ist beeindruckend strukturiert und ein komplex geschriebener Familienroman über mehrere Generationen. Eine Empfehlung für Leser*Innen von anspruchsvollen Texten.
Katrin
aus Kiel
5/5
20.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Unsichtbare Väter und schwarze Löcher
Wie erkennt man wiederkehrende Muster in der eigenen Familiengeschichte? Nach unruhigen Wanderjahren zieht Raisa mit ihrer Mutter Martha in ein kleines Häuschen bei Bremerhaven, ihre Mutter ist dort in der Nähe aufgewachsen, Kontakt zu anderen Familienmitgliedern gibt es allerdings nicht. Auch ihren Vater kennt Raisa nicht. „Ich hatte nie die leiseste Erinnerung an meinen Vater. Nichts. Gar nichts. Da war nur ein dumpfes Gefühl, wenn ich an ihn dachte, (…).“ Das Mädchen beginnt, Fragen zu stellen, doch ihre Mutter hüllt sich in Schweigen, blockt alles ab und will nichts von ihrer Vergangenheit preisgeben. Im Laufe des Romans lernen wir mehrere Generationen von Frauen dieser Familie kennen, und es gibt einiges, das sich durch die Zeit zieht und wiederholt. Rabea Edel verknüpft die verschiedenen Erzählstränge nicht chronologisch miteinander, vielmehr hüpft sie durch die Zeiten und stellt die verschiedenen Frauen der Familie abwechselnd in den Mittelpunkt. Die dazugehörigen Männer und Väter sind selten da, meist verschwinden sie schnell und hinterlassen Leerstellen, die ähnlich wie schwarze Löcher Energien binden. Der einzige Mann, der einen den Frauen ebenbürtigen Platz in dieser Familienchronik innehat, heißt Jakob und lebt inzwischen als über Neunzigjähriger in New York.
Die Autorin zeigt anhand von fünf Generationen die Brüche und schmerzhaften Umwälzungen, die das 20. Jahrhundert ausmachten, es geht um Flucht, Ausgrenzung, verlorene Träume und den Wunsch nach Selbstbestimmung. Die Sprache ist poetisch und leicht, man folgt Rabea Edel gern auf ihrer Reise durch Raum und Zeit und ist während der Lektüre immer wieder froh, dass es einen Stammbaum gibt – ich zumindest musste den häufiger konsultieren, um nicht im Geschehen verloren zu gehen, Schwindelgefühl inklusive. Laut Nachwort basiert der Roman auf einigen wahren Begebenheiten, doch für das Lesevergnügen ist es ganz und gar unwichtig, was von diesen familiären Puzzlestücken, die durch ein großes Schweigen zusammengehalten werden, wahr ist, denn der Roman ist in all seiner Komplexität und Poesie absolut empfehlenswert!
bookloving
5/5
16.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gespenster der Vergangenheit - eine eindringliche Familiengeschichte
In ihrem neuen Roman „Portrait meiner Mutter mit Geistern“ erzählt Rabea Edel eine hochkomplexe und sehr bewegende Familiengeschichte, die sich über vier Generationen von Frauen erstreckt und in einem Zeitraum von vor dem Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart spielt.
Edel erkundet eindringlich, wie die Schicksale der Frauen durch die vielschichtigen psychologischen Auswirkungen von Verlusten, Flucht, Kriegserfahrungen, gesellschaftlicher Zwänge und weiblichem Überlebenswillen sowie kollektiver Traumata geprägt wurden. Eindrucksvoll zeigt sie auf, wie ein fatales Geflecht aus Schweigen, verdrängten Erinnerungen und unsichtbaren Narben die labilen Familiendynamiken beeinflusst und unausgesprochene Traumata über mehrere Generationen weitergereicht werden. Jede dieser verschiedenen Frauenfiguren steht mit all ihren Verletzlichkeiten, belastenden Erlebnissen aber auch Stärken zugleich für eine bestimmte historische Epoche und die damalige Gesellschaft.
Die Handlung ist nicht linear erzählt, sondern wechselt zwischen verschiedenen Zeitebenen und Erzählperspektiven. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Protagonistin Raisa, die versucht das hartnäckige Schweigen ihrer Mutter Martha über ihre unerzählte Vergangenheit zu durchbrechen und die vielen Familiengeheimnisse zu ergründen. Vor allem sucht Raisa nach Antworten über ihren Vater, der eine unerklärliche Leerstelle in ihrem Leben bleibt, und ihre eigene Herkunft.
Neben den Perspektiven von Raisa, ihrer Mutter Martha, ihrer Großmutter Selma und der Urgroßmutter Dina gibt es auch einen weiteren Handlungsstrang mit Jakob, einem Jugendfreund von Selma, der im Jahr 2014 in New York versucht seine Lebenserinnerungen endlich aufzuschreiben, um so das quälende, lebenslange Schweigen zu brechen.
Die hochkomplexe, fragmentarische Erzählweise führt oftmals zu Verwirrung und erfordert beim Lesen höchste Aufmerksamkeit.
Statt ausführlicher Beschreibungen konfrontiert die Autorin uns neben zahlreichen Zeitsprüngen mit schlaglichtartigen Episoden und vielen Leerstellen, so dass wir stets herausgefordert werden, selbst Verbindungen herzustellen und zwischen den Zeilen zu lesen. Auch Emotionen werden eher angedeutet als explizit beschrieben, wodurch eine gewisse Distanz zu den Figuren entsteht und Raum für eigene Interpretationen lässt.
Als äußerst hilfreiches Orientierungsmittel findet sich auf den Vorsatzseiten ein Familienstammbaum, so dass man das kaleidoskopische Figurenensemble besser zuordnen kann.
Geschickt wechselt Edels Schreibstil zwischen gelungener poetischer Verdichtung, nüchternen Passagen und beklemmender Sprachlosigkeit.
Edel macht in ihrem Roman auf beeindruckende Weise deutlich, wie sehr persönliche Biografien mit dem zeitgeschichtlichen Kontext – insbesondere dem 2. Weltkrieg und der Nachkriegszeit - verwoben sind, aber auch wie sich intergenerationale Muster durch die gesamte Familiengeschichte ziehen und schließlich durchbrochen werden können. Sie zeigt eindrucksvoll auf, wie die Sprachlosigkeit als Überlebensstrategie und Schutz innerhalb Raisas Familie nicht nur persönliche Beziehungen belastet, sondern auch die eigene Gesundung und Selbstfindung behindert.
Die verwobenen Schicksale von Dina, Selma, Martha und Raisa bilden ein faszinierendes Puzzle, bei dem sich wiederholende Muster wie verstorbene Babies oder abwesende Väter als traumatisches Erbe durch die Generationen ziehen. Sie vermittelt eindrücklich, wie schwer es ist, Wahrheiten zu tragen, die nie ausgesprochen wurden und generationenübergreifende Ängste endlich zu artikulieren. Nach und nach entblättert sie geschickt die Ambivalenz der familiären Narrative, so dass wir die vielen Fragmente der erschütternden Familiengeschichte schließlich rekonstruieren können.
Zum Ende hin verdichtet Edel ihre Handlungsstränge zunehmend und führt diese stimmig zusammen. Dennoch bleiben etliche Handlungsfäden – ganz wie im wirklichen Leben - offen zurück und regen zu eigenen Deutungen an. So endet der Roman mit einem versöhnlichen Ausblick. Das Erbe belastender Erinnerungen sollte nicht nur als Last gesehen werden, sondern auch als Chance für einen Neuanfang. Indem wir die Geister der Vergangenheit bewältigen, eröffnen wir uns die Möglichkeit, diese Erfahrungen für persönliches Wachstum und eine hoffnungsvolle Zukunft zu nutzen.
FAZIT
Ein beeindruckender Familienroman voller poetischer Tiefe und ein eindringliches Porträt einer Familie, die über Generationen hinweg von Schweigen und Traumata geprägt wird.
Eine anspruchsvolle und faszinierende Lektüre, die berührt und nachhallt!
Bewertung
5/5
13.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kunstvoll erzählte Familiengeschichte
Für mich ist dieser Roman zweifelsfrei schon ein literarisches Highlight in diesem Jahr.
Erzählt wird die Geschichte einer Familie, über mehrere Generationen hinweg und aus verschiedenen Perspektiven.
Zu Beginn wird man auch direkt von einem Stammbaum begrüßt, der wirklich hilfreich beim Lesen war. Dieser füllt sich mit jedem Kapitel mehr mit Leben, nach und nach lernt man als Leser die Personen hinter den Namen kennen und ihre Bedeutung für die Handlung.
Generell fühlt es sich ein wenig wie ein Puzzle an, bei dem man mit jedem Kapitel neue Teile erhält: Vorherige Textstellen bekommen eine neue Bedeutung, Fragen werden beantwortet, Handlungen der Charaktere bekommen einen (neuen) Sinn.
Es lohnt sich daher sehr, den Roman aufmerksam und in Ruhe zu lesen, da es auf jeder Seite etwas zu entdecken gibt.
Die Kapitel haben sich dabei für mich schon fast wie Kurzgeschichten angefühlt, jedes war irgendwie besonders, und doch waren sie alle miteinander verbunden. Ebenso außergewöhnlich ist der Schreibstil, die Geschichte liest sich sehr flüssig, jedoch wird man immer wieder von sprachlich wunderschönen Formulierungen oder Wortneuschöpfungen überrascht. Auch passt sich die Erzählung an die Perspektive an, ist mal kindlich unschuldig und unwissend oder auch leicht senil und geistig verwirrt.
Historisch relevante Geschehnisse werden so gekonnt in der Handlung versteckt, sie liefern dezent Kontext, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen.
Auch die Charaktere und Emotionen kommen natürlich nicht zu kurz, sondern stehen vielmehr im Fokus. Durch die generationenübergreifende Erzählung schafft es die Autorin, die (Neben-)Charaktere schließlich zu richtigen Menschen zu erheben. War mir eine Person zu Beginn noch unsympathisch, habe ich später doch Mitleid mit ihr und versuche sie zu verstehen.
Vieles war sehr berührend, manches hat mich sogar wirklich emotional mitgenommen, hier wird eine große Bandbreite an Gefühlen geboten, ohne dabei darauf ausgelegt zu sein. Als Leser fühlt und fiebert man automatisch mit, während man versucht, all die Fragen zu beantworten. Manches bleibt jedoch auch offen, aber nicht auf eine unangenehme oder störende Art.
Ein poetisches Buch, das auf besondere Weise sehr persönlich ist.
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5/5
22.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Geister der Vergangenheit
Dina, Selma, Martha, Raisa und Raisas Tochter - fünf Generationen, fünf Frauen und unzählige unausgesprochene Geheimnisse. Raisa wächst allein mit ihrer Mutter Martha auf. Über ihre Familie schweigt Martha. Bis Raisa beginnt, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Martha findet einen Weg, von der Vergangenheit zu erzählen. Die Bruchstücke setzen sich nach und nach zu einem Ganzen zusammen. Poetisch, bildgewaltig und zart zugleich zeichnet Rabea Edel die Lebenswege nach. Immer präsent dabei die Frage, wie all die Ereignisse aus der Vergangenheit die Geschichten der nachfolgenden Frauen prägen.
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