Keiner nimmt Anna, die Jüngste der Familie, ernst: weder die beiden älteren Brüder, die sich mit Freunden im Wohnzimmer einschließen, um zu diskutieren, noch die Schwester Concettina, die vor allem ihre zahlreichen Verlobten im Kopf hat. Auch Signora Maria, die Haushälterin mit den winzigen Schleifenschühchen, kümmert sich mehr um die Rosen als um das Mädchen.
Nur der ein bisschen großmäulige Nachbarjunge Giuma gibt sich mit Anna ab. Sie gehen miteinander spazieren, dann ins >Pariser Café< und später in die Büsche am Fluss.
Als einer der Freunde verhaftet wird, müssen die Broschüren gegen Mussolini eilig im Kamin verbrannt werden. Italien tritt in den Krieg ein, der älteste Bruder, ein überzeugter Pazifist, soll eingezogen werden. Concettina verliebt sich in ein Schwarzhemd - und Anna wird schwanger.
Natalia Ginzburg erzählt von den kleinen wie großen Ereignissen genau und fast beiläufig: Was, wenn es keinen Stoff für Kleider gibt, und was, wenn man einen Juden in der Familie hat? Bereits hier hat sie den unnachahmlichen Ton des »Familienlexikon« gefunden.
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Das Kind
wal.li (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 18.04.2026
Bewertungsnummer: 3113258
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Anna lebt mit ihren Geschwistern, dem Vater und Signora Maria in Italien. Die Faschisten sind an der Macht. Der Vater schreibt in seinen Memoiren auf, was ihm alles nicht gefällt. So schlecht gelaunt wie der Vater meist ist, versucht die Signora Maria das ein wenig auszugleichen. Die Kinder wachsen langsam auf, beginnen mit der Ausbildung und finden Partner. Nur Anna kommt sich etwas verloren vor. Ein Lichtblick für sie ist der Kontakt mit einem Nachbarsohn, was zu einer unerwarteten Schwangerschaft führt. Ein Bekannter der Familie, Cenco Rena heiratet das junge Mädchen kurzerhand, um ihr Leid zu ersparen. Mit ihm zieht sie in ein Bergdorf in Süditalien.
Eine etwas chaotische Familie scheinen sie zu sein. Die Mutter ist schon vor Jahren verstorben, der Vater ein knorriger Typ, der sich am ehesten durch schlechte Laune auszeichnet, der Sohn, der sich tyrannisieren lässt. Anna, die Jüngste, scheint ein wenig nebenher zu laufen. Ihre Unauffälligkeit macht sie aber auch nicht glücklich. Zu allem müssen sie sich durch die Zeit des faschistischen Regimes bringen. Je länger diese Zeit andauert, desto schwieriger wird es. Man kann sagen, für Anna ist es eine Art Glück, dass sie bei Cenco Rena lebt. Je weiter der Krieg dann voranschreitet, desto gefährlicher wird es für die Menschen im Dorf. Cenco hat dafür gesorgt, dass dort jeder Zuflucht fand, der sich vor dem Regime verstecken musste.
So sehr wird der Faschismus im Alltag der Familie nicht thematisiert. Sie sind sich einig, wie sie dazu stehen, hängen es aber nicht an die große Glocke. Zwar versuchen einige Familienmitglieder Widerstand zu leisten, aber wenn sie mit Menschen klarkommen müssen, die andere Überzeugungen haben, geht das auch auf eine Art. In ihren jüngeren Jahren sind die Kinder noch nicht wirklich in der Lage die Situation zu erfassen. Später ist klar, dass sie durch den Vater geprägt wurden. Und dennoch leben sie durch die Zeit, gehen zur Schule, verlieben sich, verloben sich, heiraten. Wie war es, in dieser Zeit zu leben? Hatte jeder eine Meinung? Und wenn sie nicht der staatlichen Vorgabe entspracht, wer hatte den Mut, sie auszusprechen? Der Vater war da wohl eindeutig, er schimpfe auf die Halunken. Vermutlich wollte er seine Familie später schützen. Nach seinem Tod, wird der Umgang normaler. Und doch leiden einige Familienmitglieder unter dem Regime oder der Zeit, die vorgibt, wie sie zu sein haben. Aus Cenco Rena wird man nicht so richtig schlau, aber er hilft selbstlos, wann immer er kann. Ein nachdenklich stimmender Roman.
Eine wunderbare Wiederentdeckung.
Bewertung aus Erlangen am 20.07.2025
Bewertungsnummer: 2544756
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Natalia Ginzburg hatte das große Talent, auf besondere Weise zwischenmenschliche Beziehungen, egal ob zwischen Freunden, Paaren oder Familienmitgliedern, zu analysieren und zu beschreiben. Diese großartige, zum Glück unvergessene Autorin hat mich total begeistert.
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