Sie liebt Narben, Dehnungsstreifen, Körpermale aller Art. Seit sie von Zuhause ausgezogen ist, hat sie den festen Vorsatz, ihre Miete selbst zu zahlen. Sie will unabhängig sein von ihren wohlhabenden Eltern. Sie kauft jede Woche für zehn Euro, vorwiegend No-Name-Produkte und für den Nachhauseweg noch Junkfood, um es direkt aus der Hand zu essen. Die neuen Gewohnheiten zeichneten sich schnell auf ihren Hüften ab. Ihre Mutter wollte sie bei einem Ernährungsberater sehen, aber sie ging nicht hin, nahm ab und hat jetzt ordentliche Dehnungsstreifen auf den Schenkeln.
Der Typ von Ebay, der vor ihr kniet, Joe, eigentlich Iwan, aber sie findet, dass Joe viel besser zu seinem Gesicht passt, ist übersät mit Brandnarben, auf die sie jetzt starrt, wie auf einen Fetisch. Wahrscheinlich hat er mal eine Frau aus einem brennenden Haus gerettet. Er ist eine archaische Erscheinung, groß, breitschultrig, kantiges Gesicht. Sicher könnte er sie auch retten und wenn sie einmal einen Bodyguard braucht, dann erinnert sie sich an Joe.
Joe hat jetzt ihr Bett abgebaut, den Mahagonischreibtisch, den Jugendstilschrank und den ergonomischen Schreibtisch, den ihre Mutter ihr aufgedrängt hat, vor die Haustüre gebracht. Er kommt ein letztes Mal herauf, greift ihre Taschen, Schuhe, Kleider, den Beauty-Case, dann ist er weg. Gaia ist jetzt frei, Veronica hat sie gerade verlassen. Jetzt weiß sie nicht mehr, wer sie ist, deshalb wird sie werden wie Veronica. Sie rasiert sich die Kopfhaut, um Platz für eine Perücke zu schaffen. Das Gesicht behandelt sie mit Foundation, Puder, Conciler, Foundation, immer im Wechsel, bis sie Veronikas Elfenbeinteint imitiert hat. Es folgen dichte, lange Wimpern, die sie über ihre klebt, eine Perücke, grüne Kontaktlinsen und roter Nagellack. Was sie jetzt noch schnell besorgen muss, ist das Periodentässchen. Sie ekelt sich davor, aber wenn sie schon Veronika sein will, dann richtig.
Fazit: Maddalena Fingerle ist eine durch und durch unterhaltsame Geschichte gelungen. Ihre Protagonistin stammt aus einer reichen Familie, die oberflächlicher nicht sein könnte. Ihr Vater steht mit seiner Präsenz über der Mutter, ihr Bruder steht mit seiner Bildung über der Mutter und alle stehen über der Haushaltshilfe Filomena. Gaia ist lesbisch und verlassen worden. Ihren Eltern erzählt sie nichts Persönliches. Es reicht, dass sie sie schon nicht respektieren, wie sie sie sehen und den Bruder vorziehen. Durch den Verlust hat die neurotische, schwermütige, unsichere Gaia sich verloren. Sie versucht sich (die Ungeliebte) durch Veronika (die Unbeschwerte) zu ersetzen. Im Laufe der Geschichte jedoch gewinnt sie an Sicherheit und wird unabhängiger von der Wertschätzung durch andere. Die Autorin zeigt mir Gaia durch ihre Gedanken, die sich oft im Kreis drehen, aber auch viele selbsterfüllende Prophezeiungen mit einer guten Prise Selbstironie. Ich mag auch sehr die Wut, die in Gaia brodelt, wenn sie übergangen wird, das macht sie lebendiger, als sie sich fühlt. Eine richtig gut gemachte Geschichte über eine charakterstarke, junge, verwirrte Frau, die zentrisch um sich selbst kreist. Sehr unterhaltsam.
Für Fans obsessiver Figuren…
nessabo am 26.11.2025
Bewertungsnummer: 2972855
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Für Fans obsessiver Figuren und metaphernreicher Sprache Ich bin sehr unvoreingenommen an diesen Roman gegangen, da ich noch kaum Berührungspunkte zu italienischer Literatur hatte. Die Kürze des Buches in Kombination mit einem queeren Kontext sowie dem tollen Cover hat mich sehr angesprochen. Schon während des Lesens musste ich für mich aber feststellen: So sehr mich obsessive Figuren immer wieder reizen, so wenig bereiten sie mir doch während der Lektüre Freude. Schon recht am Anfang war ich etwas verwirrt von Gaias Perspektive auf andere Menschen und das Leben allgemein. Ich habe zum Beispiel bis zum Ende nicht verstanden, warum sie fremden Personen einfach andere, in ihren Augen passendere Namen gibt. Das wirkt auf mich schon recht selbstzentriert und tendenziell unsympathisch. Und auch abgesehen davon hatte ich ziemlich große Schwierigkeiten mit der Obsession der Protagonistin. Diese absolute Verkörperung ihrer Ex-Freundin hat mich in ihrer Intensität regelrecht verstört. Dabei ist die grundlegende literarische Idee dieser Verwandlung eigentlich wirklich gut. Sie bietet Gaia eine Möglichkeit des Ausbruchs aus ihrem seit Geburt vorbestimmten Leben und des Loslösens von der Herkunftsfamilie (die wirklich nur schwer auszuhalten ist). Die Trennung löst damit auch einen Prozess der Identitätsfindung aus, der mir am Ende aber doch zu nichtssagend blieb. Einige gesellschaftskritische Passagen blitzen immer mal wieder auf, als sonderlich reflektiert würde ich Gaia dennoch nicht bezeichnen. Schon zwischendrin, aber vor allem zum Schluss habe ich mich dann gefragt, was genau nun die Kernaussage des Romans ist. Manche Elemente, die ich durchaus als metaphernreich bezeichnen würde, sind dabei greifbarer als andere. Aber abschließend gesehen blieb mir die Entwicklung der Hauptfigur zu vage. Das muss nicht pauschal schlecht sein, aber ich bin lieber sehr nah dran an Figuren, die einen deutlichen Entwicklungsprozess durchleben. Weiterhin schwierig fand ich ich die Isolation Gaias. Sie hat in der gesamten Handlung eigentlich keinen wirklichen Fixpunkt - weder Familie noch Freund*innen spielen eine wahrnehmbar stabilisierende Rolle. Dafür muss mensch wahrscheinlich eine Vorliebe haben und mir sind ehrliche Interaktionen sowie echte Verbundenheit mit anderen Figuren schon ziemlich wichtig. Deshalb war es für mich kein sonderlich überragendes Werk. Phasenweise lässt es sich recht gut lesen, an anderen Stellen war es mir zu stockend. Menschen, die obsessive Figuren und Geschichten mit starkem Prota-Fokus mögen sowie Metaphern nicht scheuen, finden hier aber durchaus ein wertvolles Stück Literatur.
Meinung aus der Buchhandlung
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Der Roman überzeugt durch sein genaues psychologisches Gespür: Die Autorin zeigt sehr eindrücklich, was in Gaia vorgeht - ihre Zweifel, ihre Sehnsucht und die immer stärkere Fixierung auf ihre Ex-Partnerin. Dabei versucht Gaia, sich in ihrem Schmerz, Schritt für Schritt der Freundin anzugleichen und das nicht nur optisch. Gaias Verwandlung ist letztlich der Versuch, in die Persönlichkeit der Frau hineinzuschlüpfen, die sie verloren hat. Doch so sehr sie sich bemüht, merkt sie, dass sie sich selbst nicht abstreifen kann- und genau darüber findet sie Stück für Stück wieder zu sich.
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