Die Gesandten, 1903 erschienen und von Henry James selbst zu den vollendetsten seiner späten Romane gezählt, entfaltet die Mission des Neuengländers Lambert Strether, der in Paris den jungen Chad Newsome zur Rückkehr in die amerikanische Ordnung bewegen soll. Doch die Begegnung mit Madame de Vionnet und der europäischen Lebenskunst verwandelt Strethers Urteil. In langen, kunstvoll modulierten Bewusstseinsbewegungen, indirekter Rede und psychologischer Ironie verbindet James Gesellschaftsroman, Bildungsroman und moralische Untersuchung der Moderne. Als amerikanisch geborener, später britischer Schriftsteller lebte James zwischen den Kulturen, deren Spannungen sein Werk prägen. Seine Jahre in Europa, seine Vertrautheit mit Pariser Salons, englischer Konversation und amerikanischem Puritanismus schärften den Blick für jene feinen Unterschiede von Sitte, Sprache und Selbsttäuschung, aus denen dieser Roman seine dramatische Kraft gewinnt. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die Handlung nicht als äußeres Ereignis, sondern als Erkenntnisprozess verstehen möchten. Die Gesandten belohnt Geduld mit einer außerordentlich präzisen Analyse von Freiheit, Verzicht und verspäteter Selbsterkenntnis. Wer die große europäisch-amerikanische Romantradition kennenlernen will, findet hier eines ihrer subtilsten, reifsten und menschlich bewegendsten Werke.
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Bewertung
aus Langenhennersdorf
5/5
19.09.2018
Buch (Gebundene Ausgabe)
Weltliteratur
"Die Gesandten" ist ein Schlüsselroman der großen amerikanischen Literatur zum Eingang des 20. Jahrhunderts. Wenn ein Schriftsteller einen Gesellschaftsroman schreibt, steckt immer etwas an eigener Lebenswirklichkeit mit darin. Henry James war selbst als Kind reicher Eltern aufgewachsen, die sich die Bildung Ihrer Kinder in der luxeriösen Variante der Beschäftigung von Privatlehrern leisten konnten. James arbeitete als Schriftsteller, reiste dabei auch nach Paris und verbrachte die zweite Hälte seines Lebens in England. Wenn Strether, der Gesandte in diesem Buch mit dem Auftrag nach Europa reist, den Sohn seiner Auftraggeberin zur Rückkehr nach Amerika zu bewegen und dafür die Aussicht bekam, die Auftraggeberin und Vertraute heiraten zu dürfen, zeigen sich Parallelen zum Leben von James. Die Grundidee des Buches ist schon in dem Roman von James "Der Amerikaner" angelegt. Das Thema hat ihn ganz offensichtlich sehr lange beschäftigt. Strether scheitert. Er erlebt ein kulturvolles Europa und einen äußerst kultivierten Chad, der sich nicht als Objekt seines Auftrages sondern als eine zentrale Figur des Kulturkreises in Paris erweist, zu der er durch die kulturelle Erziehung seiner Gönnerin wird. Der verwitwete 55jährige Strether erlebt in diesen Cirle aufgenommen den krassen Gegensatz der europäischen Kultur zum amerikanischen kulturarmen, auf wirtschaftlichen Erfolg ausgerichteten Lebens, so dass er sich zu dem Fin de siecle selbst so hingezogen fühlt, dass er seinen Auftrag nicht nur nicht erfüllt sondern Chad noch bestärkt in Europa zu bleiben. Damit scheitert Strether völlig, da er so auch die mögliche Ehe und einen sorgenfreien Lebensabend dem Glück von Chad opfert. Der Roman hat im eigentlichen Sinne keine Handlung sondern ist ein Geflecht von Gedanken, Anspielungen, Überlegungen, Mißverständnissen, ein ständiges Lavieren der Figuren und dabei ein psychologisches Meisterwerk, in dem Abstand der Figuren und Vertrautheit, emotionale Nähe und Enttäuschung, Zuwendung und Ablehnung permanent wechseln. Erzählt wird aus der Sicht Strethers, jedoch nicht auktorial. Der Stoff ist so faszinierend, dass P. Highsmith in "Der talentierte Mr. Ripley" unverblümt Bezüge zu diesem Roman hergestellt hat.
Erstmals in Deutschland veröffentlicht wurde der Roman bei Kiepenheuer und Witsch, sodann noch bei Ullstein, bevor die Ausgabe des Aufbauverlags 1973 erschien. Hier ist nun eine Neuübersetzung veröffentlicht, so dass man das Buch nicht mehr nur antiquarisch bekommen kann. Es ist jedoch, egal, für welche Ausgabe man sich entscheidet, immer eine kleine Investition, kein Buch, dass man für ein paar Cent erhalten kann. Allerdings lohnt es sich auf jeden Fall.
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