Das Skandalbuch von 1910 in neuer Übersetzung - Wiederentdeckung eines Klassikers der feministischen Literatur!
Mit Anfang Vierzig bricht Elsie aus ihrer Ehe aus, lässt sich scheiden und zieht in ihre weiße Villa am Meer, um die Wechseljahre in Ruhe zu überstehen. Dort wird ihr bewusst, dass sie in Wahrheit vor ihrer Leidenschaft für einen jüngeren Mann geflohen ist ... Anhand von Tagebucheinträgen und Briefen gibt Karin Michaëlis schonungslos Einblick in das Seelenleben einer reifen Frau, die gegen die starren gesellschaftlichen Konventionen rebelliert und ihr Schicksal selbst bestimmen will - zu Beginn des 20. Jahrhunderts ungemein skandalös. Der Roman wurde zum Kultbuch einer ganzen Frauengeneration und trug zur Debatte über gesellschaftliche Schranken, Chancen und Entfaltungsmöglichkeiten von Frauen im mittleren Alter bei.
»Wenn es Karin Michaëlis in ihrem Buch >Das gefährliche Alter< gelingt, ihr Zeitalter in Furcht und Schrecken zu versetzen vor den zügellosen Gelüsten einer Vierzigjährigen, so ist es ein Beweis ihrer dichterischen Kraft, auf den sie stolz sein kann.« BZ am Mittag, 1910
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Bewertung
aus Leipzig
5/5
11.10.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wann hört man auf, “Frau” zu sein?
Wann hört man auf, “Frau” zu sein?
Heute noch wird Frauen, die sich frei fühlen und ein eigenes Leben leben wollen, Egoismus vorgeworfen. Bitte kümmert euch um Familie und Herd! ihr wollt das nicht? Dann seid ihr undankbar. Und wenn es heute in einer eigentlich aufgeklärten Zeit so ist. Wie war es dann zu Beginn des 20. Jhd.? Auf diese Reise nimmt uns das Buch mit.
Der Roman erzählt von Elsie. Einer Frau um die Vierzig, die sich scheiden lässt und in eine Villa am Meer zieht, um ihr Leben neu zu ordnen. In Tagebuch- und Briefform schildert sie ihre inneren Konflikte, ihre verdrängte Leidenschaft für einen jüngeren Mann und ihren Kampf gegen gesellschaftliche Zwänge.
Zu der damaligen Zeit definitiv skandalös, wurde es nun neu aufgelegt und möchte ein Plädoyer für Selbstbestimmung und Freiheit von Frauen im frühen 20. Jahrhundert sein.
Elsies großes Glück war, dass sie dank einer Erbschaft finanziell unabhängig war. Sonst wäre ihr Leben vermutlich auch ganz anders gelaufen.
Das Buch erschien 1910 und wurde nun neu übersetzt. Ich weiß nicht, ob es an der neuen Übersetzung liegt, aber ich fand das Buch wirklich gut und flüssig zu lesen. Es ist ehrlich, schroff und setzt sich mit vielen Gedanken auseinander. Doch gerade deswegen sollte man es gelesen haben. Gerade da ich selbst erst 40 geworden bin, interessiert es mich umso mehr. Und ich wünschte, ich hätte es schon früher gelesen.
ISBN: 978-3755800545
Autorin: Karin Michaelis
Verlag: Dumont
Veröffentlicht. 16.09.25
Umfang: 240 Seiten
Christopher Bahn
Book Circle Community
5/5
29.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Frau auf Abwegen
Eine Frau mittleren Alters, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt und sich scheiden lässt, ist heute keine Sensation mehr. 1910, als dieses Buch zum ersten Mal erschienen ist, war das ein Skandal und begründete den Ruf der Autorin und des Buches als feministischer Klassiker. In Brief- und Tagebuchform geschrieben, liest sich das Werk heute noch sehr kurzweilig. Sehr empfehlenswert.
Johanna
aus München
5/5
17.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Leben endet nicht mit der Menopause. Schon im Jahr 1910 war das so!
„Seien Sie nicht beleidigt. Aber Sie können doch nicht erwarten, dass sich ein Mann für einen Roman interessiert, dessen Heldin eine vierzigjährige Frau ist.“ So die Reaktion eines norwegischen Dichterfreundes, als Karin Michaëlis ihm ihre Idee zu einem Roman beschreibt. Der erschien dann 1910 und wurde ein Skandalerfolg. Man war empört, dass da eine Frau beschrieben wird, die ihr Leben mit dem Beginn der Wechseljahre nicht als abgeschlossen betrachtet, selbstständig leben und lieben will.
Es ist ein Roman in Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, 136 Seiten dünn und mit einem ausführlichen und sehr informativen Nachwort von Manuela Reichart versehen. Leicht zu lesen, erfrischend. Gut gealtert, nicht veraltet.
Elsie Lindtner hat sich nach zwanzig Jahren Ehe scheiden lassen. Aufgrund einer Erbschaft ist sie finanziell unabhängig. Ein befreundeter Architekt hat eine Villa auf einer Insel für sie entworfen, ohne zu wissen, für wen er sie baut. Sie lebt dort (abgesehen von zwei weiblichen Angestellten) völlig zurückgezogen von der Gesellschaft. In Briefen und Notizen setzt sie sich mit klaren, zum Teil schroffen Worten mit dem Leben und den Umbruchsphasen von befreundeten Geschlechtsgenossinnen auseinander. Nicht weniger schonungslos geht sie mit ihrem eigenen Leben, ihren (falschen) Entscheidungen um, dem Verlust der jugendlichen Schönheit und Attraktivität. Zeitweise hadert sie auch mit ihrem Entschluss, allein zu leben. Es gibt da nämlich den etliche Jahre jüngeren Architekten, in den sie sich verliebt hat. Letztlich geht es um die damals revolutionäre Erkenntnis, dass Frauen eigenständige Wesen sind – mit einem Recht auf Selbstbestimmung und einem Begehren nach Liebe, auch ganz außerhalb der etablierten Bahnen der Gesellschaft. Am Ende steht ein desillusionierter Aufbruch in die Welt, die „doch verhältnismäßig groß“ ist. Groß genug, vielleicht Wünsche zu erfüllen.
Karin Michaëlis feierte mit ihren Romanen nicht nur in Dänemark große Erfolge, musste dann 1939 ins Exil, konnte in den USA nicht reüssieren und starb 1950 verarmt in Kopenhagen. Sie war mit Helene Weigel und Bertolt Brecht befreundet. Beiden gewährte sie auf ihrer dänischen Insel Unterschlupf vor der Verfolgung durch die Nazis. Später wohnte sie bei ihnen in den USA.
115 Jahre später hat Doris Knecht einen weitaus optimistischeren Roman über das Älterwerden jenseits der Paarbeziehung („Ja, nein, vielleicht“) geschrieben. Es ist glücklicherweise viel passiert!
„Das gefährliche Alter“ ist 2025 von Daniela Stilzebach neu übersetzt worden und in einer sehr schönen Ausgabe bei Ebersbach & Simon herausgekommen.
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
06.09.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Frau reift bis weit in den Winter hinein
„Das gefährliche Alter“ – was für ein spannender Titel für einen 115 Jahre alten Klassiker, der im Jahr 1910 erschienen ist! Um welches Alter mag es hier wohl gehen? Und was macht dieses Alter wohl so gefährlich?
Es geht um die Jahre ungefähr zwischen 40 und 50 Jahren, bei Frauen ungefähr die Wechseljahre. Die Zeit, in der es gilt, von der Jugend Abschied zu nehmen und sich auf eine neue Lebensphase einzulassen. In den Worten der Ich-Erzählerin dieses Buches: „Wir sind in diesen Jahren verrückt, kämpfen jedoch dafür, klug zu erscheinen.“
Verrückt, so haben wohl die angepassten Teile der Gesellschaft die Emanzipationsbestrebungen mancher Frauen in diesem Alter wahrgenommen und nicht wenige von ihnen sind dafür zumindest temporär in der Anfangszeit der Psychoanalyse als Neurotikerinnen psychoanalytisch behandelt worden. Das wird in diesem Buch kurz erwähnt, ist aber nicht Kern davon, hier geht es im Wesentlichen um Selbstwerdung und Befreiung.
Heute, im Jahr 2025, sind die „Wechseljahre“ ein Trendthema geworden und laufend erscheinen neue Bücher dazu. Früher war das ganz und gar nicht so. Umso bemerkenswerter, dass dieses Buch schon damals ein Bestseller war, mit dem die Autorin bekannt geworden ist, auch wenn es auch einigen Widerstand und sogar eine anonyme Schmähschrift dazu gab.
Wir erleben das Buch aus der Sicht der Ich-Erzählerin Elsie, einer Frau Anfang 40. Elsie ist eine außergewöhnlich selbstbewusste und emanzipierte Frau für ihre Zeit, die für ihre Entscheidungen einsteht und selbst Verantwortung für ihr Leben übernimmt, ohne irgendjemand anderem die Schuld dafür zu geben: „Ich klage niemanden wegen meines Lebens an. Ich bin selbst Herrin darüber gewesen.“
Elsie hat sich vor kurzem von ihrem Ehemann getrennt, um alleine, nur begleitet von zwei Dienstbotinnen, in ein abgelegenes Anwesen am Meer zu ziehen. So schreibt sie etwa an eine Freundin: „Du weißt so gut wie alle anderen, dass wir es miteinander so gut hatten, wie zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts es wohl überhaupt haben können. Zwischen uns ist nie ein böses Wort gefallen. Aber ich habe nun einmal diesen Einfall bekommen, oder wie auch immer Du es bezeichnen möchtest, dass ich allein leben muss. Ganz allein für mich selbst und mit mir selbst.“
In diesem Anwesen verbringt Elsie eine ruhige Zeit mit Baden im Meer und Briefe schreiben. Von den Mühen der Erwerbsarbeit und häuslichen Tätigkeiten ist sie durch ein Erbe, das genug jährliche Zinsen abwirft, befreit. Es ist klar eine Erzählung einer Frau aus der gesellschaftlich privilegierten Schicht. Dennoch kommt ergänzend im Buch an verschiedenen Stellen, etwa in schriftlichen Ratschlägen an Bekannte, immer wieder vor, dass es für eine Frau eine gute Idee sei, eine Tätigkeit zu erlernen, mit der sie selbst für ihr Auskommen sorgen könne.
Elsie selbst scheint also ihren Mann und eine grundsätzlich solide, aber für sie langweilige, Ehe, verlassen zu haben, um alleine zu leben und sich selbst zu finden. Im Kontrast dazu schreibt sie Briefe an eine Freundin von ihr, die scheinbar ihre Erfüllung im häuslichen und familiären Dasein zu finden scheint, doch Elsie beklagt, die Freundin als Person kaum mehr zu wahrzunehmen. So wünscht sie sich etwa in einem Brief von ihr: „…obwohl ich voraussehe, dass er zu neunzig Prozent von Deinen Kindern und zu zehn Prozent von Deinem Mann handeln wird, während ich lieber zu einhundert Prozent von Dir lesen möchte.“Ja, Elsie geht sogar so weit, zu sagen, eine Frau, die sich nicht für die Ehe eigne, begehe „ein Verbrechen an ihrem eigenen Wesen, wenn sie sich an einen Mann bindet.“
Doch ist das das einzige, worum es geht: Freiheit, Selbstbestimmung und alleine leben als Frau? Nein, da ist noch ein weiteres Thema, das damals wohl ebenfalls gesellschaftlich ein Tabu war: im Hintergrund gibt es noch einen Mann, acht Jahre jünger als Elsie, und seit zehn Jahren in ihrem Leben, als Anfang 30 war und er Mitte 20. Damals ein junger Mann ohne viele Mittel, heute ein aufstrebender Architekt. Er hat das Rückzugsanwesen am Meer nach ihren Wünschen geplant, ohne zu wissen, dass es für sie sein würde. Welche Rolle wird diese ungewöhnliche Anziehung in der Geschichte spielen und wie findet sie sich ein in diese Erzählung der Selbstbefreiung von gesellschaftlichen und ehelichen Zwängen?
Vorab schon mal so viel, ohne zu spoilern: das Buch ist keinesfalls hauptsächlich eine Liebesgeschichte, sondern deutlich mehr eine Erzählung über Befreiung und Selbsterkenntnis in einem Lebensalter, das starken Wandel mit sich bringt.
Die Sprache ist frech, pointiert und humorvoll, dabei an vielen Stellen voll von tiefgründigen Weisheiten, die zum Hinterfragen anregen und ermutigen, eine positive Einstellung zum Älter-Werden zu finden:
„Letzten Endes ist das Alter ein ansehnliches Ziel. Ein Gipfel, den es zu erklimmen gilt. Ein Berg, von dem aus man das Leben von allen Seiten überblickt – sofern man nicht auf dem Weg nach oben von dem ewigen, fallenden Schnee geblendet wird. Vor dem Alter habe ich keine Angst, aber vor dem Übergang.“
„Niemand hat jemals laut die Wahrheit ausgesprochen, dass die Frau mit jedem Jahr, das vergeht – wie, wenn es auf den Sommer zugeht und die Tage länger werden – mehr und mehr Frau wird. Sie stumpft nicht ab in dem, was ihr Geschlecht betrifft, sie reift bis weit in den Winter hinein.“
Insgesamt ist es ein kurzweiliges und amüsantes Buch, das sich locker und unterhaltsam liest und so einige überraschende Entwicklungen aufweisen kann, dabei unkonventionell und zeitlos ist und zum Nachdenken über das Leben, das Älter-Werden und insbesondere über die Wechseljahre als Frau anregt. Ich kann diesen vergnüglichen und zeitlosen Klassiker einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen.
Danke dem Verlag dafür, diesen tollen Klassiker neu herausgebracht und am Ende mit einem lesenswerten Nachwort mit Informationen zum Leben der Autorin und der Rezeptionsgeschichte des Buches ergänzt zu haben.
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