Sie hinterlässt drei Kinder und einen Bindestrich. Sie hinterlässt mir ihre Freundinnen, ihre Bibliothek, ihr Unbehagen. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin und wundere mich, wie wenig sie sich beschwören lässt, wenn ich es will. Sie hat sich - nun himmlisch - endlich emanzipiert. Ich schreibe über meine mannigfaltige Mutter, ihre Weisheit und Komik, ihren Mann, die Sache mit den Meerschweinchen und mich.
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Der Nachruf einer Poetin
Bewertung am 08.02.2026
Bewertungsnummer: 3039952
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein berührendes Werk über eine Mutter, die sehr geliebt wurde.
Das Werk fast ein langes Gedicht.
Unglaubliche Sätze.
Bewegende Gedanken.
Oft geweint.
Oft geschmunzelt.
Hätte sie gerne gekannt diese Nortrud G.omringer.
Danke Nora
Wortreiche Trauerarbeit
MarieOn am 07.10.2025
Bewertungsnummer: 2618337
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ihr erstes Meerschweinchen Paula war von dem Rottweiler Jago erjagt, zu Tode gewälzt, gebissen und dann liegengelassen worden. Nero, ein anderes Schweinchen, war plötzlich dagelegen. Es muss ihr Versagen gewesen sein. Wahrscheinlich hatte sie zu wenig oder das falsche Essen gereicht. Der Hamster war in Mamas Badewasser geplumpst, als Nora ihr eine unklare Stelle am Hals zeigen wollte. Er überlebte, war aber nie wieder der Alte. Der Verlust diverser Kleintiere, die mit und durch einen so viel erlitten hatten, war ein erstes Memento mori. Sie war immer ein morbides Kind gewesen. Das verdankte sie ihrer Mutter, die ihr schon früh aus dem Hexenhammer vorlas.
Ins Gymnasium reiste sie mit dem Zug an, zur Grundschule musste sie mit dem Bus fahren. Dort schlug ihr mehrfach Häme entgegen. Die Lacher, wenn sie sich auf einen offensichtlich leeren Platz setzen wollte und jemand „Besetzt“ schrie. Bei den ersten Schmähungen anderer war sie ganz sicher dabei, weil sie das Dabei-Gefühl dem Gegen-mich-Gefühl unbedingt vorzog, bis sie sich so einsam fühlte, dass sie sich für die Geächteten einsetzte.
Mit neun fuhr sie mit Mama an die Nordsee, weil sie fett war. Sie bekam wenig zu essen, trug meistens Bademäntel, zog von Anwendung zu Anwendung, ließ sich in Salzlake wälzen und ging viel mit Mama spazieren. Jetzt ist sie fünfundvierzig und vermisst ihre Mutter seit vier Jahren.
Die Trauer ist ein neuer Rock, ein Kleid, zwanzig Kilo weniger, eine schwere Bronchitis, ein langes Gebet, beständiges Fragen, spontanes Weinen, laute Selbstgespräche, Lebenswehklagen in erkaltetem Badewasser. S. 41
Mare e Monti singsangt der Vater. Das war Mamas Lieblingsgericht beim Italiener, das der Vater ihr noch kurz vor ihrem Tode zubereitet hat. Die Tochter weiß, dass das nicht stimmt, dass er sich die letzten Wochen in seinem Büro versteckt hat. Der Übervater, der stets im Mittelpunkt sein muss, weil er sonst grantig wird oder sich in sich zurückzieht.
Fazit: Die Dichterin Nora Gomringer trauert in diesem Stück wortreich, angestachelt und wütend über den riesigen Verlust der geliebten Mutter. Sie entsinnt sich ihrer Kindheit, der schwierigen Beziehung zwischen den Eltern. Spricht von ihrem unnahbaren Übervater, der so viel Aufmerksamkeit braucht und die eifersüchtige, emotional manipulative Mutter, die neben ihm verblasste. Die Mutter, die ihr doch alles über Literatur und das Menschsein beigebracht hat, was es zu wissen gibt. Nora Gomringer ringt um Worte für den verheerenden Verlust und das Vermissen und sie reiht zahlreiche in beeindruckender Weise aneinander, kämpft sich aus der Sprachlosigkeit zurück in ihr schreibendes Sein. Ihre Auslassungen sind kreativ, humorvoll und nie anklagend. Ein schönes Stück interessanter Lebensgeschichte, die ich sehr gerne gelesen habe.
Meinung aus der Buchhandlung
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Ein Memoir. Ein Trost- und Trauer-Buch. Nora Gomingers Vater ist der berühmte Lyriker Eugen Gomringer. Doch um seinen Tod geht es nicht. Es geht um den Tod ihrer Mutter, die eine geistreiche, witzige, kluge und eigenständige Germanistin war. Und die natürlich doch als Frau ihrer Zeit im Schatten ihres Mannes stand. Witzig, nachdenklich, hinterfragend schafft es
Gomringer, die Mutter aus dem Schatten zu holen, und die Generation dieser Männer noch einmal kopfschüttelnd genauer zu betrachten. Wer, jenseits der Fünfzig kann von sich behaupten, keinen Eugen gekannt zu haben?
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Im Zentrum dieses Romans steht die Mutter-Tochter-Beziehung -nah, widersprüchlich, geprägt von Liebe, Reibung und Abgrenzung. Aus dieser Beziehung heraus stellt Gomringer Fragen nach der eigenen Identität: Wer bleibt man, wenn eine zentrale Bezugsperson fehlt? Wie lebt Erinnerung weiter?
Trotz der Schwere des Themas trägt ein feiner, oft überraschender Humor durch dieses Buch. Aber vor allem die Sprache hat es mir angetan: präzise, klug und poetisch verdichtet Gomringer Gedanken, Gefühle und Erinnerungen. Dieses Buch hat mich berührt und es direkt auf die Liste meiner Lieblingsbücher geschafft.
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