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Für Karsten Leiser ist es nicht Sommer, wenn es nicht nach Kamille riecht, sind Pappeln keine Pappeln, wenn sie nicht an einem Kanal stehen, sind Straßen keine richtigen Straßen, wenn es keine Chausseen sind. In einer schlaflosen Nacht erzählt er seiner Freundin Vera, warum das so ist: Seine Landschaft ist immer die Landschaft seiner Kindheit geblieben, die er eines Morgens für immer verlassen musste. »Sieh dir alles genau an, weil du es nicht wiedersiehst«, sagt die Mutter am Vorabend ihrer Flucht aus der DDR zu dem Jungen. Und Karsten prägt sich alles ein und kehrt nun jedes Mal, wenn sich der besagte Tag jährt, zu seinen Erinnerungen zurück. Ganz gleich, wie weit er als Reisejournalist reist, in wie vielen Hotels er übernachtet, um die entscheidende erste Nacht im Hotel ungeschehen zu machen, die Vergangenheit holt ihn immer wieder ein, wie jener lederne Koffer von damals, den er einfach nicht loswird.
In dem schlanken, überaus kunstvollen Roman »Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist« legt Gert Loschütz, der große Vergangenheitsergründer der deutschen Gegenwartsliteratur, unerschrocken die Wut und Verzweiflung eines Mannes frei, dem jeder Mittelpunkt genommen wurde.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Christian1977
aus Leipzig
5/5
11.02.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Sieh dich nicht um"
Als seine Mutter den zehnjährigen Karsten im märkischen Plothow nachts aus dem Bett holt, um mit ihm einen letzten Spaziergang durch die Heimatstadt zu machen, sagt sie ihm: "Sieh hin, sieh dir alles genau an, weil du es nicht wiedersiehst." Am nächsten Morgen werden die beiden die DDR in Richtung Westen verlassen und dem Jungen wird eingeimpft: "Sieh dich nicht um", um erst gar keine Verdachtsmomente an eine Flucht aufkommen zu lassen. Doch wie geht ein Junge damit um, der von einem auf den nächsten Tag seine Heimat verliert und dem dieser Satz wie ein Damoklesschwert ein Leben lang über dem Haupt schwebt? Davon erzählt Gert Loschütz in seiner "Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist".
Der Roman wurde 1990 bereits unter dem Namen "Flucht" veröffentlicht, und offenbar im Zuge des Erfolgs des letztjährigen Loschütz-Romans "Besichtigung eines Unglücks" hat sich der Verlag Schöffling & Co. dazu entschlossen, dieses über 30 Jahre alte Werk des Autors erneut zu veröffentlichen. Es ist eine kluge und nachvollziehbare Entscheidung, denn dieses zeitlose Kunstwerk dürfte damit viel mehr Leser:innen erreichen, an denen es ansonsten wohl vorbeigegangen wäre. Wären da nicht die zahlreichen "ß", die sich wegen der alten Rechtschreibung im Text befinden, könnte man meinen, Loschütz hätte nur besonders schnell einen Nachfolger veröffentlicht, denn nichts an der "Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist" wirkt veraltet oder inaktuell.
Noch nie waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie 2020. Täglich endet für zahlreiche Minderjährige die Kindheit. Nicht immer durch die Flucht selbst, dennoch trägt diese Entwurzelung erheblich dazu bei. So auch damals bei Karsten Leiser, mittlerweile Reisejournalist, der sich Ende der 1980er-Jahre dem Dogma der Mutter widersetzt - und eben doch zurückblickt auf seine Kindheit und auf den besonderen Tag im Mai des Jahres 1957, an dem diese ein abruptes Ende nahm. Denn der "Tag, der nicht vorüber ist" verfolgt den Ich-Erzähler Karsten auf Schritt und Tritt. Nur ein Jahr nach der Flucht stirbt die Mutter nach langer Krankheit just an diesem Tag, und auch weniger bedeutsame Ereignisse und kleinere Unglücke ziehen sich in den kommenden Jahren wie ein roter Faden durch Karstens Leben.
Der Erzählton, den Gert Loschütz wählt, ist voller Melancholie, voller sinnlicher Intensität. In sprunghaften kleinen Szenen wechseln die Jahre und die Schauplätze von den 80er- in die 50er-Jahre und wieder zurück, von dem fiktiven Plothow ins fiktive Wildenburg in Hessen, von Irland nach Italien. Auch wenn sich die im Titel angedeutete "Ballade" als literarische Gattung nicht halten lässt, hat das dennoch etwas von Strophen, die im Verlaufe des Romans etwas länger werden. Man spürt die autobiografischen Bezüge, die Verbindungen zwischen Karstens Familie und Loschütz' Flucht von Genthin nach Dillenburg eben im Jahr 1957.
Karsten selbst entpuppt sich als unzuverlässiger Erzähler, der aber zu seinen Lügen steht und diese manchmal sogar als solche kennzeichnet. Für die Leser:innen entwickelt sich dadurch ein Spiel mit der Realität, wobei die Handlungen gern auch einmal ins Surreale abdriften. Wenn Karsten beispielsweise seinen Fluchtkoffer nach über 25 Jahren endlich wegwerfen will und dieser doch immer wieder zu ihm zurückkehrt. Oder wenn er seinen Intimfeind aus der Kinderzeit, einen Jungen namens Burckhardt, urplötzlich überall wiedertrifft und dieser vermeintlich sogar einen Anschlag auf Karsten plant. Besonders ans Herz gehen dabei die Kindheits-Episoden. So erledigt Karsten beispielsweise noch die Hausaufgaben, obwohl er seine Schule niemals wiedersehen wird. Oder er berührt eine besondere Mauerstelle an seinem Hauseingang nicht, weil seine Mutter diese als letztes vor der Verlegung ins Krankenhaus berührte.
All das untermalt Loschütz mit Erinnerungen, Farben und Gerüchen, mit einer sehr besonderen, überwiegend traurigen Tonalität, die ich schon in "Besichtigung eines Unglücks" so geschätzt habe. Vielleicht ist es nach erst zwei von mir gelesenen Romanen zu früh, von einem unverwechselbaren "Loschütz-Sound" zu schreiben, aber diese ganz eigene Schreibart führt bei mir unmittelbar zu diesem Gefühl.
Keinesfalls zu früh ist es jedoch für den Wunsch, den die "Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist" in mir bekräftigt hat: nach und nach alle Werke dieses besonderen Gegenwarts-Romanciers zu lesen.
Christian1977
aus Leipzig
5/5
11.02.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Als seine Mutter den zehnjähri…
Als seine Mutter den zehnjährigen Karsten im märkischen Plothow nachts aus dem Bett holt, um mit ihm einen letzten Spaziergang durch die Heimatstadt zu machen, sagt sie ihm: "Sieh hin, sieh dir alles genau an, weil du es nicht wiedersiehst." Am nächsten Morgen werden die beiden die DDR in Richtung Westen verlassen und dem Jungen wird eingeimpft: "Sieh dich nicht um", um erst gar keine Verdachtsmomente an eine Flucht aufkommen zu lassen. Doch wie geht ein Junge damit um, der von einem auf den nächsten Tag seine Heimat verliert und dem dieser Satz wie ein Damoklesschwert ein Leben lang über dem Haupt schwebt? Davon erzählt Gert Loschütz in seiner "Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist". Der Roman wurde 1990 bereits unter dem Namen "Flucht" veröffentlicht, und offenbar im Zuge des Erfolgs des letztjährigen Loschütz-Romans "Besichtigung eines Unglücks" hat sich der Verlag Schöffling & Co. dazu entschlossen, dieses über 30 Jahre alte Werk des Autors erneut zu veröffentlichen. Es ist eine kluge und nachvollziehbare Entscheidung, denn dieses zeitlose Kunstwerk dürfte damit viel mehr Leser:innen erreichen, an denen es ansonsten wohl vorbeigegangen wäre. Wären da nicht die zahlreichen "ß", die sich wegen der alten Rechtschreibung im Text befinden, könnte man meinen, Loschütz hätte nur besonders schnell einen Nachfolger veröffentlicht, denn nichts an der "Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist" wirkt veraltet oder inaktuell. Noch nie waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht wie 2020. Täglich endet für zahlreiche Minderjährige die Kindheit. Nicht immer durch die Flucht selbst, dennoch trägt diese Entwurzelung erheblich dazu bei. So auch damals bei Karsten Leiser, mittlerweile Reisejournalist, der sich Ende der 1980er-Jahre dem Dogma der Mutter widersetzt - und eben doch zurückblickt auf seine Kindheit und auf den besonderen Tag im Mai des Jahres 1957, an dem diese ein abruptes Ende nahm. Denn der "Tag, der nicht vorüber ist" verfolgt den Ich-Erzähler Karsten auf Schritt und Tritt. Nur ein Jahr nach der Flucht stirbt die Mutter nach langer Krankheit just an diesem Tag, und auch weniger bedeutsame Ereignisse und kleinere Unglücke ziehen sich in den kommenden Jahren wie ein roter Faden durch Karstens Leben. Der Erzählton, den Gert Loschütz wählt, ist voller Melancholie, voller sinnlicher Intensität. In sprunghaften kleinen Szenen wechseln die Jahre und die Schauplätze von den 80er- in die 50er-Jahre und wieder zurück, von dem fiktiven Plothow ins fiktive Wildenburg in Hessen, von Irland nach Italien. Auch wenn sich die im Titel angedeutete "Ballade" als literarische Gattung nicht halten lässt, hat das dennoch etwas von Strophen, die im Verlaufe des Romans etwas länger werden. Man spürt die autobiografischen Bezüge, die Verbindungen zwischen Karstens Familie und Loschütz' Flucht von Genthin nach Dillenburg eben im Jahr 1957. Karsten selbst entpuppt sich als unzuverlässiger Erzähler, der aber zu seinen Lügen steht und diese manchmal sogar als solche kennzeichnet. Für die Leser:innen entwickelt sich dadurch ein Spiel mit der Realität, wobei die Handlungen gern auch einmal ins Surreale abdriften. Wenn Karsten beispielsweise seinen Fluchtkoffer nach über 25 Jahren endlich wegwerfen will und dieser doch immer wieder zu ihm zurückkehrt. Oder wenn er seinen Intimfeind aus der Kinderzeit, einen Jungen namens Burckhardt, urplötzlich überall wiedertrifft und dieser vermeintlich sogar einen Anschlag auf Karsten plant. Besonders ans Herz gehen dabei die Kindheits-Episoden. So erledigt Karsten beispielsweise noch die Hausaufgaben, obwohl er seine Schule niemals wiedersehen wird. Oder er berührt eine besondere Mauerstelle an seinem Hauseingang nicht, weil seine Mutter diese als letztes vor der Verlegung ins Krankenhaus berührte. All das untermalt Loschütz mit Erinnerungen, Farben und Gerüchen, mit einer sehr besonderen, überwiegend traurigen Tonalität, die ich schon in "Besichtigung eines Unglücks" so geschätzt habe. Vielleicht is
Bories vom Berg
aus München
3/5
30.04.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Und täglich grüßt das…
Und täglich grüßt das Murmeltier Der soeben unter dem Titel «Ballade vom Tag, der nicht vorüber ist» veröffentlichte Roman von Gert Loschütz hat eine weit zurückreichende, editorische Vorgeschichte. Das Buch basiert auf dem gleichnamigen Hörspiel aus dem Jahre 1988, das zwei Jahre später unter dem Titel «Flucht» erstmals als Roman veröffentlicht wurde. Wie der Autor in seiner Nachbemerkung schreibt, stand der damalige Titel in deutlichem Zusammenhang mit den Absetz-Bewegungen aus der DDR. Angesichts der heutigen, ganz anders gelagerten Flucht-Problematik «ist der Titel falsch». Er sei für die Neuausgabe deshalb «zu dem Titel zurückgekehrt, den die Geschichte für mich immer hatte», erklärt der 1957 als Elfjähriger mit seinen Eltern aus der DDR ausgereiste Autor. «Sieh dir alles genau an, weil du es nicht wiedersiehst», sagt die Mutter von Karsten, als sie spätabends noch mal durch die Straßen gehen, es ist der Abend vor ihrer klamm-heimlichen Ausreise in den Westen. Immer wieder wurden vorab schon mal von verschiedenen Postämtern aus Pakete dorthin geschickt, wurde das Geld vom Konto abgehoben und davon ein teurer Fotoapparat gekauft. Der soll ‹Drüben› dann gleich wieder verkauft werden, der Erlös ist als Startkapital gedacht. Am nächsten Morgen machen sie sich dann auf den Weg zum Bahnhof. «Sieh dich nicht um» sagt die Mutter unterwegs immer wieder zu ihrem Sohn. Ihre Reise ist allen gegenüber als Urlaubsreise an die Ostsee deklariert worden, niemand darf wissen, wohin sie tatsächlich fahren. Diese konspirative Ausreise aus seinem Heimatort Plothow hinterlässt bleibende Spuren bei Karsten, um nicht zu sagen Schäden. Zeit seines Lebens ist der Abreisetag für ihn nun ein ganz besonderes Datum, sein persönlicher Feiertag quasi, der eine gravierende Zäsur in seinem Leben markiert. Und auch die traumatische erste Nacht in einem hessischen Hotel wird prägend für sein weiteres Leben. Denn künftig wird jede erste Nacht in einem Hotel den Reisejournalisten an die beklemmende, ungewohnte Situation erinnern, irgendwo ganz neu zu sein, so wie damals, als plötzlich alles ganz anders war als daheim in der DDR. Eine durchgängige Handlung findet man nicht in diesem Roman, es sind eher narrative Vignetten, die da, zeitlich vor und zurück springend, aufgereiht werden. Den Ich-Erzähler Karsten hat das Fluchterlebnis nicht nur geprägt, es hat ihn total entwurzelt, er ist nirgendwo mehr richtig zu Hause und sucht bei seinen Reisen ruhelos nach Orten und Landschaften, die ihn an seine märkische Heimat erinnern. In Irland und auf Sizilien glaubt er sie gefunden zu haben. Als Reisejournalist schreibt er so manches Notizbuch voll und sitzt am Ende mit drei anderen Teilnehmern in einer Rundfunksendung, in der es ums Reisen geht, Genaueres erfährt man aber nicht. Gert Loschütz erweist sich hier als Großmeister der Andeutungen. Er lässt eine Feindschaft in der Schulzeit seines Helden kurz aufblitzen, führt einen ebenfalls viel reisenden und schreibenden Freund Götz ein, von dem man kaum etwas erfährt, und auch Frauen spielen nur andeutungsweise eine Rolle. Einzige Ausnahme ist Vera, mit der Karsten wohl länger liiert ist, und die dann auch als Adressatin fungiert, wenn beim Erzählen zuweilen in die Du-Form gewechselt wird. Aber auch da wird nur episodenhaft verkürzt erzählt, Vera bleibt eine eher schemenhafte Figur ohne Profil. Die posttraumatisch bedingte Ruhelosigkeit des Protagonisten wird in einem unablässigen Gedankenstrom artikuliert, der in beeindruckenden Bildern Landschaften ebenso stimmig wiedergibt wie Erlebnisse und Begebenheiten im eng begrenzten Lebensradius des melancholischen Helden. Mit der Methode des unzuverlässigen, und zudem auch noch heftig mäandernden Erzählens wird der Leser allerdings ziemlich gefordert. Man fühlt sich verloren wie Karsten, dessen Gedanken refrainartig immer wieder auf den «Tag, der nicht vorüber ist» zurückweisen, was als fatale Zeitschleife (sorry!) an «Und täglich grüßt das Murmeltier» erinnert.
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