Ein feministisches Verständnis von politischer Macht
Wie kann man sich gegen die neuen Herrschaftslogiken wehren, die gegenwärtig unsere Demokratie untergraben? In ihrem klaren und engagierten Essay gibt die preisgekrönte französische Philosophin Corine Pelluchon eine faszinierende Antwort: Wenn wir der Gewalt und Angst die Macht des Weiblichen entgegenstellen, die allen Geschlechtern offensteht - eine Kraft des Teilens, der Fürsorge und der gegenseitigen Wertschätzung -, kann eine gerechtere, freudvollere und menschlichere Zukunft unserer Demokratie entstehen.
Corine Pelluchon wendet sich mit großer Sorge dem aktuellen Rechtsruck zu und möchte vor allem die besondere Attraktivität erklären, die populistische bis faschistische Auffassungen so stark machen. Laut Pelluchon basiert diese Attraktivität auf einer Art Intrige, in die rechtsextreme Führungsfiguren sowie geneigte Teile der Bevölkerung verstrickt sind: Geteilte Ohnmachtserfahrungen werden mit toxischen Bemächtigungs- und Ausgrenzungswünschen beantwortet. Um unsere Demokratie vor dieser affektiven Dynamik zu bewahren, plädiert Pelluchon für ein feministisches Demokratieverständnis. Sie beruft sich dabei auf eine weibliche Erfahrung, die von einem Bewusstsein der Vulnerabilität, der wechselseitigen Abhängigkeit und einer Dankbarkeit gegenüber der Natur geprägt ist. Eine Politik, die dieser Erfahrung gerecht wird, muss auf Kooperation, Rücksichtnahme und der Einhegung von Beherrschungswünschen gebaut sein.
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07.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie links und rechts sich gleichen! – Einäugigkeit zahlt sich selten aus.
Es gehe um „... eine Politik der Wertschätzung.“ (S. 7) Es brauche „... die Liebe zur Welt, die aus der Dankbarkeit für das Gegebene und dem Willkommenheißen neuer Wesen erwächst.“ (S. 7f) Ja, genau! Das leuchtete mir sofort ein, und beides scheint auch mir eine sehr entscheidende Basis!
So schwierig es manch einem heutigen Zeitgenossen / einer Zeitgenossin erscheinen kann, die Polarität der Geschlechter als unterschiedlich anzuerkennen und zu charakterisieren, meines Erachtens ist es möglich, weil sich diese Komplementarität, wenn auch nicht bzgl. Einzelindividuen, sehr wohl aber bzgl. beider Gruppierungen, auf signifikante Weise zeigt: Weiblichkeit existiert – und Männlichkeit ebenso. Und sie können einander im günstigen Fall wunderbar ergänzen, einfach weil sie dafür so unterschiedlich entwickelt sind.
Was die Autorin dann in den ersten beiden Kapiteln versucht, ist die Gratwanderung zwischen der von ihr anerkannten „Bedingtheit der Frauen durch ihren Körper“ und der Idee, gerade dies als feministische Zeitgenossin nicht anzuerkennen. Spätestens hier wurde ich hellhörig. Zitat: „Eine solche weibliche Wirkmacht setzt voraus, dass wir unsere körperliche Bedingtheit sowie unsere Bedingtheit als endliche Wesen voll und ganz annehmen, dass wir sie zu einer Chance machen, zum Ausgangspunkt eines demokratischen und ökologischen politischen Projektes. ... Weibliche Macht ist nicht mit feministischen Kämpfen gleichzusetzen, obwohl sie eine enge Verbindung zu den Erfahrungen von Frauen hat, zur Geduld und Entschlossenheit, die sie auf aufbringen mussten und noch immer aufbringen müssen um als eigenständige, vollwertige Wesen zu existieren und Herrschaftssituationen zu begegnen. Denn die Entscheidung, Leben und Freiheit zu fördern, wurzelt in Erfahrungen, die diese Entscheidung auf die Probe stellen und festigen. (S. 9f). ... Die Regierten werden durch Abstiegsängste und Furcht vor der Zukunft dazu gebracht, ihren kritischen Geist gegen einfache Gewissheiten einzutauschen. Sie vergessen, dass die aufgesetzte Ordnung nur durch immer mehr Willkür und Unterdrückung aufrechterhalten werden kann und dass sich diese Situation letztlich auch gegen sie selbst wenden wird.“ (S. 14).
Sollte es je ein Buch gebraucht haben, um zu zeigen wie linke Ideologie und rechte sich gleichen – hier ist es! Was darin von Pelluchon zu recht angeprangert wird, gilt für die Autorin allerdings leider nur bzgl. „der Rechten“. Sie schreibt über „den Bürger“: „Man hat ihn zu der Überzeugung verführt, dass dies seinen Bedürfnissen entspricht, und so verliert er nach und nach sein Urteilsvermögen sowie jeden objektiven Bezug zur Realität.“ (S. 17).
Die Frage, die mich ab diesem Text (S.17) beim Lesen begleitete, war: Weiß Pellichon wirklich nicht, was heutige Frauen zunehmend selbst realisieren, nämlich: Dass es sie selbst beschreibt, was da im obigen Zitat angesprochen wird? Dass es Frauen sind, die durch den 'radikalen Feminismus 4.0' davon betroffen und „... zur Überzeugung verführt (wurden / werden), dass dies ihren Bedürfnissen entspricht ...“? Die dramatischen Folgen sind entweder krasse Enttäuschung oder die oben angeführte Variante: Verlust des eigenen Urteilsvermögens bzw. „... jeden objektiven Bezug zur Realität“ – ihres Körpers und dessen Anerkennung hormoneller sowie psychologischer Eigenheiten, etc., wie die Autorin ja gleich zu Beginn anführte.
Was hier auf fast 200 Seiten ausführlich und sehr präzise beschrieben wird, sind Tragik sowie hochproblematische Seiten rechter Ideologie und ihres Herrschaftsanspruchs. Was dieses Buch allerdings irritierend vermissen lässt, ist: Unmissverständlich auch auf die Parallelen aufseiten linker Ideologien hinzuweisen, zu denen sicherlich auch der politische Feminismus heutiger Prägung und seine Heilsversprechen zählen. Kann dies der Autorin wirklich entgangen sein?! Wie ist das möglich?! – Da Buch hätte ein klärendes wie auch gleichermaßen versöhnliches Werk werden können, wozu es so leider nicht in der Lage ist.
Hier einige entsprechende Zitate: „Die Schwäche des einen, sein Bedürfnis nach Anerkennung und Liebe, sein Gefühl, nicht genug Aufmerksamkeit zu bekommen, wird vom anderen ausgenutzt. ... Den andern dazu zu bringen, so zu denken und zu handeln, wie man es wünscht, ihn zu überwältigen und dabei Glauben zu lassen, dass er an einem Unternehmen teilnimmt, dass die Welt verändern kann – das ist die Strategie des beherrschenden, narzisstischen Subjekts. ... Es ist möglich sich vor einer solchen Gefahr zu schützen – und das Wissen und bestimmte Dynamiken kann dazu beitragen. Es ist jedoch nicht wichtig zu erkennen, dass Menschen die in eine bemächtigen Dynamik verwickelt sind, ihr Urteilsvermögen und ihren Sinn für die Realität verlieren, so dass niemand mit ihnen vernünftig diskutieren kann. ... Stattdessen formulieren Sie Beschwerden immer wieder auf andere Beschwerden verweisen. Sie befördern eine Opfer Haltung, die dazu führt, dass die Bürger denken, sie seien vom Wohlstand ausgeschlossen und würden um ihren Anteil am Kuchen betrogen, den dafür die Anführungszeichen privilegierten Anführungszeichen Ende genossen. Auf diese Weise schüren sie Neid, Hass und Paranoia. Der rechtsextreme Agitator ruft der Bevölkerung ständig die Frustrationen in Erinnerung, unter denen sie leidet und verspricht ihr, dass sich das ändern wird, dass bald diejenigen, die den kleinen Leuten den Platz an der Sonne streitig machen, zur Rechenschaft gezogen werden: Sie werden bezahlen, und der Schaden, der den Waren Kindern der Nation zugefügt wurde, wird oder werde wieder gutgemacht! (S. 18ff) … Sie vergrößern das Unbehagen, lassen Frustrationen unerträglich werden und zeigen dann mit dem Finger auf Zielgruppen, an denen die Menschen ihre Wut auslassen können.“ (S. 30) (Siehe: Pauline Harmange: „Ich hasse Männer“; 2020) ... „Argumentieren hilft nicht, um die von Agitatoren geschaffenen Illusionen zu zerstreuen. Stellt man ihre Programme in denen sie alle Register ziehen, den Programmen der anderen Kandidaten gegenüber und verweist auf Presseartikel, in denen die Inkonsistenz ihrer Gedanken, ihre Widersprüche und sogar ihre Inkompetenz angeprangert werden, so kann dies doch die Anziehungskraft, diese auf ihre Wähler ausüben, nicht verringern.“ (S. 37)
Alles hier Dargelegte gilt von einem unvoreingenommenen Standpunkt natürlich für linke Ideologien ebenso, wie für die hier beschriebenen rechten Ideologien. Vor allem auch wenn es darum geht: „die Medien mundtot zu machen.“ (S. 40). (Ein Hinweis, den ich vom Verlagsleiter eines großen Verlages erhielt: "Ein Buch mit feminismus-kritischen Aspekten ist in Deutschland wegen Bedrohung durch Verlags-Boykott nicht zu editieren!“
Abschließend noch ein Zitat, das die ganze Widersprüchlichkeit dieses Buches, trotz wohl bester Absichten, in sich vereint: „Die Macht des Weiblichen lebt von der Liebe zur Welt, die durch die Liebe zu den Kindern (wieder-) erweckt wird. Die weibliche Macht ist archaisch und neu zugleich. Sie ist so alt wie die Welt, und sobald sie auftaucht, kommt sie in uralten Gesten zum Ausdruck. … Es charakterisiert die weibliche Wirkmacht nicht etwa, weil Frauen Kinder in ihrem Bauch tragen oder weil (solche) Aufmerksamkeit weiblich wäre, sondern weil Frauen sich aus historischen, sozialen und biologischen Gründen nicht von ihrem Körper losmachen können. Sie finden zu sich selbst, wenn sie ihn annehmen, indem sie seine Einschränkungen ebenso akzeptieren wie seine großartigen Möglichkeiten. … Der Feminismus spielt zwar eine grundlegende Rolle bei der Entwicklung eines Schemas, das Herrschaft abschaffen kann, doch es ist auch wichtig zu verstehen, dass jene Handlungsmacht, die wir als weibliche Wirkmacht bezeichnen, weit mehr ist als der weiterhin legitime Kampf für gleiche Rechte. Weibliche Macht steht für die Vielfalt, die Annahme des Gegebenen und die Gastfreundschaft im Gegensatz zur Ablehnung des Andersartigen ..." (S. 159) Klaus & twogether.wien
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