Matuschek ist vierzig, als seine Mutter stirbt, mit der er das Haus teilte. Ohne ihre Fürsorge weiß er nicht, wie es weitergehen soll. Eine Frau hat er nicht und von dort, wo er wohnt, geht man weg, wenn man kann. Aber Matuschek ist einer, der bleibt, Bewohner des Hinterlands, einer längst von allen aufgegebenen Welt. Zum Glück gibt es Nachbarn. Igor, der Russe, wird zum Freund. Den alten Witt kennt er seit seiner Jugend. Und dann sind da die Tauben, die Matuschek als Junge bekam und seitdem züchtet. Brieftauben haben einen inneren Kompass und kehren stets nach Hause zurück. Das kann schon reichen fürs Leben. Als Matuschek Irina kennenlernt, winkt das Glück. Aber dann geht etwas schief und er beginnt von neuem. »Nach Onkalo« zeigt eine Welt am Rand, in der sich die großen Fragen nicht weniger deutlich stellen: was einen zusammenhält und wie man glücklich wird. Matuschek stellt sich diese Fragen nicht, er will nur seinen Alltag meistern. Doch vielleicht befähigt ihn genau das zur Erkenntnis »ob das Leben die Mühe lohnt«.
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Tristesse mit Atmosphäre
yellowdog am 23.08.2017
Bewertungsnummer: 1042878
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Nach Onkalo ist eine Romanperle, die mich an ganz besondere, ansprechende Independent-Filme erinnert. Ruhig erzählt, es passiert wenig! Schräge Figuren, originell und manchmal liebenswert, manchmal weniger. Dazu ein trister Schauplatz in der Provinz, fernab der Hektik und des Komforts. Doch auch hier zeigt sich in den Naturbeschreibungen eine raue Schönheit. Das alles ist jenseits der gängigen Lesegewohnheiten.
Neben der ziemlich ziellosen Hauptfigur Matuschek, der nach dem Tod seiner Mutter nahezu bindungslos alleine lebt, gibt es auch ein paar bemerkenswerte Nebenfiguren. Allen voran Matuscheks Nachbar Igor, der zum Freund wird oder den alten Rentner und Taubenzüchter Witt. Ein ungemütlicher Typ ist Lewandowski, der offenbar windige Geschäfte macht.
Matuscheks Alltag ist Tristesse ohne Höhepunkte, mit wenig Abwechslung, außer gelegentlichen Angelausflügen und Gesprächen mit Igor.
Dann trifft er Irina, mit der er eine Beziehung beginnt. Ein möglicher Ausweg aus der Einsamkeit.
Kerstin Preiwuß schreibt detailgenau, in manchen Szenen kann das empfindlichen Lesern zu viel werden. Doch der Detailreichtum wird auch gezielt und ökonomisch eingesetzt. Überflüssiges und unnötig ausschmückendes wird ausgespart, dennoch erzeugen ihre Sätze aussagekräftige Bilder beim Lesen.
Die Momente der Stille wechseln mit plötzlichen Ausbrüchen, z.B. auf einer Autofahrt bei starken Regen mit Unfall oder wenn Matuschka die Nerven verliert, rumschreit und wütet. Dazu die Bedrohung des fiesen Lewandowski. Auch das sind Elemente, die den Roman mitbestimmen. Das Leben von Matuschek ist nicht erfüllt, er bleibt ein Sonderling und lebt in seinen Begrenzungen, die er eher unfreiwillig akzeptiert. Ein Thema ist somit auch die Einsamkeit.
Kerstin Preiwuß ist eine begabte Autorin, die von der Lyrik kommt und gekonnt mit Sprache umgeht. Diese Sprache spricht mich sehr an, da sie Überfrachtung vermeidet und viel Atmosphäre erzeugt.
Sie hat ihn einfach verlassen.…
Bewertung aus Mainz am 02.09.2017
Bewertungsnummer: 2988703
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Sie hat ihn einfach verlassen. Ist morgens nicht mehr aufgewacht, nicht mehr aufgestanden und hat ihm sein Frühstück nicht vorbereitet. Matuschek ist empört über seine Mutter, die ihn, wo er gerade einmal vierzig ist, alleine lässt. Und er ist überfordert, so sehr, dass sein russischer Nachbar Igor sich um die Angelegenheit kümmern muss. Der Alltag ist für Matuschek so allein kaum zu bewältigen, außer seinen Tauben und dem alten Skatfreund Witt hat er niemanden; aber Galina und Igor kennen da jemanden, der vielleicht die Lücke schließen kann. Und tatsächlich findet Matuschek Gefallen an Irina aus dem fernen Sibirien, die immer wieder über das Leben in Deutschland verwundert ist. Langsam nähern sie sich an, doch Matuscheks Neugier zerstört alles und bald schon steht er wieder alleine da. Am Boden zerstört nimmt der Verfall nun unaufhaltsam seinen Lauf. Onkalo – finnisch für Höhle und Name eines atomaren Endlagers. In so einem Endlager der nicht mehr gebrauchten Menschen scheint sich Matuschek zu befinden. Es hat sich mit seiner Situation vielleicht nicht ganz abgefunden, aber doch wenigsten arrangiert. So ist das Leben eben. Er wohnt in diesem Haus, weil er immer da gewohnt hat. Er hat Kontakt zu den Nachbarn, weil die eben direkt daneben leben. Und die Tauben kommen ja immer wieder zurück, da kann man sich auch um sie kümmern. Eine Frau hätte er ja gerne, aber die muss irgendwie auch automatisch kommen, allzu viel Energie kann er dafür nicht aufbringen, wo man eine finden könnte, scheint ihm auch nicht so ganz klar zu sein. Ein Leben wie in einem 80er Jahre Endzeitdrama – ausharren bis der Tod kommt. Matuschek ist schon ein sehr spezieller Protagonist. Passiv reagiert er eigentlich nur, aktiv handeln kommt selten vor und wenn – wie im Falle von Irinas Geburtstag – ist er dann doch haarscharf an dem vorbei, was gut und sinnvoll gewesen wäre. Ein Zeichen dafür, nicht in zu viel Aktionismus auszubrechen. Als Igor stirbt, wird der neue Nachbar derjenige, der ihn in die gewünschten Bahnen lenkt, auch wenn Matuschek das offenbar gar nicht möchte, aber in seiner Passivität gefangen, kann er nicht wirklich ausbrechen. Es folgt der völlige Niedergang, die Verwahrlosung schlimmster Vorstellung, die man auch beim Lesen kaum mehr erträgt. Er wäscht sich nicht, er putzt das Haus nicht, die Klamotten stinken und die Tauben verkoten ihren Forst. Der absolute Tiefpunkt kann eigentlich nur noch durch den Tod abgelöst werden. Auch wenn man Matuschek verabscheut, widerlich findet und eigentlich nichts aus seinem Leben wissen will – genau darin liegt die erzählerische Kunst von Kerstin Preiwuß, die dem Roman eine Nominierung auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 eingebracht hat. Nach mehreren Gedichtbänden ist dies der zweite Roman der Journalistin, der in die deutsche Provinz abtaucht und einen Typen Menschen skizziert, den es wohl immer geben wird. Nicht die ganz großen weltbewegenden Fragen treiben Matuschek um, sondern der die Alltagssorgen, das unmittelbare Umfeld. So ist auch die Sprache des Romans, nicht verschnörkelt abgehoben, sondern auf den Punkt treffend und die Dinge beim Namen nennend – auch wenn man bisweilen gerne darauf verzichtet hätte. Hieraus entsteht ein in sich stimmiges Bild einer Welt, die da ist, auch wenn man sie nicht sehen will.
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