Eine unerschütterliche Freundschaft, die vom Krieg auf die Probe gestellt wird. Und ein unbedingter Wille zum Widerstand, den die Gesellschaft nicht brechen kann.
Durch die nachtschwarzen Straßen von Monza läuft ein junges Mädchen, das Nachthemd klebt ihr am Rücken, ihre Füße sind nackt. Es ist das Jahr 1940 und Francesca hat seit vier Jahren nichts mehr von ihrer besten Freundin Maddalena gehört. Seit dem Tag, an dem diese weggesperrt wurde. Und auch Francescas Leben ist aus den Fugen geraten: Das Haus ihrer Eltern betritt sie nicht mehr, ihre Mutter schimpft sie eine »Malacarne«, eine durch und durch Verkommene. Dann endlich kehrt Maddalena in den Ort zurück. Äußerlich kaum verändert, ist sie doch eine völlig andere. Ein unüberwindbarer Graben scheint die Freundinnen zu entzweien. Während Italien in den Krieg eintritt, müssen sie sich entscheiden: füreinander einstehen oder für immer getrennte Wege gehen?
Mit ungeheurer erzählerischer Kraft entführt uns Beatrice Salvioni in das Italien der 1940er-Jahre. Die Geschichte zweier unzertrennlicher Freundinnen, die die Fesseln ihrer Zeit sprengen wollen, auch wenn es sie alles kostet.
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Über die Kraft der Freundschaft und den Zusammenhalt
Sue aus Uelzen am 06.05.2026
Bewertungsnummer: 3131005
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
"Wir nahmen uns das Recht heraus, die Gerechtigkeit wiederherzustellen, die jeder zum Schweigen gebrachten Frau zustand."
Ich habe Beatrice Salvionis Debüt "Malnata" geliebt und war daher sogleich Feuer und Flamme als mit ihrem neuen Roman "Malacarne" eine Fortsetzung angekündigt wurde. Denn Francesca und Maddalena hatte ich im ersten Buch schon sehr ins Herz geschlossen.
"Wenn du ein Mädchen bist, wird deine Wut als Wahnsinn abgetan, also lernst du, dass es besser ist, sie zu verbergen."
Über Maddalena Merlini, die stets von allen nur die "Malnata" genannt wurde - was so viel wie die Unheilbringende bedeutet -, wird in Monza seit den Vorkommnissen vor 4 Jahren geschwiegen. Damals waren sie und Francesca noch Kinder von 12 und 13 Jahren. Und nun vier Jahre später entdeckt Francesca den größten Verrat ihres Vaters: All die Briefe, die sie an Maddalena geschrieben hat, und von denen sie glaubte, ihr Vater hätte sie an Maddalena geschickt, befinden sich in einer dummen Hutschachtel! Er hat sie nie abgegeben. Nachdem Francesca ihren Vater wütend damit konfrontiert hat, läuft sie mitten in der Nacht, barfuß und nur mit einem Nachthemd bekleidet weg. Der einzige Mensch, der ihr einfällt, der ihr vielleicht Unterschlupf gewähren würde, ist Noè Tresoldi. Natürlich nimmt er Francesca bei sich auf, obwohl ihm klar ist, dass das eine Menge Ärger bedeutet. Francesca macht sich darum weniger Sorgen, denn ihre Angst gilt einzig und allein Maddalena. Ob Maddalena ihr das vierjährige Schweigen verzeihen kann? Ob sie denkt sie hätte sie vergessen? Und in all den Wirren zieht auch in Italien der Krieg ein. Mit Mussolini an der Spitze, wird das ganze Volk gebeutelt und schikaniert und die Probleme immer größer ...
"Eine mir ewig vorkommende Minute lang glaubte ich zu sterben, dann bekam alles wieder Konturen, und die Wirklichkeit ergab wieder Sinn."
Salvioni hat einen wunderbar leichten Schreibstil, der mich durch die Seiten fliegen und mich nach mehr verlangen lässt.
Sie zeigt sehr eindrücklich wie das Leben der Frauen in Italien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aussah. Dass die Frauen nur der Besitz eines Mannes waren, die vom Vater in die Hände ihres Ehemannes gegeben wurden und nie sich selbst gehörten. Doch es gab sie schon immer ... die Freigeister ... die Frauen, die wussten, dass das Leben mehr für sie bereithalten muss, als nur Tochter, Ehefrau, Mutter und Geliebte zu sein. Frauen die selbstbestimmt leben wollten. Salvionis Figur Maddalena Merlini ist so eine Frau. Und während Francesca Strada als Mädchen, aufgrund ihrer Erziehung, sehr angepasst war, färbte Maddalenas Freigeistigkeit allmählich auf sie ab. Wir erleben wie Francesca ihre Fesseln sprengt, sich über Konventionen hinwegsetzt und sich nimmt, was sie will. Dabei hat sie immer Maddalenas Stimme im Ohr. Maddalenas Stimme von damals, als sie noch 13 waren.
"Es gibt niemanden auf der Welt, der keinen Schaden davonträgt oder wenigstens einen kleinen Knacks bekommt. Das Leben verschont niemanden."
Im der zweiten Hälfte des Buches spielt der Zweite Eeltkrieg eine zentrale Rolle. Dabei schildert Salvioni die Gräuel ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Insgesamt mochte ich auch diesen Part, jedoch hat sich für mich hier etwas der Kern der Geschichte verschoben. Mir war das zu wenig Francesca & Maddalena. Diese innige Freundschaft trat in den Hintergrund und blitzte nur noch hin und wieder auf. Mit einem Blick auf die Story verstehe ich natürlich durchaus, dass wir die beiden nicht mehr so innig miteinander verbunden und aneinanderklebend sehen können, aber gerade diese Freundschaft ist für mich persönlich im ersten Buch das Herz der Geschichte gewesen. Das hat sich hier etwas verloren.
"Der einzige Weg, im Krieg man selbst zu bleiben, besteht darin, ihn nicht zu überleben."
Doch trotz meiner kleinen Kritik ist "Malacarne" ein großartiger Roman, der die Zeit damals in Italien lebendig werden lässt. Ein Roman, der von der Kraft der Freundschaft und dem Zusammenhalt erzählt.
Übersetzt aus dem Italienischen von Anja Nattefort.
"Wir alle leben in den Ruinen der Vergangenheit: Jeder hat seine eigenen Tricks, um sie zu verdrängen."
Faschismus, Freundschaft und weiblicher Widerstand
Bewertung am 05.05.2026
Bewertungsnummer: 3130106
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Nachdem mich Malnata so begeistert hat, war ich sehr gespannt auf den Folgeband. Und auch Malacarne konnte mich wieder richtig überzeugen.
Beatrice Salvioni erzählt erneut von der besonderen Freundschaft zwischen Francesca und Maddalena, diesmal vier Jahre nach den Ereignissen des ersten Bandes und noch stärker vor dem Hintergrund von Faschismus, Krieg und Widerstand in Italien. Besonders spannend fand ich, wie greifbar der Alltag im Krieg wird: Rationierungen, Hunger, Bombenangriffe, politische Willkür; und trotzdem dieses ständige Weitermachenmüssen.
Auch feministische Themen spielen wieder eine große Rolle. Salvioni zeigt, wie sehr Frauen in bestimmte Rollen gedrängt und bewertet werden, und wie viel Kraft es braucht, sich dagegen aufzulehnen.
An ein, zwei Stellen war mir die Geschichte vielleicht etwas zu dramatisch oder nicht ganz realistisch erzählt. Insgesamt hat mich diese Wucht aber trotzdem sehr mitgerissen. Besonders stark fand ich auch das Nachwort: Salvioni macht darin deutlich, dass sie zwar Fiktion schreibt, aber intensiv recherchiert hat und sich auf reale historische Ereignisse und Menschen des italienischen Widerstands bezieht.
Für mich ist Malacarne eine intensive, politische und wirklich gelungene Fortsetzung von Malnata, die all das vereint, was mich schon am ersten Band begeistert hat: Freundschaft, weibliche Selbstbestimmung, Widerstand, uuuund diesmal noch stärker auch die Geschichte Italiens im Zweiten Weltkrieg.
Das Buch wurde mir über das Bloggerportal als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Danke.
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