Nela wächst als Tochter einer Kommunistin auf und hilft beim Aufbau in der Sowjetischen Zone. Vom Vater redet die Mutter nur verächtlich, er ist in ihren Augen ein Kollaborateur der Nazis. Nela trifft sich heimlich in Westberlin mit ihm. Je näher sie den Vater kennenlernt, desto mehr erfährt sie über ihn und die tragische Vergangenheit der Familie. Und desto mehr muss sie ihre Ideologie hinterfragen. Als die Lage in den westlichen Sektoren Berlins sich weiter zuspitzt, gesteht ihr der Vater, für die CIA zu arbeiten, und macht sie zur Kurierin zwischen Ost und West. Bald steht Nela zwischen allen Fronten und muss entscheiden, wen sie künftig unterstützen will. Auch Erik, den sie in der Redaktion der »Jungen Welt« kennenlernt, wirft Fragen auf. Wochenlang bleibt er verschwunden und offenbart ihr nicht, wo er war. Wem kann Nela noch vertrauen?
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Spannend, dramatisch und super recherchiert
Schneiderlein am 11.06.2026
Bewertungsnummer: 3165267
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Mit dem Roman „Die geheime Mission“ ist Titus Müller einmal mehr ein wunderbares Buch gelungen, das besser ist als jeder Geschichtsunterricht. Zu dem ist das Buch mit seinem Cover und den Fotos auf der Umschlaginnenseite auch optisch sehr ansprechend.
Der Autor, Titus Müller, nimmt den Leser mit in die ersten Tage des kalten Krieges in Berlin. Dort trifft er auf Nela, eine junge Frau, die mit ihrer Mutter in Ost-Berlin lebt. Nelas Mutter ist überzeugte Kommunistin und oft sind ihr die Partei und ihre Ideologie wichtiger als ihre Tochter. Nela arbeitet für die Zeitung „Junge Welt“ in der sowjetischen Zone und eigentlich auch überzeugt vom Kommunismus. Als Nela eine Nachricht von Ihrem Vater erhält, dass er sich gerne mit ihr treffen möchte – sie hat ihn vor langer Zeit zum letzten Mal gesehen und ihre Mutter lässt kein gutes Wort über ihn fallen – nutzt sie die Möglichkeit und trifft sich mit ihm in Westberlin. Ihr Vater arbeitet für den CIA und möchte Nela für Kurierdienste zwischen Ost und West gewinnen. Und so entspannt sich ein gefährliches Spionagedrama. Nela, hin und her gerissen zwischen den Idealen ihrer Mutter und der ihres Vaters, muss überlegen, wem sie überhaupt noch vertrauen kann.
Während der Story um Nela und ihre Eltern finden viele historische Ereignisse statt, die von dem Autor super recherchiert sind und spannend erzählt werden. Durch die Einbindung in einen Roman wird die deutsch-deutsche Geschichte hier sehr lebendig und man kann so einiges lernen. Abgerundet wird das Buch dann noch mit einem Kapitel „Historische Hintergründe“, in dem die historisch erwähnten Personen und Ereignisse etwas näher beleuchtet werden.
Das Buch hat mir viel neues Hintergrundwissen geliefert. Ich fand es super von dem Süßigkeiten-Piloten Gail Halvorsen zu lesen, der mit Sicherheit für große Begeisterung bei den gebeutelten Kindern in Berlin gesorgt hat. Von der Sonderstellung Triest z. B. wusste ich auch bis zu diesem Buch noch gar nichts. Und dass die Autorin Anna Seghers zu der Zeit in West-Berlin wohnte, hat mich auch sehr erstaunt.
Als Leser habe ich mich tatsächlich in das Berlin ins Jahr 1948 versetzt gefühlt. Das Buch bekommt von mir eine ganz klare Leseempfehlung. Und ich freue mich schon auf das Erscheinen des 2. Bandes.
Nelas Potsdamer Platz
Bewertung am 11.06.2026
Bewertungsnummer: 3165045
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Berlin im Jahr 1948, kurz vor Beginn der Blockade durch die sowjetischen Soldaten. Die Stadt ist durch auf Straßen gemalte Linien und Hinweisschilder aufgeteilt, aber noch nicht durch eine Mauer getrennt. Der Potsdamer Platz erscheint hier als geographischer wie ideologischer Knotenpunkt, an dem je ein Schritt genügt, um vom britischen in den amerikanischen und von dort in den sowjetischen Sektor zu treten.
Titus Müllers neuer Roman "Die geheime Mission", erster Teil seiner "Die Kurierin"-Dilogie, führt uns in eine Umgebung, in der unvereinbare ideologische Gegensätze aufeinandertreffen. Ein ständiges Spannungsfeld ist entstanden, Angst, Misstrauen und Manipulation werden zur Normalität. Berlin ist ein Spielfeld der Geheimdienste.
So kommt es nicht von ungefähr, dass wir es zuerst mit einem Fahrer des US-Hauptquartiers, Mitarbeitern der CIA und des MGB sowie Regierungsmitgliedern der Sowjetunion und der DDR zu tun bekommen. Müllers Sprache führt uns mit leichter Hand, er nimmt sich Zeit, das Setting wirken zu lassen. Erst dann stellt er uns seine Hauptfigur vor.
Nela ist achtzehn Jahre alt, eine idealistische junge Frau, von ihrer Mutter Ingwelde im festen Glauben an den Aufbau des Kommunismus erzogen. Beide leben seit zwei Jahren im sowjetischen Sektor Berlins, nachdem sie während der NS-Diktatur nach Mexiko geflohen waren. Über ihren Vater weiß sie aus Erzählungen nur, dass er ein Krimineller war, der die Parteikasse gestohlen und ihre Mutter und sie verlassen hat.
Nela absolviert ein Volontariat bei der FDJ-Tageszeitung "Junge Welt". Sie ist verliebt in ihren Kollegen Erik, der sie allerdings nicht immer ernst nimmt. Als sie eine Resolution gegen einen kritischen Artikel von ihm unterstützen soll, ohne diesen gelesen zu haben weigert sie sich. Im Gespräch mit Erik versucht sie erfolglos, ihn von seinem vermeintlichen Irrweg abzubringen. Er verliert seinen Arbeitsplatz und verschwindet spurlos. Doch seine Worte wirken in ihr nach. Immer wieder unternimmt sie Versuche, ihn zu finden.
Als sie dann auch noch mitbekommt, dass die Sowjetunion die Lieferung von Nahrungsmitteln nach West-Berlin blockieren will, um die Eingliederung der gesamten Stadt in die von ihren Soldaten beherrschte Zone zu erzwingen, gerät ihre bisher absolute Gewissheit, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, zum ersten Mal ins Wanken. Eine Hungersnot als politisches Machtinstrument kann sie nicht mittragen - im Gegensatz zu ihrer Mutter.
Ihr Konflikt verstärkt sich, als sie ihren Vater Gerhard kennenlernt, der für die CIA arbeitet. In Gesprächen mit ihm muss Nela nicht nur erkennen, dass Ingwelde sie belogen hat. Sie begreift auch, wie wenig ihre eigene Vorstellung von einem Kommunismus, in dem Wärme, Hilfsbereitschaft und Gerechtigkeit die Leitmotive sein sollen, mit dem System gemein hat, dem sich ihre Mutter in der DDR verschrieben hat.
Titus Müller konfrontiert seine Hauptfigur hier in behutsamer Steigerung geschickt mit Gesprächspartnern, die zu Spiegeln werden, in denen sie ihre eigene Naivität erkennen muss.
Beide Eltern versuchen, Nela für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Ingwelde möchte sie zu Agitationszwecken in West-Berliner Fabriken schicken. Gerhard wirbt sie, wenn auch eher aus der Not heraus, als Kurierin für die CIA an, während die Alliierten unter Federführung der Amerikaner eine Luftbrücke zur Versorgung West-Berlins ins Leben rufen.
Die daraus entstehende innere Zerrissenheit wird für den Leser mit jeder Seite schmerzhafter spürbar. Sie zeigt Nela als eine junge Frau, die in keiner der Sphären Halt findet, in denen Menschen normalerweise Wurzeln schlagen. Weder geographisch noch emotional vermag sie sich, geprägt von Flucht und Rückkehr, hin- und hergerissen zwischen Vater und Mutter mit unvereinbaren Lebensentwürfen, noch zu verorten. Wem kann sie vertrauen? Sie bleibt auf der Suche - nach Erik und nach dem Punkt in sich selbst, an dem sie ihre Zerrissenheit weniger spüren muss, ihrem inneren Potsdamer Platz.
Besonders intensiv führen das die Szenen vor Augen, in denen Nela obdachlos in West-Berlin strandet und den Hunger und die Entbehrungen als Folgen der Blockade am eigenen Leibe erlebt.
Sie wird zu einer Protagonistin, die die Propaganda und die Realität beider Seiten kennt. Ein Alleinstellungsmerkmal, das beste Voraussetzungen für einen spannenden zweiten Teil schafft. Ich werde ihn mit Sicherheit lesen.
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