Zora del Buono war acht Monate alt, als ihr Vater bei einem Autounfall ums Leben kam. Seither hat sie ein turbulentes und reiches Leben führen dürfen, doch bleiben dieser frühe Verlust und diese väterliche Leerstelle stets präsent. Ohne Scheu, voller Fragen und immer neugierig macht sie sich in diesem Buch auf die Suche nach dem Unfallverursacher sowie dessen Leben mit der Schuld und erzählt eindringlich von den sich unentwegt wandelnden Gefühlen einer Tochter, Autorin, Liebenden.
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gebrochenes Schweigen
Boockpicker (Mitglied der Book Circle Community) am 08.11.2024
Bewertungsnummer: 2357740
Bewertet: Hörbuch-Download
Zoras Vater starb bei einem Autounfall, als sie 8 Monate alt war. Nun, 60 Jahre später versucht sie herauszufinden, wer ihr Vater war, und wer derjenige war, der den Unfall verschuldet hatte. In wechselnden Episoden und Erinnerungen beginnt Zora die Suche. Ganz unsystematisch, aber lebendig und assoziativ geht sie Spuren nach, Wörtern, Themen und kreist so ihre Frage allmählich ein. Man erfährt vieles über das damalige Leben, über den Diamantring der Mutter, das Kultauto VW-Käfer, das Kino mit Bambi, den übergriffigen Pfarrer, dann aber auch kommen Gedanken zum eigenen Erleben und zu Schuld: habe ich ein Trauma erlitten, bin ich durch diesen Verlust deformiert oder geformt worden, warum habe ich Probleme, Nähe zuzulassen, ja was hat dieser Unfall in meinem Leben bewirkt – und was hat er wohl im noch unbekannten Verursacher E.T. ausgelöst, wie lebt der mit dieser Schuld, oder ist das alles spurlos an ihm vorbeigegangen? In einem eingefügten Buchausschnitt lässt Zora die Frage stellen: Trägt ein Mörder die Seele des Getöteten lebenslang mit sich herum?
«Ob auch E.T. meinen toten Vater mit sich trägt, ob Vaters Seele ihn nicht loslässt? Ein *lebendiger Toter*, der in ein Leben lang begleitet hat? Wie hat E.T. versucht, diesen aufmüpfigen Toten zum Schweigen zu bringen»? (S.34)
Zora kommt mit der Vaterlosigkeit gut zurecht, beschreibt Erinnerungen an Bari, wo ihre Grosseltern leben. Warum aber verursachen Männer so viel mehr Unfälle, Todesfälle? Warum wurden die Tschinggen verachtet? Warum werden Raser Delikte als Bagatellen abgetan? Die Kreise werden enger, es scheint unausweichlich zu werden, dass sie E.T. aufspürt.
Es ist ein Mosaik, assoziativ tauchen Puzzleteile auf, Erinnerungen aus der Vergangenheit, Gespräche der Gegenwart, Gedanken, Überlegungen, Statistiken, Zitate aus Büchern. Überlegungen zu Schuld, Strafe, Tod, ewiges Leben werden vertieft, aber auch zur Befindlichkeit der Autorin, zu ihrem Zurechtkommen mit der Vaterlosigkeit und ihrem gleichzeitigen Suchen nach eben diesem Vater und nach dem, was ihr Vater im Leben verpasst hat.
Zora gräbt gräbt bei der Wohnungsauflösung ihrer dementen Mutter in Dokumenten und findet Namen und damaligen Wohnort von E.T. Sie fährt hin, ins Glarnerland, trifft Menschen, sucht weiter nach Spuren von E.T., vorerst ohne Erfolg. Im Kaffeehaus dann Gedanken über Schuld und Sühne, wie man damit umgehen kann, was sie mit einem macht. Die Frage wieder, wie Menschen, die einen Tod verantworten, damit fertig werden, ob Verdrängen die einzige Möglichkeit ist.
Aber will Zora diesen E.T. wirklich finden, und was, wenn sie ihn findet, vielleicht sogar ihm gegenübersteht? Mir scheint ihr Schreiben eigenartig distanziert, vermutlich blockiert sie die Vaterlosigkeit mehr als sie wahrhaben will. All diese Exkurse spiegeln auch ein jahrelanges Suchen, eine grosse Ungewissheit, ein Leiden und letztlich eine Sehnsucht, zu verstehen, was der Unfalltod des Vaters in und mit ihrem Leben bewirkt hat. Und so bleibt die Frage, was wird sein, wenn sie diesem E.T. wirklich gegenüberstehen sollte, und dann vielleicht durch die Gefühle, Wut, Trauer, Schmerz überschwemmt wird? Wenn sie erkennt, dass es ihr eigenes Leben ist, das einiges verpasst hat?
Schliesslich reist sie nach Mollis, erfährt, dass E.T. ein sympathischer Mensch war (wer hätte das gedacht?), und über dem schweigenden Untergrund beginnt sich einiges zu klären, wenn auch nicht alle Menschen hilfsbereit und offen sind. Sie erfährt, dass E.T. eine schwierige Jugend hatte und sich als schwuler Mann diesbezüglich verstecken musste. Schliesslich erhält sie Dokumente, Unfallprotokoll und Gerichtsakten, und was sie da liest, ist schwer zu verdauen. Es ist, als würde der tote Vater jetzt lebendig, als ergreife sie beim Lesen der Details die ganze Tragik des Unfalls und Verlusts. Sie beginnt sich zu fragen, warum sie ihre Mutter nie nach Details gefragt hatte, als sie noch nicht dement war, und die ganze Atmosphäre des Schweigens, des «reiss dich zusammen», des «im Kummer Wohnens» mit entsprechend verheerenden Auswirkungen wird bedrückend spürbar. Schliesslich entdeckt sie drei Kurzfilme, auf denen ihr Vater zu sehen ist, jetzt scheint er lebendig zu werden, jetzt scheint sie ihn gefunden zu haben, so dass sie – durch Blechschaden in die Wirklichkeit zurückgeholt – alles weitere Suchen beenden kann.
Für mich zeigt das Buch sehr klar die Blockaden, die durch das Schweigen aufgebaut werden, die unerkannt ein ganzes Leben beeinflussen können. So wird auch das Umherirren in den Mosaiksteinen der Erinnerung verständlich, sie sucht überall und nirgends, umkreist vieles und findet schlussendlich doch zur Mitte. Was zuerst mühsam und sinnlos erschien, ermöglichte ihr, das innere Schweigen und die inneren Blockaden aufzulösen (die schroffe Ablehnung in der Molliser Beiz scheint ihren Willen und ihre Entschlossenheit gestärkt zu haben) und sich schliesslich auch den traurigen Tatsachen zu stellen, wie sie in den Akten beschrieben waren.
Ein mutiges Unterfangen, nach so langer Zeit die Suche nach dem Vater aufzunehmen, sich den eigenen inneren Widerständen zu stellen und sich mit verschwiegenen Tatsachen zu konfrontieren. Eine interessante Recherche, die auch vieles über die damalige Zeit aufzeigt und einem bewusstmacht, wie unterschiedliche Welten in so einem kleinen Land zusammenleben.
Ehrlich, persönlich und vielschichtig
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 12.10.2024
Bewertungsnummer: 2314792
Bewertet: Hörbuch-Download
“Seinetwegen” überrascht mich sehr positiv - es ist so besonders.
Die Haupthandlung dreht sich um den Unfalltod von Zora’s Vater. Dieser Unfall geschah, als der Vater gerade 33 Jahre und sie selbst acht Monate alt war. Zora del Buono macht sich auf die Suche nach dem Unfallverursacher. Sie will herausfinden, wer er war, wer er ist und was dieses tragische Ereignis mit ihm gemacht hat. Das ist der rote Faden, der gekonnt auch die Rückblenden, Erinnerungen an die Kindheit, die Jugend, wie ihre Mutter das Leben als junge Witwe gemeistert hat. Man muss bedenken, dass die Autorin jetzt in den 60ern ist, die Zeit, die Situation für alleinstehende Frauen eine andere war und die Familie Migrationshintergrund hat. Der Vater war Italiener. Die Autorin lässt einen sehr persönlichen Einblick auf ihre Person und in ihr Leben zu, ehrlich und ohne zu beschönigen berichtet sie über ihre Empfindungen, darüber, dass über Vieles nicht geredet wurde. Ihre Verbundenheit mit der Mutter wird mit einbezogen.
Die Lebensgeschichte berührt und die Schilderung der damaligen Geschichte, wie die Gesellschaft “tickte” ist sehr interessant, ich denke, gerade für Personen, die in etwa im Alter der Autorin sind.
Der Schreibstil ist präzise, sorgfältig ausgearbeitet und schnörkellos. Ein empfehlenswertes Buch.
Wir (Zora und eine Bekannte) sitzen in dieser grossen Hotelhalle in alten, aber komfortablen Sesseln, rundum wird gesprochen und getrunken und im Hintergrund spielt auch Musik, wir aber sind in unserer gemeinsamen kleinen Welt und bestaunen einander wie Kinder, Geschwister im Erleben. Das Gespräch beruhigt mich insofern, als es meine Bedenken ein wenig zerstreut, dass es grenzenlos egozentrisch und uninteressant für andere ist, über ein fehlendes Elternteil nachzudenken, sondern dass es im Gegenteil mehr Leute betrifft als angenommen, solche, die aus niedergeschriebenen Erfahrungen einer Fremden ihr eigenes Erleben neu betrachten können - und vice versa.
Meinung aus der Buchhandlung
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Acht Monate war Zora del Buono alt, als der Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Und fast nie konnte ihre Mutter darüber reden. Weder wie der Vater war, noch über den Unfall und die fürchterliche einsame Zeit danach. Mittlerweile ist Zora del Buono sechzig Jahre alt und jetzt will sie mehr wissen. Wer ist der Mensch, der den Unfall verursacht hat? Wie konnte er sein Leben lang mit dieser Schuld leben? Zora del Buono begab sich auf die Suche und recherchierte. Herausgekommen ist ein sehr persönliches fast intimes Buch … sehr lesenwert!
Update: im November 2024 erhielt Zora del Buona für ihr Buch den Schweizer Buchpreis! Herzliche Gratulation!
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