Mit beißendem, zugleich mitfühlendem Humor legt Tuvia Tenenbom die Verwerfungen von Glauben und Politik offen.
Mitten im Kriegs- und Krisenjahr reist Tuvia Tenenbom dorthin, wo Geschichte, Religion und Politik auf engstem Raum aufeinandertreffen: ins biblische Kernland zwischen Jerusalem, Nablus und den jüdischen Siedlungen – auch bekannt als Westjordanland, Judäa und Samaria, besetzte Gebiete oder einfach »dieser Ort«. Er streift durch Siedlungen und Flüchtlingslager, trifft Rabbiner und Radikale, Aktivisten und Journalisten, Palästinenser und Politiker. Er sammelt Geschichten, die überraschen und verstören – und zeigt eine Welt, die älter ist als jeder Konflikt und komplexer als jedes Schlagwort.
Seine literarische Reportage ist voller verblüffender Begegnungen, scharfer Beobachtungen und surreal anmutender Episoden – provokant, respektlos und mit scharfem Blick für menschliche Widersprüche. Und mehr und mehr kristallisiert sich die alles entscheidende Frage heraus: Wie nennt ihr dieses Land hier? Wem also gehört dieses Land? Wer darf hier bleiben, wer soll gehen? Wer schreibt die Geschichte – und wer wird in ihr verschwinden?
Ob im Gespräch mit messianischen Juden, arabischen Dorfbewohnern oder amerikanischen Demonstranten: Tenenbom legt Mythen und Propaganda Schicht für Schicht frei – und enthüllt eine ebenso einfache wie beunruhigende Wahrheit: Nichts in diesem Land ist so, wie es scheint.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Jakob Krajewsky
aus Hamburg
5/5
19.08.2026
Buch (Taschenbuch)
Hommage an ver-rücktes Land und Meschuggene Leut
Meschuggene Leute kommen hier zu Wort. Das neue Buch von Tuvia Tenenbom – Unter Siedlern - gibt Rätsel auf. Es löst sie auch teilweise wieder auf, nur um neue zu produzieren. Empörend-verstörend-betörend. Was haben fünf rote Kühe zu bedeuten? Und der III. Tempel? Ganz am Anfang erfahren die Lesenden, dass Juden und Araber Cousins sind; gemäß der biblischen Genealogie des Abraham und seiner zwei Frauen, Hagar samt ihrem Sohn Ishmael, Ahnherr der Araber sowie Sarah mit dem Filius Isaak, dem Stammvater Israels. Beide seien Gesegnete. Nu, der patriarchale Dauerkonflikt dort um Land, Brunnen, Mädchen, Frauen, Schafherden, Throne, Götter und Wahrheit ist uralt und quasi ein Familienzwist. Es agieren hier lauter Heilige und Säkulare, Männer als auch Frauen, die sich gegenseitig hassen, auch im eigenen zersplitterten Lager. Es dominieren patriarchalischer Machismo, Masochismus und Sadismus, scheinbar auf allen Seiten, der Text hat eine eigene Sexologie. Nur wenige Frauen erheben die Stimme und stehen in der Öffentlichkeit des männerdominierten Settings.
Wie gewohnt bringt TT mit seinen Miniaturen, also unzähligen Interviews auf über 600 Seiten mit Menschen dort vor Ort, einem Mikrokosmos gleich, kaleidoskopisch als Mosaik, Lebensgeschichten schonungslos offen an die deutschsprachige Öffentlichkeit. Aufklärungsarbeit! Fast ein Jahr hat er in verschiedenen Gemeinschaften mitgelebt. Der selbstkritische Humor Tuvias gibt die nötige Würze, macht das extensive Lesen leicht. Ein Kapitel heißt ‚Dicke Ameisen in einem Glas gefillte Fisch.‘ Die aufgefangenen Äußerungen sind z.T. bisher unerhört und sprengen die vorhandenen Stereotypen. Besonders in sich haben es Interviews mit Ben-Gvir und Smodrich, bekannten Regierungspolitikern des rechten religiösen Lagers. Should I stay or should I go? Wie ist der rechtliche Status des Areals? Je nachdem wen man dort fragt, heißt das Land: die besetzten Gebiete, territories, Westjordanland, Westbank, Judäa und Samaria (Juda und Shomron) sowie Palästinensische Autonomiegebiete oder einfach schlicht ‚der Ort‘. Viel Rauch um nichts? Biblische Vorstellungen und Völkerrecht prallen da hart aufeinander. Streng genommen ist der Status des einst von Jordanien illegal annektierten Gebietes westlich des Jordans seit dem israelischen Sieg von 1967 rechtlich ungeklärt. Hier gelten parallel unterschiedlichste osmanische, jordanische, palästinensische Rechtsnormen und die des israelischen Militärs. Es bleibt kompliziert für alle Einwohnenden und die Ordnungskräfte - eine Lösung ist nicht in Sicht. Das Oslo-Abkommen scheint niemandem hier wirklich weiterzuhelfen. Ganz nach Gusto: wer von den Cousins intensiver baut, besitzt hier mehr und erhebt Anspruch aufs Land.
Das Buch liefert eine nie dagewesene Form der Landeskunde dieses Teils der Welt. Tenenbom stellt eine kritische Nähe zu Samaritanern, Juden, Arabern, Christen, Drusen und Offiziellen her. Vorteil: es erscheint hier die ungeschönte Wahrheit im O-Ton. Da wundert sich manchmal gar der Autor selbst. Auch die Folgen des seit dem Terrorüberfall des 7. Oktobers andauernden Krieges durch den Iran mittels Hamas und Hisb’ollah auf Israel kommen vor. Tote, Beerdigungen, Trauer, Hass, Rache, Luftalarm - ein vicious circle: „Was für eine Show! Es ist Krieg, ein Krieg zwischen zwei Armeen, der sich mitten in der Luft abspielt. Eine gewaltige Feuerkraft gegen eine andere gewaltige Feuerkraft, und der Engel des Todes lacht so laut, dass ich sein höllisches Gelächter durch den Berg hindurch hören kann.“ (S. 93) Das ist die bildhafte, fast schon mystische Wahrnehmung der Raketenangriffe des Iran auf Israel und die konkrete Antwort Jerusalems durch Flugabwehrsysteme und diverse Geschosse auf den Iran. Das alles erschüttert die Menschen vor Ort im ‚Heiligen Land‘ sowie auch in der ganzen Welt. Tenenbom zeigt ebenfalls die alltäglichen, oft auch tödlichen Scharmützel zwischen jüdischen und arabischen Siedlern(!) inklusive der israelischen Armee auf. Es scheint wenig Menschen zu geben, die auf die Gegenseite zugehen wollen oder können, weil die eigene Community es eben überhaupt nicht zulässt. Die Einmischung der EU und USA hat Alibifunktion. Warum gibt es menschenleere Geisterstädte bestehend aus Neubauten? Frieden bleibt für viele hier nur eine messianische Utopie, wenn einst der Löwe neben dem Lamm liegt, wie es bei den Propheten heißt. Tuvia nennt ‚diesen Ort‘, ganz schlicht BI = Biblisches Israel. Menschen hier lieben dieses Land. Er verweist darauf, dass es im Koran heißt, dass den Juden dieses Land gegeben ist. Wird Israel einst ein Gottesstaat werden wie der Iran, mit einem jüdischen Klerus an der Macht? Was soll sein? Am Grab Adams und Evas bzw. von Jesse und Ruth in Hebron resümiert TT: „In der Welt der Gläubigen, um der Wahrheit die Ehre zu geben, spielt Wahrheit keine Rolle … es sei viel wichtiger, eine gute Geschichte zu erzählen.“
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für Ihr Feedback
Wir nutzen Ihr Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir Ihnen keine Rückmeldung geben können. Falls Sie Kontakt mit uns aufnehmen möchten, können Sie sich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.