Die Wiener Schlurfs und Schlurfkatzen haben sich während der 1940er-Jahre mutig gegen die Nazi-Ideologie gestellt und gemeinsam gegen die Unterdrückung angetanzt. Autorin Barbara Kadletz stellt die fast vergessene Widerstandsbewegung in ihrer von Jorghi Poll illustrierten Graphic Novel ins Rampenlicht.
Seit Luise kurz vor Kriegsbeginn bei einem Konzert der Vibraphonistin Vera Auer (1919–1996) war, ist sie Jazzfan und verpasst keine Gelegenheit, Swing zu tanzen und die Musik live zu hören. Allerdings gilt Jazz im Nationalsozialismus als entartete Kunst, und Swing zu tanzen ist seit September 1939 behördlich verboten. Von den Nazis wegen ihres Musikgeschmacks und ihres Styles geringschätzig als »Schlurfs« und »Schlurfkatzen« bezeichnet, übernehmen die Jugendlichen selbstbewusst diesen Begriff und feiern im Untergrund ihre Subkultur. Special appearance: Ernst Jandl, Erni Mangold und Helmut Qualtinger.
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Widerstand mit Musik im Herzen
xxholidayxx am 07.06.2026
Bewertungsnummer: 3160750
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Was bleibt uns denn, wenn wir uns auch noch die Musik wegnehmen lassen?“ – (Zitat aus dem Buch)
Mit Schlurfkatzen widmen sich Autorin Barbara Kadletz und Illustrator Jorghi Poll einer Widerstandsbewegung, von der ich bisher tatsächlich noch nie gehört hatte: den Wiener Schlurfs und Schlurfkatzen. Die Graphic Novel ist im April 2026 bei Edition Atelier erschienen und erzählt auf 56 Seiten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich während der NS-Zeit über Musik, Mode und Gemeinschaft gegen Anpassung und Gleichschritt stellten.
Worum geht es genau?
Im Mittelpunkt steht die fiktive 17-jährige Luise, die ihre Liebe zum Swing entdeckt und Teil einer Jugendkultur wird, die von den Nationalsozialist:innen verachtet und verfolgt wird. Während Jazz als „entartet“ gilt und Swingtanzen verboten ist, treffen sich die Jugendlichen heimlich, hören Musik und bewahren sich damit ein Stück Freiheit. Bis eines Tages einer von ihnen verhaftet wird und sich der wahre Wert von Freundschaft zeigt.
Meine Meinung
Ich war ja schon hin und weg, als ich dieses grandiose Cover gesehen habe. Als ich mir dann den Klappentext durchgelesen habe, war mir klar: Das ist ein Buch für mich. Nicht nur, weil ich selbst als Jugendarbeiterin tätig bin, sondern auch, weil ich mich sehr für Geschichte interessiere und bis dato noch nie etwas von den Schlurfkatzen gehört hatte. Die sogenannte Schlurfbewegung ist ein faszinierendes Kapitel österreichischer Zeitgeschichte, und ich finde es toll, dass sich die Autorin bewusst dazu entschieden hat, jungen Menschen und ihrem oft übersehenen Widerstand in der NS-Zeit eine Bühne zu geben.
Sehr hilfreich und wichtig für den Kontext waren für mich das Vor- und Nachwort der Autorin. Sie erklärt dort sehr transparent, wie das Buch zwischen historischen Fakten und literarischer Fiktion arbeitet und welche Gedanken hinter der Entstehung standen. Das Nachwort wiederum enthält Informationen zu den realen Persönlichkeiten, die in der Graphic Novel auftauchen.
Inhaltlich bleibt die Geschichte zwar vergleichsweise kurz, schaffte es aber zumindest bei mir dennoch, die Atmosphäre der Zeit einzufangen. Immer wieder wird deutlich, dass Widerstand viele Gesichter haben kann. Nicht jede Form des Widerstands entsteht aus politischer Überzeugung. Manchmal beginnt er einfach damit, nicht mitzumachen. Die Jugendlichen im Buch sind in erster Linie keine Widerstandskämpfer:innen, sondern junge Menschen, die sich ihre Jugend, ihre Musik und ihre Identität nicht nehmen lassen wollen. Wie gefährlich das sein kann, bringt dieses Zitat auf den Punkt: „Aber dafür alles riskieren? Das ist doch Wahnsinn, Luise!“ Ich glaube, die Figuren sind sich selbst nicht vollständig bewusst, welche Konsequenzen ihr „Ungehorsam“ beziehungsweise ihr jugendlicher Leichtsinn haben kann.
Ein absolutes Highlight sind die Illustrationen von Jorghi Poll. Die Bilder haben mich emotional erreicht, sind dynamisch und kreativ umgesetzt und vermitteln ein authentisches Gefühl für die damalige Zeit. Die Farbgestaltung und die Charakterzeichnungen machen das Buch zu einem echten Hingucker.
Mein einziger "Kritikpunkt" ist, dass ich gerne noch mehr Zeit mit den Figuren verbracht hätte. Mit 56 Seiten ist die Graphic Novel recht knapp gehalten, sodass manche Entwicklungen etwas schnell erzählt werden. Gleichzeitig macht genau das Lust darauf, sich anschließend noch intensiver mit der historischen Schlurfbewegung auseinanderzusetzen.
Fazit
Schlurfkatzen ist eine wunderschön gestaltete Graphic Novel, die eine wenig bekannte Form des Widerstands ins Rampenlicht rückt. Sie verbindet historische Fakten mit einer zugänglichen Geschichte und macht neugierig auf die Menschen hinter dieser Jugendkultur. Für alle, die Graphic Novels mit historischem Hintergrund, Musikgeschichte und außergewöhnlichen Perspektiven auf die NS-Zeit mögen. Herzlichen Dank an Edition Atelier für das Rezensionsexemplar!
Wenn Swing zum Widerstand wird: Die Geschichte der Schlurfs
Bewertung aus Villach am 05.05.2026
Bewertungsnummer: 3129918
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich konnte mir unter „Schlurfs“ nichts vorstellen, bis ich zur Prämierenlesung ins Literaturhaus ging und mir von Barbara Kadletz und Jorghi Poll „alles“ über Schlurfs bei der großartigen Prämierenlesung erzählen lies.
Schlurf ist die abwertende Bezeichnung für Jugendliche aus dem Arbeiter*innenmilieu, die in den 1940er Jahren Jazz und Swing hörten und auch auf diese Konzerte gingen. Schlurfkatzen waren die weiblichen Schlurfs. Die Schlurfs hatten auch ihre eigene Mode und längere Haare.
Die Nazis verboten diese Art von Musik, sie wurde als entartete Musik gewertet. Jedoch ließen es sich die Fans und Anhänger*innen nicht verbieten – sie gingen quasi in den Widerstand, weil sie sich diesem Verbot widersetzten. Wurden sie bei Konzerten, in Bars oder im Prater beim Jazz- oder Swinghören oder Tanzen erwischt, wurden sie in ein Erziehungslager gesteckt.
Genau so eine Geschichte erzählt Barbara Kadeltz in diesem Buch. Sie hat sich die künstlerische Freiheit genommen und drei in Österreich sehr bekannte Protagonist*innen in diese Szenen gesteckt: Helmut Qualtinger, Erni Mangold und Ernst Jandl, und sie gibt auch der vergessenen Musikerin Vera Auer eine Bühne.
Jorghi Poll hat die Prosa mit wunderbaren Zeichnungen illustriert, so das am Ende ein besonders interessantes Buch entstanden ist.
Ein historisches Thema, das so nicht sehr bekannt ist. Alleine das ist Grund genug, sich das Buch zur Hand zu nehmen und darin zu versinken.
Großartig gelungene Graphic Novel zu einem zeitgeschichtlichen Thema – gegen die Nazi-Ideologie.
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