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Orion Roman - Ein Faszinierender Roman über ein Leben in Lektüre. NDR-Kultur

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Format

ePUB

Kopierschutz

Nein

Family Sharing

Ja

Text-to-Speech

Ja

Verkaufsrang

3167

Erscheinungsdatum

13.05.2026

Verlag

Penguin Random House

Seitenzahl

416 (Printausgabe)

Dateigröße

1369 KB

Sprache

Deutsch

EAN

9783641235765

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Verkaufsrang

3167

Erscheinungsdatum

13.05.2026

Verlag

Penguin Random House

Seitenzahl

416 (Printausgabe)

Dateigröße

1369 KB

Sprache

Deutsch

EAN

9783641235765

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Bildungsroman im besten Sinne

leukam aus Baden-Baden am 04.06.2026

Bewertungsnummer: 3158127

Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Petra Morsbach lässt sich Zeit beim Schreiben. Ihrem Debut „Plötzlich ist es Abend“, 1995 erschienen, folgten bisher erst sieben weitere Romane, die allesamt ganz unterschiedliche Milieus porträtieren, so z.B. die sowjetische Gesellschaft in ihrem Erstling, in „Opernroman“ die Musikwelt und in „Gottesdiener“ die Kirche und die Geistlichkeit. Stand in ihrem letzten Roman „Justizpalast“, 2017 veröffentlicht, eine Richterin mit ihrer lebenslangen Suche nach Gerechtigkeit im Zentrum, ist es dieses Mal eine Lehrerin für Deutsch und Geschichte mit einer Passion für die Literatur, die aus der Ich- Perspektive auf ihr Leben zurückblickt. Den Grundstock für diese Leidenschaft legt Oma Auguste, bei der die achtjährige Nora ein paar Wochen verbringt. Denn diese singt abends vor dem Zubettgehen alte Lieder oder rezitiert Balladen mit zum Teil schauerlichem Inhalt. „Seit den Bertinger Abenden führe ich ein zweites Leben in der Literatur. In der Kindheit bot es Nahrung für meine Träume, in der Jugend Trost und Abenteuer, danach Erholung und Orientierung.“ Aus einfachen Verhältnissen stammend schafft es Nora, dank der Fürsprache ihres Volksschullehrers, auf das Gymnasium. Nach dem Abitur geht sie zum Studium nach München. Daneben jobbt sie im Münchner Hauptstaatsarchiv und begegnet dort ihrem späteren Ehemann, dem zehn Jahre älteren Dr. Theseus Dellenbrücker. Dieser ist ein Archivar, wie man ihn sich vorstellt, „hypergebildet, nur ein bisschen unterbelebt“. Es erfordert einige Umwege, bis die beiden heiraten. Zwanzig Jahre wird diese Ehe anhalten, ein gemeinsames Kind geht daraus hervor. Doch die Beziehung erweist sich als lieblose Zweckgemeinschaft, voller emotionaler Kälte. Das, was ihr fehlt, menschliche Nähe und Leidenschaft, findet Nora dann bei Bruno. Als Theseus von der Affäre erfährt, ist diese zwar schon längst beendet, doch er ist gekränkt und will die Scheidung. Das Verhältnis zum Sohn, das auch zuvor kein so inniges war, bleibt danach schwierig. Erfüllung findet Nora in ihrem Beruf als Lehrerin. Mit großem pädagogischen Geschick und eigenem Interesse am Stoff vermag sie zu begeistern. Ihr wichtigstes Ziel ist es, die Schüler zu kritischem Denken und Hinterfragen anzuleiten. Dabei ist sie immer bereit, selbst auch von den Schülern zu lernen. Doch dann macht sie eine Nierenerkrankung zur Dialysepatientin und Nora muss leider den Schuldienst quittieren. Auch in diesem Moment ist ihr die Literatur Trost und Hilfe. So wie sie die großen Dichter und Denker bei allen Lebenslagen zu Rate zieht und dort nach Antworten sucht. Nicht immer wird sie dabei fündig. In Fragen der Schwangerschaft findet sie wenig Hilfreiches in der Literatur. Gerade der klassische Kanon ist voll mit schreibenden Männern, die ein geschöntes Bild von Schwangerschaft und Geburt haben. Erst bei Euripides findet sie wahre Worte: „Ich wollte lieber dreimal ins Grauen / Der Schlacht mich werfen, als einmal nur gebären.“ Man mag kritisieren, dass sich Petra Morsbach vor allem auf Literatur aus weit zurückliegenden Zeiten bezieht und sich nicht Rat bei zeitgenössischen Autoren und Autorinnen holt. Mich hat das nicht gestört, sondern es hat mir im Gegenteil gezeigt, dass „klassische“ Literatur zeitlos ist und uns immer noch etwas zu sagen hat. So wie Sokrates, den sie zitiert, der auf die Frage eines Schülers, ob er heiraten soll , die Antwort gibt: „Was du auch tust, du wirst es bereuen.“ Nicht nur mit diesem Zitat beweist die Autorin ihren Humor. Allerdings liest Nora nicht nur Bücher, sondern „ liest“ ebenso die Menschen. „ Wenn jedes Buch ein Mensch ist, ist auch jeder Mensch ein Buch.“ Aber so wie manche Bücher langweilen oder ein Buch gerade nicht zur eigenen Lebensphase passt, so kann es einem mit Mitmenschen gehen. Auf das banale Geschwätz einer Bekanntschaft reagiert Nora mit Desinteresse. Da heißt es dann im Roman: „ Auch dieses Buch wollte ich nicht weiterlesen.“ Petra Morsbach berichtet aber vorrangig von den Begegnungen mit Menschen und Büchern, die Nora bereichern: „Die Menschen, die ich traf, und die Bücher, die ich las, gingen durch mich hindurch, und nicht mal ich kenne die Chemie, nach der manche …spurlos verschwanden und andere … einen Volumengewinn für immer bedeuteten.“ Die Autorin hat schon in früheren Büchern bestimmte Gesellschaftskreise genau in den Blick genommen, so auch hier. Deshalb nimmt der Bereich der Schule breiten Raum ein. Dabei zeigt sich erneut, wie gut die Autorin recherchiert. Die drei „Skandale“, in die die Lehrkraft Nora verstrickt sind, dürften der Realität entnommen sein. Ebenso werden die Lehrerkollegen mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Interaktionen und ihren hierarchischen Strukturen lebensnah gezeichnet. Es ist ein gänzlich unspektakuläres Leben, das Petra Morsbach hier ausbreitet, aber so, dass man es mit Interesse verfolgt. Es ist die genaue Beobachtungsgabe, mit der sie Situationen und Personen beschreibt, aber auch ihr subtiler Humor, der das Buch zu einem Vergnügen für mich gemacht hat. Dabei verwebt sie Lebensgeschichten anderer mit ihrem eigenen Leben und das wiederum mit Zitaten aus ihren Lektüren, klug und reflektiert. Und auch die Figur Nora hat mich für das Buch eingenommen. Sie mag zwar nicht sehr emotional wirken, gerade weil sie einen eher pragmatischen und beobachtend distanzierten Blick auf ihr eigenes Leben hat, trotzdem habe ich sie als keineswegs gefühlsarm empfunden. Sie ist jemand, der Menschen und Schicksalsschläge annehmen kann, nicht jammert, sondern reflektiert, analysiert und voller Optimismus die Dinge angeht. Dabei beweist sie, wie viel Trost und Kraft man aus der Welt der Literatur schöpfen kann. So ist „Orion“ von Petra Morsbach für mich ein Bildungsroman im besten Sinne.


Bildungsroman im besten Sinne

leukam aus Baden-Baden am 04.06.2026
Bewertungsnummer: 3158127
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Petra Morsbach lässt sich Zeit beim Schreiben. Ihrem Debut „Plötzlich ist es Abend“, 1995 erschienen, folgten bisher erst sieben weitere Romane, die allesamt ganz unterschiedliche Milieus porträtieren, so z.B. die sowjetische Gesellschaft in ihrem Erstling, in „Opernroman“ die Musikwelt und in „Gottesdiener“ die Kirche und die Geistlichkeit. Stand in ihrem letzten Roman „Justizpalast“, 2017 veröffentlicht, eine Richterin mit ihrer lebenslangen Suche nach Gerechtigkeit im Zentrum, ist es dieses Mal eine Lehrerin für Deutsch und Geschichte mit einer Passion für die Literatur, die aus der Ich- Perspektive auf ihr Leben zurückblickt. Den Grundstock für diese Leidenschaft legt Oma Auguste, bei der die achtjährige Nora ein paar Wochen verbringt. Denn diese singt abends vor dem Zubettgehen alte Lieder oder rezitiert Balladen mit zum Teil schauerlichem Inhalt. „Seit den Bertinger Abenden führe ich ein zweites Leben in der Literatur. In der Kindheit bot es Nahrung für meine Träume, in der Jugend Trost und Abenteuer, danach Erholung und Orientierung.“ Aus einfachen Verhältnissen stammend schafft es Nora, dank der Fürsprache ihres Volksschullehrers, auf das Gymnasium. Nach dem Abitur geht sie zum Studium nach München. Daneben jobbt sie im Münchner Hauptstaatsarchiv und begegnet dort ihrem späteren Ehemann, dem zehn Jahre älteren Dr. Theseus Dellenbrücker. Dieser ist ein Archivar, wie man ihn sich vorstellt, „hypergebildet, nur ein bisschen unterbelebt“. Es erfordert einige Umwege, bis die beiden heiraten. Zwanzig Jahre wird diese Ehe anhalten, ein gemeinsames Kind geht daraus hervor. Doch die Beziehung erweist sich als lieblose Zweckgemeinschaft, voller emotionaler Kälte. Das, was ihr fehlt, menschliche Nähe und Leidenschaft, findet Nora dann bei Bruno. Als Theseus von der Affäre erfährt, ist diese zwar schon längst beendet, doch er ist gekränkt und will die Scheidung. Das Verhältnis zum Sohn, das auch zuvor kein so inniges war, bleibt danach schwierig. Erfüllung findet Nora in ihrem Beruf als Lehrerin. Mit großem pädagogischen Geschick und eigenem Interesse am Stoff vermag sie zu begeistern. Ihr wichtigstes Ziel ist es, die Schüler zu kritischem Denken und Hinterfragen anzuleiten. Dabei ist sie immer bereit, selbst auch von den Schülern zu lernen. Doch dann macht sie eine Nierenerkrankung zur Dialysepatientin und Nora muss leider den Schuldienst quittieren. Auch in diesem Moment ist ihr die Literatur Trost und Hilfe. So wie sie die großen Dichter und Denker bei allen Lebenslagen zu Rate zieht und dort nach Antworten sucht. Nicht immer wird sie dabei fündig. In Fragen der Schwangerschaft findet sie wenig Hilfreiches in der Literatur. Gerade der klassische Kanon ist voll mit schreibenden Männern, die ein geschöntes Bild von Schwangerschaft und Geburt haben. Erst bei Euripides findet sie wahre Worte: „Ich wollte lieber dreimal ins Grauen / Der Schlacht mich werfen, als einmal nur gebären.“ Man mag kritisieren, dass sich Petra Morsbach vor allem auf Literatur aus weit zurückliegenden Zeiten bezieht und sich nicht Rat bei zeitgenössischen Autoren und Autorinnen holt. Mich hat das nicht gestört, sondern es hat mir im Gegenteil gezeigt, dass „klassische“ Literatur zeitlos ist und uns immer noch etwas zu sagen hat. So wie Sokrates, den sie zitiert, der auf die Frage eines Schülers, ob er heiraten soll , die Antwort gibt: „Was du auch tust, du wirst es bereuen.“ Nicht nur mit diesem Zitat beweist die Autorin ihren Humor. Allerdings liest Nora nicht nur Bücher, sondern „ liest“ ebenso die Menschen. „ Wenn jedes Buch ein Mensch ist, ist auch jeder Mensch ein Buch.“ Aber so wie manche Bücher langweilen oder ein Buch gerade nicht zur eigenen Lebensphase passt, so kann es einem mit Mitmenschen gehen. Auf das banale Geschwätz einer Bekanntschaft reagiert Nora mit Desinteresse. Da heißt es dann im Roman: „ Auch dieses Buch wollte ich nicht weiterlesen.“ Petra Morsbach berichtet aber vorrangig von den Begegnungen mit Menschen und Büchern, die Nora bereichern: „Die Menschen, die ich traf, und die Bücher, die ich las, gingen durch mich hindurch, und nicht mal ich kenne die Chemie, nach der manche …spurlos verschwanden und andere … einen Volumengewinn für immer bedeuteten.“ Die Autorin hat schon in früheren Büchern bestimmte Gesellschaftskreise genau in den Blick genommen, so auch hier. Deshalb nimmt der Bereich der Schule breiten Raum ein. Dabei zeigt sich erneut, wie gut die Autorin recherchiert. Die drei „Skandale“, in die die Lehrkraft Nora verstrickt sind, dürften der Realität entnommen sein. Ebenso werden die Lehrerkollegen mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Interaktionen und ihren hierarchischen Strukturen lebensnah gezeichnet. Es ist ein gänzlich unspektakuläres Leben, das Petra Morsbach hier ausbreitet, aber so, dass man es mit Interesse verfolgt. Es ist die genaue Beobachtungsgabe, mit der sie Situationen und Personen beschreibt, aber auch ihr subtiler Humor, der das Buch zu einem Vergnügen für mich gemacht hat. Dabei verwebt sie Lebensgeschichten anderer mit ihrem eigenen Leben und das wiederum mit Zitaten aus ihren Lektüren, klug und reflektiert. Und auch die Figur Nora hat mich für das Buch eingenommen. Sie mag zwar nicht sehr emotional wirken, gerade weil sie einen eher pragmatischen und beobachtend distanzierten Blick auf ihr eigenes Leben hat, trotzdem habe ich sie als keineswegs gefühlsarm empfunden. Sie ist jemand, der Menschen und Schicksalsschläge annehmen kann, nicht jammert, sondern reflektiert, analysiert und voller Optimismus die Dinge angeht. Dabei beweist sie, wie viel Trost und Kraft man aus der Welt der Literatur schöpfen kann. So ist „Orion“ von Petra Morsbach für mich ein Bildungsroman im besten Sinne.


Eine Frau flieht in ihren Intellekt

Eternal-Hope aus Österreich am 04.06.2026

Bewertungsnummer: 3158041

Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Dieses Buch zu rezensieren fällt mir nicht leicht. Das hat wohl damit zu tun, dass es sich um ein komplexes, anspruchsvolles Werk handelt, das sich auch nicht unbedingt einheitlich liest. Auf den ersten etwa 200 Seiten hatte ich ein recht angenehmes Leseerlebnis: wir folgen der jungen Nora durch die Stationen ihres Lebens, angefangen in ihrer Kindheit, in der die ersten Grundsteine ihrer Liebe zu den literarischen Klassikern gelegt werden, über die Zeit als junge Lehramtsstudentin für Deutsch und Geschichte, die nebenbei in einem Archiv arbeitet, über erste Annäherungen zwischen ihr und ihrem auch dort arbeitenden promovierten Vorgesetzten Theseus, bis zur Zeit nach dem Studium, als sie als Lehrerin arbeitet, Theseus heiratet und einen Sohn bekommt. Ein "normales" Leben einer deutschen Frau aus der gebildeten Mittelschicht also. Danach folgten etwa 100 Seiten, die für mich deutlich uninteressanter waren, weil sie sich in unzähligen kurzen Ausschnitten aus Lebensgeschichten verschiedener Figuren verlieren, denen Nora auf einer Bank einer Kuranstalt begegnet und die ihr, analog zu den Büchern die ihr Leben begleiten, kurz mehr oder weniger spannende Episoden aus dem eigenen Leben erzählen. Diese Menschen vergleicht sie mit den Büchern, die sie liest: „Bei der fünften Kehre bog er nach links ab zum Haupthaus ohne einen weiteren Blick zur Bank. Trotzdem, Ebner, schön, dass du da warst, dachte ich. Schon der Umschlag dieses Buches hat mich inspiriert. Vielen Dank.“ (S. 265) Gegen Ende wurde das Buch wieder interessanter für mich, als es wieder mehr um Nora selbst und ihr Leben ging. Dabei ist aber die Frage, ob es dem Buch überhaupt anzulasten ist, dass dieser Zwischenteil für mich nicht so spannend zu lesen war. Das, was mich am meisten daran gestört hat, nämlich, dass mir all die geschilderten Figuren emotional überhaupt nicht nahegegangen sind, hat nämlich sehr viel mit der Persönlichkeit unserer Hauptperson Nora zu tun. Nora ist eine zutiefst Intellektuelle, die es vor allem zur klassischen Literatur hinzieht. Zwar vergleicht sie diese ein bisschen mit ihrem Leben (weit weniger, als die Buchbeschreibung mich vermuten hätte lassen - ein weiterer Kritikpunkt), doch scheint es so, als ob ihr Klassiker umso lieber seien, je weiter diese zeitlich und inhaltlich von einem heutigen Leben in Mitteleuropa entfernt seien. Nicht nur kommt zeitgenössische Literatur, in der sich viele Perlen der Weisheit finden lassen könnten, so gut wie überhaupt nicht vor, auch bei den älteren Werken gehören die der Bronte-Schwestern noch zu den neueren Büchern, mit denen sich Nora neben hauptsächlich antiken philosophischen und literarischen Werken der alten Griechen, etwa Homers Odysseus, auseinandersetzt. Diese Frau flieht also regelrecht emotional vor ihrem eigenen Leben in eine weit entfernte Vergangenheit und in die Intellektualität. Dazu passt auch ihre sonstige Herangehensweise an ihr eigenes Leben: sie wählt sich einen Partner, der ihr in dieser Hinsicht sehr ähnlich ist, und führt mit ihm eine distanzierte Ehe. Selbst die Beziehungspflege zu ihren eigenen Eltern (zu den Schwiegereltern sowieso) überlässt sie Mann und Sohn. Und erfährt sie in ihrer Tätigkeit als Lehrerin von Skandalen etwa um einen Kollegen, der sich schon lange an junge Schülerinnen ranmacht, scheint auch das sie eher intellektuell-forschend zu interessieren als emotional wirklich zu berühren, zumindest war das mein Leseeindruck. Eine andere als die rein intellektuelle Ebene kennt sie nur kaum und es kommt ihr nicht in den Sinn, zu hinterfragen, ob ihr vielleicht im emotionalen Bereich etwas fehlen könnte in ihrer Beziehungsgestaltung mit anderen Menschen: „Es hatte eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet Tobi und Enni, die meinem pädagogischen Eifer am stärksten ausgesetzt gewesen waren, mein Bildungsangebot so komplett verworfen hatten. Was hatte ich falsch gemacht? Falls ich nichts falsch gemacht hatte, folgte daraus, dass Bildung für die meisten Menschen viel weniger attraktiv war als für mich.“ (S. 344) Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Alltagsflucht dieser Protagonistin noch größer wird, als sie mit einer existenziell bedrohlichen Nierenerkrankung konfrontiert ist, dialysepflichtig wird, auf Rehabilitation fährt und dort eben auf besagter Parkbank sich die Geschichten irgendwelcher Menschen anhört. Die Geschichten berühren mich beim Lesen nicht, vielleicht als Spiegelung davon, dass auch diese Frau sich von nichts so wirklich berühren lassen will, zu groß muss wohl ihre Angst vor tiefgründigen Emotionen sein. Auch Entscheidungen in Bezug auf das Eingehen einer Partnerschaft trifft sie aus intellektuellen Überlegungen heraus: „Das ist offenbar der Ernst des Lebens, dachte ich. Nein, ich dachte: das ist die Wucht der Existenz. Bisher war alles glänzend verlaufen: gefördert, gut ausgebildet, sinnvolle Arbeit, nette Kollegen. Irgendwie hatte ich angenommen, dass es allen so gehen würde, und merkte nun, dass Lehrer auch an diesem privilegierten Ort schlechte Ehen führten oder dem Alkohol verfielen und dass, noch schlimmer, Schüler nicht nur empfindlich und explosiv, sondern verzweifelt und gefährdet sein konnten; dass also, kurz gesagt, das Leben vertrackt war und Probleme bereitete, die nur mit großer Anstrengung zu lösen seien und dass man sie vermutlich leichter aushalten würde, wenn man nicht allein wäre.“ (S. 46) Damit ist es zwar kein durchgängig leicht zu lesendes Werk, aber ein psychologisch hochspannendes Psychogramm einer Frau, die ihr ganzes Leben damit verbringt, andere Menschen auf Distanz zu sich zu halten und sich auch vor sich selbst und der Konfrontation mit emotional existenziellen Themen in möglichst abstrakte Intellektualität zu flüchten. Dabei ist sie durchaus eine interessante Frau mit spannenden Gedanken, die immer wieder doch vergnüglich zu lesen sind und nachdenklich machen, wie sich zum Beispiel hier zeigt, als sie anlässlich einer Klassenfahrt darüber nachdenkt, was wohl von ihren Erläuterungen bei ihren Schülerinnen und Schülern ankommt: „Nichts bedeuteten ihnen die Begriffe „Aufklärung“ und „Säkularisation“. Ich nahm das gelassen. Dichtung verstehen sie schon in diesem Alter, denn Subjektivität, Gefühl und Fantasie erleben sie direkt; es scheint eine natürliche poetische Erregbarkeit zu geben, die leider selten die Jugend überlebt. Geschichte dagegen ist ein Fach für Erwachsene. Objektivität, Distanz, Übersicht erwirbt man, wenn überhaupt, erst jenseits des Abiturs. Ich hörte die Kids also im Bus hinter mir lärmen und rechnete mit einer mühseligen Partie.“ (S. 314) Insgesamt ist es also ein höchst lehrreiches Werk darüber, was sich zwar einerseits auf intellektueller Ebene durch klassische Bildung gewinnen lässt, wie einseitig aber andererseits eine rein intellektuell ausgerichtete Bildung die Persönlichkeit prägen kann, wenn diese nicht gleichzeitig von einer Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenzen im ähnlichen Ausmaß begleitet wird. Damit ist das Buch ein kluger Spiegel der Unzulänglichkeiten, mit denen ein klassisch geprägtes Bildungssystem bis heute in vielen Bereichen zu kämpfen hat und das dann Gefahr läuft, Akademikerinnen und Akademiker zu produzieren, die sich zwar für hochgebildet und intellektuell halten, aber kaum in Kontakt mit dem eigenen Herzen sind und denen es an ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung fehlt.

Eine Frau flieht in ihren Intellekt

Eternal-Hope aus Österreich am 04.06.2026
Bewertungsnummer: 3158041
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Dieses Buch zu rezensieren fällt mir nicht leicht. Das hat wohl damit zu tun, dass es sich um ein komplexes, anspruchsvolles Werk handelt, das sich auch nicht unbedingt einheitlich liest. Auf den ersten etwa 200 Seiten hatte ich ein recht angenehmes Leseerlebnis: wir folgen der jungen Nora durch die Stationen ihres Lebens, angefangen in ihrer Kindheit, in der die ersten Grundsteine ihrer Liebe zu den literarischen Klassikern gelegt werden, über die Zeit als junge Lehramtsstudentin für Deutsch und Geschichte, die nebenbei in einem Archiv arbeitet, über erste Annäherungen zwischen ihr und ihrem auch dort arbeitenden promovierten Vorgesetzten Theseus, bis zur Zeit nach dem Studium, als sie als Lehrerin arbeitet, Theseus heiratet und einen Sohn bekommt. Ein "normales" Leben einer deutschen Frau aus der gebildeten Mittelschicht also. Danach folgten etwa 100 Seiten, die für mich deutlich uninteressanter waren, weil sie sich in unzähligen kurzen Ausschnitten aus Lebensgeschichten verschiedener Figuren verlieren, denen Nora auf einer Bank einer Kuranstalt begegnet und die ihr, analog zu den Büchern die ihr Leben begleiten, kurz mehr oder weniger spannende Episoden aus dem eigenen Leben erzählen. Diese Menschen vergleicht sie mit den Büchern, die sie liest: „Bei der fünften Kehre bog er nach links ab zum Haupthaus ohne einen weiteren Blick zur Bank. Trotzdem, Ebner, schön, dass du da warst, dachte ich. Schon der Umschlag dieses Buches hat mich inspiriert. Vielen Dank.“ (S. 265) Gegen Ende wurde das Buch wieder interessanter für mich, als es wieder mehr um Nora selbst und ihr Leben ging. Dabei ist aber die Frage, ob es dem Buch überhaupt anzulasten ist, dass dieser Zwischenteil für mich nicht so spannend zu lesen war. Das, was mich am meisten daran gestört hat, nämlich, dass mir all die geschilderten Figuren emotional überhaupt nicht nahegegangen sind, hat nämlich sehr viel mit der Persönlichkeit unserer Hauptperson Nora zu tun. Nora ist eine zutiefst Intellektuelle, die es vor allem zur klassischen Literatur hinzieht. Zwar vergleicht sie diese ein bisschen mit ihrem Leben (weit weniger, als die Buchbeschreibung mich vermuten hätte lassen - ein weiterer Kritikpunkt), doch scheint es so, als ob ihr Klassiker umso lieber seien, je weiter diese zeitlich und inhaltlich von einem heutigen Leben in Mitteleuropa entfernt seien. Nicht nur kommt zeitgenössische Literatur, in der sich viele Perlen der Weisheit finden lassen könnten, so gut wie überhaupt nicht vor, auch bei den älteren Werken gehören die der Bronte-Schwestern noch zu den neueren Büchern, mit denen sich Nora neben hauptsächlich antiken philosophischen und literarischen Werken der alten Griechen, etwa Homers Odysseus, auseinandersetzt. Diese Frau flieht also regelrecht emotional vor ihrem eigenen Leben in eine weit entfernte Vergangenheit und in die Intellektualität. Dazu passt auch ihre sonstige Herangehensweise an ihr eigenes Leben: sie wählt sich einen Partner, der ihr in dieser Hinsicht sehr ähnlich ist, und führt mit ihm eine distanzierte Ehe. Selbst die Beziehungspflege zu ihren eigenen Eltern (zu den Schwiegereltern sowieso) überlässt sie Mann und Sohn. Und erfährt sie in ihrer Tätigkeit als Lehrerin von Skandalen etwa um einen Kollegen, der sich schon lange an junge Schülerinnen ranmacht, scheint auch das sie eher intellektuell-forschend zu interessieren als emotional wirklich zu berühren, zumindest war das mein Leseeindruck. Eine andere als die rein intellektuelle Ebene kennt sie nur kaum und es kommt ihr nicht in den Sinn, zu hinterfragen, ob ihr vielleicht im emotionalen Bereich etwas fehlen könnte in ihrer Beziehungsgestaltung mit anderen Menschen: „Es hatte eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet Tobi und Enni, die meinem pädagogischen Eifer am stärksten ausgesetzt gewesen waren, mein Bildungsangebot so komplett verworfen hatten. Was hatte ich falsch gemacht? Falls ich nichts falsch gemacht hatte, folgte daraus, dass Bildung für die meisten Menschen viel weniger attraktiv war als für mich.“ (S. 344) Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Alltagsflucht dieser Protagonistin noch größer wird, als sie mit einer existenziell bedrohlichen Nierenerkrankung konfrontiert ist, dialysepflichtig wird, auf Rehabilitation fährt und dort eben auf besagter Parkbank sich die Geschichten irgendwelcher Menschen anhört. Die Geschichten berühren mich beim Lesen nicht, vielleicht als Spiegelung davon, dass auch diese Frau sich von nichts so wirklich berühren lassen will, zu groß muss wohl ihre Angst vor tiefgründigen Emotionen sein. Auch Entscheidungen in Bezug auf das Eingehen einer Partnerschaft trifft sie aus intellektuellen Überlegungen heraus: „Das ist offenbar der Ernst des Lebens, dachte ich. Nein, ich dachte: das ist die Wucht der Existenz. Bisher war alles glänzend verlaufen: gefördert, gut ausgebildet, sinnvolle Arbeit, nette Kollegen. Irgendwie hatte ich angenommen, dass es allen so gehen würde, und merkte nun, dass Lehrer auch an diesem privilegierten Ort schlechte Ehen führten oder dem Alkohol verfielen und dass, noch schlimmer, Schüler nicht nur empfindlich und explosiv, sondern verzweifelt und gefährdet sein konnten; dass also, kurz gesagt, das Leben vertrackt war und Probleme bereitete, die nur mit großer Anstrengung zu lösen seien und dass man sie vermutlich leichter aushalten würde, wenn man nicht allein wäre.“ (S. 46) Damit ist es zwar kein durchgängig leicht zu lesendes Werk, aber ein psychologisch hochspannendes Psychogramm einer Frau, die ihr ganzes Leben damit verbringt, andere Menschen auf Distanz zu sich zu halten und sich auch vor sich selbst und der Konfrontation mit emotional existenziellen Themen in möglichst abstrakte Intellektualität zu flüchten. Dabei ist sie durchaus eine interessante Frau mit spannenden Gedanken, die immer wieder doch vergnüglich zu lesen sind und nachdenklich machen, wie sich zum Beispiel hier zeigt, als sie anlässlich einer Klassenfahrt darüber nachdenkt, was wohl von ihren Erläuterungen bei ihren Schülerinnen und Schülern ankommt: „Nichts bedeuteten ihnen die Begriffe „Aufklärung“ und „Säkularisation“. Ich nahm das gelassen. Dichtung verstehen sie schon in diesem Alter, denn Subjektivität, Gefühl und Fantasie erleben sie direkt; es scheint eine natürliche poetische Erregbarkeit zu geben, die leider selten die Jugend überlebt. Geschichte dagegen ist ein Fach für Erwachsene. Objektivität, Distanz, Übersicht erwirbt man, wenn überhaupt, erst jenseits des Abiturs. Ich hörte die Kids also im Bus hinter mir lärmen und rechnete mit einer mühseligen Partie.“ (S. 314) Insgesamt ist es also ein höchst lehrreiches Werk darüber, was sich zwar einerseits auf intellektueller Ebene durch klassische Bildung gewinnen lässt, wie einseitig aber andererseits eine rein intellektuell ausgerichtete Bildung die Persönlichkeit prägen kann, wenn diese nicht gleichzeitig von einer Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenzen im ähnlichen Ausmaß begleitet wird. Damit ist das Buch ein kluger Spiegel der Unzulänglichkeiten, mit denen ein klassisch geprägtes Bildungssystem bis heute in vielen Bereichen zu kämpfen hat und das dann Gefahr läuft, Akademikerinnen und Akademiker zu produzieren, die sich zwar für hochgebildet und intellektuell halten, aber kaum in Kontakt mit dem eigenen Herzen sind und denen es an ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung fehlt.

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