Schwierige Kindheit, lange Jahre als Alleinerziehende: Ohne ihre beste Freundin Helene hätte Viktoria das alles nicht geschafft. Nun, da ihre Tochter erwachsen ist, erfüllt die Biologin sich einen langgehegten Traum und erforscht das Verhalten von Raben. Doch als ein von ihr handaufgezogener Rabe ihr etwas mitteilen zu wollen scheint und zeitgleich ein fast zwanzig Jahre jüngerer Mann in ihr Leben tritt, gerät die Welt abermals ins Schwanken. Viktoria verliebt sich und versucht das Rätsel des Raben zu lösen - und riskiert dabei ausgerechnet das, was sie immer getragen hat: ihre Freundschaft mit Helene.
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Ein dichtes, hochpolitisches und spannungsvolles Werk
nessabo (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 08.05.2026
Bewertungsnummer: 3132961
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich mochte schon das Debüt von Felicitas Prokopetz sehr gern und ihr neuer Roman konnte das noch einmal toppen. Eine wirklich runde Erzählung mit hohem Tempo, pointierten Perspektivwechseln, einer scharfzüngigen politischen Komponente und einer Prise Raben-Mystik.
Die Figuren sind alle total spannend und ergänzen sich ganz toll. Ich bin besonders beeindruckt davon, wie die Autorin Perspektivwechsel einsetzt, um die Geschichte dichter zu machen. Das Tempo der Wechsel zieht manchmal so stark an, dass wir in einer bestimmten Szene quasi mit dabeisitzen und die verschiedenen Wahrnehmungen und Gedanken gleichzeitig erleben dürfen. Außerdem gelingt es ihr, die Spannung verschiedener Situationen auszuhalten. Die Empfindungen der Figuren in einem bestimmten Moment sind teilweise völlig gegensätzlich und diesen Raum zu halten ist anstrengend, aber eben eine wahre Kunst.
Die Sprache ist teils anspruchsvoll, die Sätze wirken nahezu wie Wort für Wort kuratiert. Das ist nicht immer mein Fall, hier ist es aber wohldosiert eingesetzt und bei einem so schmalen Buch nehme ich auch gern in Kauf, manche Sätze doppelt lesen zu müssen.
Ich finde es großartig, dass hier so politisch geschrieben wird. Feminismus, Veganismus, Klimakrise - alles ganz wichtige Themen und Prokopetz nimmt hier kein Blatt vor den Mund. Außerdem liebe ich ältere Frauenfiguren, die happily single sind und sich nicht dem gesellschaftlichen Narrativ einer „richtigen" Familie unterordnen wollen. Männer kommen dagegen nicht so gut weg und auch, wenn Polly als etwas klischeehaft eingeordnet werden kann, akzeptiere ich das gern - denn viele cis Männer sind eben genau auf diese Art „feministisch“. Wie subtil sexistisches Denken wirkt, fand ich unglaublich fein herausgearbeitet.
Das Ende greift die mystische Raben-Storyline noch einmal auf und hinterlässt seine Lesenden mit ein paar Fragezeichen. Das passt für mich nicht immer, aber hier war es mit Blick auf die gesamte Interaktion mit dem Raben stimmig. Nicht alles wird geklärt und das ist auch okay so.
Eine wirklich tolle, intensive Erzählung mit starken Figuren, die uns dank vieler Perspektivwechsel keineswegs schonen. Prokopetz jongliert eine schiere Masse an Themen und vermittelt sie auf anspruchsvolle, aber kluge Weise, die mich völlig für sich eingenommen hat. Die Kürze des Romans verhindert an manchen Stellen eine gewisse Tiefe, die mein Urteil insgesamt aber nicht verändert. Bitte mehr davon!
Feinfühlig, klug, gesellschaftskritisch und authentisch: unbedingt lesenswert
Adele (Mitglied der Thalia Book Circle Community) am 28.04.2026
Bewertungsnummer: 3123267
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Und schon schwankte die Welt: es ist die Erinnerung, Prägung und Erfahrung unserer Kindheit und Jugend, aber auch die gesellschaftlichen Strukturen, die bis ins Erwachsenenleben die Macht haben unser Denken, Fühlen und Handeln, unsere Gegenwart zu beeinflussen - wenn wir sie lassen. Diese schmerzhafte Erkenntnis entwickelt Felicitas Prokopetz im Verlauf ihres neuen Romans und der Dynamik der zentralen Protagonistinnen darin.
Im Mittelpunkt Viktoria und Helene, beide Mitte 40 und beste Freundinnen seit früher Kindheit. Helene aus bürgerlichem Elternhaus und mittlerweile Professorin, Viktoria aufgewachsen bei einer alleinerziehenden Mutter mit Suchtproblematik, früh selbst Mutter geworden und nun im Begriff ihren Traum von einer Promotion verspätet zu erfüllen. Tochter Lara sollte es stets besser als Viktoria selbst haben und ist in liebevoller Fürsorge zwischen Viktoria und Helene aufgewachsen, und studiert mittlerweile im fernen Leipzig. In diese eingespielte Frauenwirtschaft platzt Viktorias Begegnung mit Polly, einem jungen Studenten, der sich für seine Masterarbeit für die Raben in Viktorias Forschungsstation interessiert. Und nicht nur Polly bringt die Dynamik der Beziehungen ins Wanken, auch Toni, der erste Rabe, den Viktoria per Hand aufgezogen hat, taucht völlig unvermittelt wieder in ihrem Leben auf, scheinbar nicht ohne Grund. Vor diesem Hintergrund entwickelt Felicitas Prokopetz eine feinfühlige, kluge Erzählung über die Komplexität sozialer Beziehungen in unserer Gesellschaft. Zentrales Thema sind im Roman dabei immer wieder patriarchal kapitalistische Strukturen und wie sie unsere Vergangenheit, Gegenwart und leider wohl auch noch Zukunft prägen werden.
Einen Gegenentwurf dazu stellt Viktorias Forschungsgegenstand, die Raben im Allgemeinen und Rabe Toni im Speziellen dar, stellen diese doch mit der Natur einen Bereich dar, der sich zumindest teilweise dem Menschen und seiner kulturellen Praktiken, die durch kapitalvermittelte, patriarchale Machtlogiken gekennzeichnet sind, entzieht. Und so verwundert es auch kaum, dass die Autorin Freundschaft und Solidarität unter Frauen als Überlebensstrategie in patriarchalen Strukturen behutsam in ihrer Erzählung herausarbeitet.
Erzählt wird alternierend aus den Perspektiven Viktorias, Helenes und Pollys. Eine weitere Ebene erhält die Geschichte durch die Perspektive Laras, deren Kindheit und Gegenwart maßgeblich von Helene und ihrer Mutter Viktoria geprägt wurden und werden, während diese gleichzeitig ihre jeweilig eigene familiale Sozialisation reflektieren. So ist Laras Gegenwart und Alter im Lebensverlauf, für Helene und Viktoria in ihrem eigenen Leben eine Vergangenheit, deren Einfluss und Sinn sie versuchen im Heute zu verstehen. Es wird deutlich, wie sehr beide sich dessen bewusst sind, versuchen ihren Einfluss auf Lara bestmöglich zu gestalten, und machen doch ganz natürlicherweise andere Fehler.
Was ich besonders gelungen finde ist die Intelligenz und Feinfühligkeit mit der die Autorin die Komplexität sozialer Beziehungen ausleuchtet. Und das stets ohne Anzuklagen, sondern in nachvollziehbarer Erläuterung darstellt, was die Lebenswelt ihrer Protagonistinnen ausmacht und wie sie zu ihren Entscheidungen kommen, ob man diese nun gut findet oder nicht. Das ist für mich ganz großes Kino!
Und schon schwankte die Welt ist ein zeitgenössischer Roman im besten Sinne, der in einer feinfühligen Erzählung soziale Beziehungen analysiert, das Handeln seiner Protagonistinnen nachvollziehbar macht und dabei gesellschaftskritisch patriarchal kapitalistische Machtlogiken und deren Wirkung auf jeden Menschen aufzeigt.
Wer den Debütroman der Autorin schon mochte, wird diese Erzählung lieben, ich finde sie noch zugänglicher und reifer im aller besten Sinne! Damit ist er auch ein toller Einstieg für Leserinnen, um die Autorin und ihr Werk neu zu entdecken! Unbedingt lesen!
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