Ein Mann in seinen Fünfzigern. Er hat offenbar nichts mehr zu verlieren, obwohl noch so viel vor ihm liegt. Die Kinder sind aus dem Haus, KI bedroht seine Arbeit als Übersetzer. Vor allem hat der Tod seiner Frau alles infrage gestellt. Eine solche Liebe, da ist er sich sicher, wird er kein zweites Mal finden. Bis ihm bei gemeinsamen Freunden eine Cellistin begegnet. Es entspinnt sich, so leicht, als ob es Vorsehung wäre, ein verheißungsvolles Verhältnis, und plötzlich steht wieder alles auf dem Spiel.
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Die Verworrenheit ist die Kraft dieses Buches
Kwinsu aus Salzburg am 15.06.2026
Bewertungsnummer: 3168921
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Als Eli seine Frau verliert, glaubt er nicht, dass er noch einmal glücklich werden kann. Doch dann lernt er Lia kennen und es beginnt prickelnd und wunderbar. Bald jedoch unterläuft ihm ein fataler Fehler, der das frische Glück zu zerstören droht. Eli baut ein Netz aus Lügen auf, das unter dessen schwerer Last zu reißen droht - doch Eli gibt nicht auf.
Zugegeben: nach dem Lesen von "Nicht" bleibt eine gewisse Verwirrtheit zurück. Was war das jetzt? Meine erste, intuitive Reaktion: genial, auch wenn ich nicht so genau weiß, weshalb eigentlich. Aber von vorne...
Der Roman beginnt etwas traurig, Eli kann sich sein Leben ohne seine verstorbene Frau nicht so ganz vorstellen, steckt in der Trauer, hat wenig Antrieb. Bei einem Abendessen mit Freunden lernt er die Musikerin Lia kennen. Mit ihr beginnt es wunderbar, von vornherein stellt sie klar, dass ihr Hund Felix für sie das Wichtigste sei, und Eli kann sich mit dem Gedanken anfreunden, neben diesem die zweite Rolle zu spielen. Das wird ihm aber zum Verhängnis, denn als Lia ihn bittet, ihn während einer Konzertreise nach Österreich zu hüten, entwischt ihm der Hund und läuft vor ein Auto. Im Schock verabsäumt er es, das Tier in eine Tierklinik zu bringen, dieser verstirbt schließlich, woraufhin ihn Eli verscharrt. Er sieht sein Glück mit Lia den Bach hinunter gehen und so beschließt er spontan zu lügen und behauptet ihre gegenüber lediglich, Felix sei ihm entwischt. Er verstrickt sich immer mehr in Lügen, auch als Lia tagelang verzweifelt immer wieder nach ihrem geliebten Hund sucht, will er von seiner Version nicht abrücken, so lange, bis ihm gar nichts mehr anderes übrigbleibt, als weiter zu lügen.
Ich bin ganz fasziniert von dem Buch: der Autor schafft es meisterlich in nur 187 Seiten eine äußerst packende und dichte Geschichte mit vielen Wendungen zu konstruieren, die seine hervorragende Beobachtungsgabe zu Tage treten lässt. Die Charaktere - allen voran Eli - sind authentisch und ihre Handlungen sind oft nicht nachvollziehbar, oft mag man den Protagonisten schütteln, um ihm zuzurufen: jetzt sag schon endlich die Wahrheit! Trotzdem konnte ich seine Entscheidungen, seinen inneren Konflikt nachvollziehen, er will um jeden Preis ein gutes Leben mit Lia, nachdem er seinen traurigen Schicksalsschlag überwunden hat. Diese selbst ist ganz eingenommen von der Suche um Felix, kann kaum noch klar denken, ist misstrauisch, hinterfragt Elis Aussagen, auch durch zutun ihres Ex Peter - doch erstaunlicherweise will sie mit Eli zusammenbleiben.
Außergewöhnlich ist die Erzählperspektive, ist sie doch in der "Du"-Form gehalten. Das gibt der ganzen beabsichtigt wirren Geschichte noch einen zusätzlichen Anreiz auf Spekulationen. Spekulieren ist ohnehin etwas, was man nach Beendigung des Romans vortrefflich tun kann, denn es bleibt vieles offen, aber nicht auf ungute Weise, sondern als Beflügelung der Fantasie. Lediglich die Frage, weshalb Elis Sohn den Kontakt mit ihm abgebrochen hat, hätte ich gerne gewusst, konnte es aber aus dem Text nicht herauslesen. Das ist auch das Schöne am Buch: es gibt einige Nebenschauplätze, man erfährt viel nebenbei über Eli und auch wenn nicht alles aufgelöst wird, entsteht ein schlüssiges Charakterbild des Protagonisten. Ein Psychogramm eines Lügners, der auf ein Gegenüber trifft, das diese Lügen akzeptiert - warum auch immer.
Das hohe Tempo des Romans, die Verworrenheit, die Unklarheiten, die zahlreichen Lügen - das mag nicht allen Leser*innen gefallen. Ich war gefesselt von der speziellen Art, wie das Buch geschrieben wurde und von der Story, die fast schon Richtung Krimi geht. Und "Nicht" wird sicher nicht das letzte Werk des Autors sein, das ich lesen werde!
Lesepraline
hamburg.lesequeen aus Bargfeld-Stegen am 10.06.2026
Bewertungsnummer: 3163386
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
NICHT
Dror Mishani
ET: 22.04.26
Der 52-jährige Witwer Eli lernt bei einem Abendessen bei Freunden die Cellistin Lia kennen. Eigentlich hatte er geglaubt, dass sein Liebesleben mit dem Tod seiner Frau beendet sei. Doch Lia zeigt Interesse an ihm. Sie verabreden sich, sprechen über seine bereits erwachsenen Kinder, ihre Berufe, die große Liebe zu ihren Hunden und gemeinsame Interessen. Schnell merken beide, dass sie mehr voneinander erfahren möchten und sich eine Beziehung vorstellen können.
Eli hat Schmetterlinge im Bauch und blickt plötzlich wieder hoffnungsvoll in die Zukunft. Doch dann eröffnet ihm Lia, dass sie für einige Tage nach Wien reisen muss, um dort ein Konzert zu geben. Sie bittet ihn, während ihrer Abwesenheit auf ihren Hund in ihrer Wohnung aufzupassen ...
Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine große Lüge, die Eli nicht aufdecken möchte, weil er fürchtet, Lia zu verlieren. Dennoch ist dies kein Spannungsroman im klassischen Sinn. Stattdessen entwickelt Dror Mishani ein psychologisches Kammerspiel, das einen zunehmend verunsichert. Mit jeder Seite verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Vorstellung ein wenig mehr, bis man sich schließlich selbst fragt, was eigentlich wahr ist.
Diese kleine Lesepraline umfasst gerade einmal 186 Seiten. Für einen Nachmittag habe ich mich ganz auf die wunderschöne Sprache des israelischen Autors und seinen außergewöhnlichen Erzählstil eingelassen. Ein leiser und kluger Roman.
Gerne empfehle ich euch dieses Buch.
4½/5
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