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»Ein imposantes, autobiographisch gefärbtes Epos« Der Spiegel
Ein Mädchen, Arbeiterkind, voller Neugier und Lebenswille sieht sich im Käfig einer engen katholischen Dorfgemeinde gefangen. Sie stößt an die Grenzen einer Welt, in der Sprache und Phantasie nichts gelten. Fast zerbricht sie an der Härte und Verständnislosigkeit der Eltern, die sie in den eigenen Lebensgewohnheiten festhalten wollen. Im Deutschland der fünfziger und frühen sechziger Jahre sucht das Mädchen seinen Weg in die Freiheit: die Freiheit des verborgenen Worts.
Ausstattung: JUBILÄUMSAUSGABE
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Milieustudie über die junge Bundesrepublik
Astrid Z. am 19.08.2024
Bewertungsnummer: 2271436
Bewertet: eBook (ePUB)
Das Buch ist in einer wunderbaren, gut zu lesenden Sprache (bis auf einige Begriffe im Kölschen Dialekt) geschrieben, richtig poetisch. Ulla Hahn kann sehr gut mit Wörtern, Formulierungen und Schilderungen umgehen. Und gleichzeitig schildert sie das Leben einer einfachsten Arbeiterfamilie in den 50er und frühen 60er Jahren in Deutschland, welche mit Hilla, der Ich-Erzählerin, die Bücher, Sprache und Wörter liebt und sich eine höhere Bildung wünscht, überhaupt nichts anfangen kann. Das harte Verhalten der Familie gegenüber Hilla, insbesondere das Verhalten des strengen Vaters, welcher glaubt, dass Hilla sich für etwas Besseres und ihre Familie nicht für "gut genug" hält, zeigt von Überforderung und Hilflosigkeit. Der einzige in der Familie, der Hilla versteht, ist ihr Großvater, obwohl auch er kaum lesen und schreiben kann. Dennoch bringt er ihr Fantasie und Poesie bei. Hilla selbst wird als Person dargestellt, die zwar nach Höherem strebt, aber gleichzeitig auch ihre Familie liebt, und die Familie auch Hilla - gut veranschaulicht, als ihr Vater mit ihr in die Stadt fährt und ihr eine Menge Wünsche erfüllt, bis auf ein Lexikon (ooch, immer diese Bücher). Manchmal stolperte ich beim Lesen über die Begriffe im Kölschen Dialekt, aber immer wusste ich aus dem Kontext heraus, was gemeint war. Spannend wurde es für mich, als Hilla in ihrem Lehrbetrieb immer unglücklicher wurde und zu trinken begann - wird sie es schaffen, sich aus ihrer Situation zu befreien, oder wird sie am Ende zerbrechen und alkoholkrank werden? Ich empfehle das Buch jedem, der gerne detailreiche Milieuschilderungen mag und sich ein Bild von der Bundesrepublik der 50er Jahre machen will.
Das verborgene Wort
Sabine aus Köln am 08.12.2023
Bewertungsnummer: 2084193
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Das Buch steht schon sehr lange ungelesen bei mir im Schrank, und wieder ist es so, dass ich mich darüber ärgere, denn es hat mich sehr begeistert und musste daher viel zu lange warten, endlich gelesen zu werden.
Hille Palm wächst im Nachkriegsdeutschland in Dondorf, nahe Köln auf. Ihre Eltern sind „einfache“ Menschen, Arbeiter, die sich auf Platt unterhalten und sich wenig Gedanken machen – alles wird so angenommen, wie es immer schon war, kaum etwas wird hinterfragt. Hilla ist anders, sie ist neugierige und fragt eine ganz Menge, sie hat ein Buch mit schönen Wörtern und Sätzen und spricht – anders als ihre Familie – Hochdeutsch. Damit eckt sie an und muss sich ihren Weg erkämpfen.
Es passiert nicht viel in dieser Geschichte, und trotzdem war ich von Anfang an gefesselt. Und mir ist bewusst, dass dieses Buch nicht für jeden etwas ist – ich glaube, man muss schon ein bisschen Bezug zum Rheinland haben, um sich Hillas Geschichte zu erlesen, denn viele Dialoge sind in Dialekt geschrieben, was ich großartig fand, weil es mir ein Lebensgefühl und eine ganz eigene Atmosphäre vermittelt hat, was aber auch anstrengend war zu lesen, weil ich mir diese Sätze selber vorlesen musste.
„Nä, widersprach die Tante. Esch wes nit mi, wat für ene Film dä gemeent hät, ävver he hät jesät, die Filme us dänne ihre Kammer wöre Schweinefoder. Do han se en affjeholt.“ (Seite 98)
Ich hatte viele Bilder im Kopf, nicht weil es langatmige Beschreibungen gibt, sondern weil die Autorin verstanden hat, ihre Figuren durch ihr Tun und Reden zum Leben zu erwecken. Ich bin wirklich eingetaucht in die Geschichte und habe das Buch zwar langsam, aber mit viel Freude gelesen und war neugierig, welchen Weg Hilla gehen wird.
Zu Beginn ist sie neun Jahre alt und ihr Weg scheint vorgezeichnet – am Ende dieses Bandes ist sie Anfang zwanzig und wird – entgegen aller Stimmen – auf ein Gymnasium gehen. Man begleitet Hilla im Kindergarten, in der Volksschule, beim Arbeiten am Band und auch bei den ersten Liebschaften – also ein ganz „gewöhnliches“ Aufwachsen im Nachkriegsdeutschland.
Die Sprache ist sehr eindringlich – die Abschnitte auf Platt waren für die Atmosphäre unabdingbar, aber auch fernab dieser Passagen bedient sich die Autorin eines ganz besonderen Stils. Er ist ruhig und “unspektakulär“, mit vielen Adjektiven, sehr direkt und klar und ohne Schnörkel oder blumige Ausschweifungen. Es ist nicht immer leicht zu lesen, vielleicht auch, weil wenig Konkretes passiert, ich aber bin gerne eingetaucht in diese Geschichte.
Hilla ist ein besonderes Mädchen – sie passt nicht so recht in ihre Familie, geht mit offenen Augen durch die Welt, sagt auch ihre Meinung, was aber nicht gewünscht ist; und so eckt sie auch häufiger an und muss sich immer wieder behaupten. Und trotz vieler mühsamer und demütigenden Situationen gibt sie nicht auf und setzt sich durch.
Ihren Großvater mochte ich auch, er scheint der Einzige in der Familie, der weiß, mit Hillas Neugier umzugehen, indem er tolle Geschichten erfindet und sie ihr erzählt – daraus resultieren dann Erinnerungen, die Hilla auch ihr weiteres Leben nicht vergisst; einfach schön.
Bei Hillas Vater könnte man meinen, er ist ein Griesgram; ich glaube aber eher, dass er in seinem Leben feststeckt und kein Interesse hat, Dinge zu hinterfragen oder sie gar zu ändern. Für ihn muss alles in der ewig gleichen Routine ablaufen, ein Abweichen ist für ihn kaum möglich und Prügel die einzige Methode, seinen Willen durchzusetzen – dass er und seine Tochter Hilla, die ja vieles hinterfragt, ein schwieriges Verhältnis haben, kann man sich vorstellen. Hillas Mutter versteckt sich gerne hinter ihrem Ehemann und schiebt ihn vor, wenn Hilla wieder etwas gemacht hat, was nicht im Sinne der Eltern war: „Waat, bes dä Papp no Huus kütt“.
Dies ist der erste Band einer vierteiligen Reihe und ich möchte unbedingt weiterlesen – wer sich für dieses Buch interessiert, sollte unbedingt in eine Leseprobe reinlesen, denn die Sprache ist schon besonders, und sicher kann damit nicht jeder etwas anfangen.
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