Wir ändern uns - auch im Denken. Wolf Biermann hat dafür die knappste Formel gefunden: "Ich bin immer häufiger nicht mehr meiner Meinung." Dieses Staunen über sich selbst ist der Ausgangspunkt dieses Buches. Die Herausgeber Ulli Kulke und Reinhard Mohr versammeln zwölf Autorinnen und Autoren, fast alle geprägt von 68, linken Milieus oder der grünen Bewegung. Sie fragen sich, wie es dazu kam, dass sie heute nicht mehr von der Revolution träumen und nicht mehr an den Sozialismus glauben; dass sie den Staat weder verteufeln noch vergöttern; dass Marktwirtschaft, parlamentarische Demokratie und Rechtsstaat für sie zu den großen Errungenschaften zählen; und dass ihnen die Freiheit so wichtig ist, dass sie auf betreutes Denken und Sprechen gut verzichten können. Erzählt wird anschaulich und persönlich: von Irrtümern und Kurskorrekturen, von Widersprüchen, von komischen und bitteren Momenten. Denn kaum etwas ist schwerer, als sich von einem vertrauten Weltbild zu lösen, das zur geistigen und emotionalen Heimat geworden ist.
Warum also tut man das? Gab es einen Moment, der alles drehte? Oder viele kleine Anstöße - in der Uni, im Beruf, im Privatleben? Vielleicht war es auch nur Rudi in der WG, der 1977 den Parmaschinken aus dem Kühlschrank nahm und billige Bierwurst zurücklegte: eine lächerlich-kleine, doch sprechende Ungerechtigkeit im selbstverwalteten Kollektiv. Wie hält man den Abschied von der alten Gruppe aus, den Verlust von Freunden? Glaubt man danach an gar nichts mehr - oder bildet sich heimlich eine neue Blase, in der Kritik an Ideologien selbst zur Ideologie wird?
Über allem schwebt die Rede vom "Rechtsruck". Anders als in Frankreich, wo "la Gauche" und "la Droite" seit jeher zwei feste Größen sind, hat sich hierzulande in den letzten Jahren eine bequeme Gleichung eingebrannt: Wer nicht links oder wenigstens grün ist, gilt als rechts. Und wer rechts ist, steht schnell unter dem Verdacht, eigentlich rechtsradikal zu sein - also Nazi. Diese Abkürzung ersetzt kein Argument.
Darauf antworten Ulrike Ackermann, Henryk M. Broder, Mathias Brodkorb, Monika Gruber, Antonia Grunenberg, Hubert Kleinert, Monika Maron, Harald Martenstein, Dieter Nuhr, Andreas Rebers, Samuel Schirmbeck und Peter Schneider mit ihren eigenen Geschichten: offen, konkret, widerspruchsbereit - und der Wirklichkeit zugewandt. Spannend wie ein Roman liest man, wie aus Erfahrungen Einsichten werden. Nicht als Bekenntnis, sondern als ehrliche Bilanz.
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Bürgerliche, normale Menschen berichten über ihren Werdegang
BK am 16.05.2026
Bewertungsnummer: 3139984
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Vor kurzem habe ich mir eine dieser gepflegt moralisierenden Grünen-Veranstaltungen gegönnt, garniert mit Andreas Rebers als intellektuellem Feigenblatt. Rebers sprach – wie so oft – in einer derart kunstvoll verschachtelten Sprache, dass man fast meinen konnte, die Botschaft solle nicht verstanden, sondern nur bewundert werden. Zwischen den Zeilen allerdings blitzte etwas durch, das im Saal offenbar niemand hören wollte: dass er sich innerlich längst vom gewohnten links-grünen Wohlfühlkonsens verabschiedet hat.
Umso erfrischender ist dieses Buch. Hier verzichtet Rebers endlich auf das übliche rhetorische Versteckspiel und formuliert klar, was Sache ist. Sein Werdegang liest sich wie eine kleine Bildungsreise durch die Irrtümer der Gegenwart: vom Bauarbeiter in Saudi-Arabien über den engagierten, aber etwas naiven Mitläufer im kommunistischen Milieu bis hin zum ernüchterten Realisten, der den Mut hat, das Offensichtliche auch auszusprechen. Eine Entwicklung, die manch anderem im kulturellen Betrieb offenbar noch bevorsteht – oder bewusst vermieden wird.
Besonders pikant wird es, wenn er sich mit Themen auseinandersetzt, die im öffentlichen Diskurs gern mit Samthandschuhen angefasst werden. Während hierzulande noch darüber diskutiert wird, ob Realität womöglich eine Frage der Perspektive ist, stellt Rebers unbequeme Fragen – und nimmt Aussagen auch einfach mal beim Wort. Ein fast schon altmodischer Ansatz, der in Zeiten wohltemperierter Empörung fast revolutionär wirkt.
Die satirische Schärfe, mit der er Enzensbergers „Schreckensmänner“ aufgreift und diese mit der Islamisten Polka zuspitzt, trifft dabei ins Schwarze. Man merkt schnell: Hier schreibt keiner mehr, um dazuzugehören, sondern um anzuecken. Und das tut gut. Denn die eigentliche Provokation ist nicht der Inhalt, sondern die Tatsache, dass jemand überhaupt noch wagt, ihn auszusprechen. Warum nimmt man diese Leute nicht beim Wort?" Mehmet Görmez, der die Moschee in Köln zusammen mit Erdogan einweihte, meinte: "Deutschland ist eine Kultur im NIedergang, und wer für unsere Leute predigt, bestimmen wir allein."
Kurz gesagt: ein Buch, das weniger gefallen will als vielmehr wachrüttelt. Und gerade deshalb sollte es von denen gelesen werden, die beruflich damit beschäftigt sind, die Wirklichkeit zu erklären – also Lehrern, Journalisten und all jenen, die meinen, sie hätten sie längst verstanden. Vielleicht hilft es ja, den einen oder anderen gedanklichen Autopiloten abzuschalten.
Oder, um es etwas weniger diplomatisch zu sagen: Es wäre langsam an der Zeit, nicht nur laut „Haltung“ zu rufen, sondern auch den Inhalt dieser Haltung zu überprüfen.
Hervorragend
Bewertung am 30.03.2026
Bewertungsnummer: 3094912
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Habe mich (Jahrgang 57) in diesen Texten wiedergefunden. Bin auch bei Demos in den 70ern auf die Strasse gegangen, ohne zu wissen, was ich da eigentlich genau mache. War einfach lustig und man kam sich herrlich anarchistisch vor. Vor allem in Monika Grubers Erzählung kann ich mich, auch aus Bayern, hineinversetzen. Bin auch heute nicht rechts, aber konservativ und liebe mein Zuhause, sprich meine Heimat. Isso
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