Salomé Abergel – genannt Salma – verschwindet auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Wer war diese jüdisch-marokkanische Künstlerin und ehemalige politische Dissidentin? Ein loser Kreis von Außenseitern mit ganz unterschiedlichen Migrationsgeschichten begibt sich auf ihre mysteriöse Spur: ihr Sohn, ihre Agentin, ihr ehemaliger Peiniger. Von Salomés verlassenem Haus in Amsterdam führen die Wege nach Paris, Tunis, Casablanca – und tief ins Herz der eigenen Sehnsüchte. Schmerzliche Erinnerungen werden wach, Wunden, die vergessen schienen ... »Oroppa« ist ein schwindelerregender, exzessiver Roman, der Grenzen ins Wanken bringt.
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Außerordentliche Erzählkunst
MarieOn am 17.02.2026
Bewertungsnummer: 3048743
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Salomé Abergel liegt in dem Bett, in Hbibs Haus, die Arme erhoben und schreit. Es sieht aus, als würde sie den Sensemann persönlich würgen. Eigentlich müsste sie längst tot sein. Sie wiegt nur noch vierzig Kilo, der eine Lungenflügel ist zusammengefallen, der andere kämpft mit einem Bakterium. Aber dieses Schreien.
Hind stolpert mit ihrem Koffer und einem Beutel die Rivierenburt entlang, high wie drei Piloten. Sie war eine halbe Stunde zu spät und Hbib Lebyard war nirgends zu sehen. An der Haustür steckte der Schlüssel, so ein Glück, aber er ließ sich nicht drehen. Er hatte ihr das Haus einer Freundin angeboten, einer Künstlerin, Salomé Abergel. Hild arbeitete schon eine Weile in seiner Imbissbude. Zuerst war sie skeptisch, auch weil das Bewohnen sie nichts kostete. Sie sollte bloß ein bisschen sauber machen, die Blumen gießen und den Keller meiden. Hind wollte unbedingt aus dem Dachgeschoss bei Coy Mudden raus, die ihr einen Gott nahebringen wollte, der keine Nordafrikaner mochte und so nahm sie das Angebot an.
Nachdem sie eine Weile am Türschloss rumgefummelt hatte, trat sie doch in das Innere des großen alten Backsteinhauses ein und spürte direkt Beklemmungen. Nach den knarzenden Flurdielen stieß sie auf ein riesiges Bücherregal und dicke Vorhänge, die jedes Licht absorbierten. Auf dem Couchtisch eine Hand aus Glas, die sich ihr fordernd entgegenstreckte. Das Hauptschlafzimmer sah aus, als sei es gerade verlassen worden. Papiere und Kleidung auf dem Boden verteilt. Sie wird bald Hbib anrufen müssen und ein paar Fragen klären.
Fazit: Safae El Khannoussi schleift mich in ihrem mehrfach ausgezeichneten Romandebüt in rasantem Tempo durch unterschiedliche Szenerien. Gleich einem Puppenspieler hält sie mehrere Fäden in der Hand, die sie bis zum Ende souverän übers Parkett führt, das ist schon große Kunst. Sie lässt mich eine Menge Menschen kennenlernen, die allesamt richtig gut gezeichnet sind. Die Geschichte ist düster, führt mich in die Folterkeller Marokkos, der späten 70-er-Jahre, nach Paris und Amsterdam. Da ist die jüdisch-marokkanische Malerin Salomé, auf der Flucht vor einer zweifelhaften Galeristin, ihr Sohn, der im marokkanischen Gefängnis zur Welt kam und sich für einen großen Abstand zur Mutter entschieden hat. Salomés ehemaliger Folterknecht, sucht sie kurz vor seinem Tod persönlich auf. Da sind die „sieben Schläfer“, die sich regelmäßig im Rainblow City, dem Coffeeshop, im orangefarbenen Schein zweier lebensgroßer Lavalampen treffen. Was wie ein Mystery-Roman beginnt, entpuppt sich zu einer Odyssee, ähnlich des Films „Short Cuts“ von Robert Altman, in dem ich blitzartige Eingebungen erhalte, die zum Ende hin miteinander verbunden werden und Sinn ergeben. Die Autorin schreibt über die Auswirkungen des Postkolonialismus, Europa als Auffanglager traumatisierter und mehr oder weniger gescheiterter Existenzen. Darüber, wie es sich anfühlt, jahrelang ohne Papiere leben zu müssen, also keine nachweisbare Identität zu haben. Ich muss gestehen, dass die Geschichte mich herausgefordert hat, weil mir lange nicht klar wurde, wohin die Reise geht. Wer allerdings in der Lage ist, das Gelesene wie ein Puzzle zusammenzusetzen, der wird mit einer außerordentlichen Erzählkunst belohnt, die etwas mitzuteilen hat.
Europa durch die Augen seiner Randgestalten
nathalielamieux am 17.02.2026
Bewertungsnummer: 3049207
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Ich habe "Oroppa" von Safae El Khanussi gern gelesen, obwohl mir der erzählerische Aufbau einiges abverlangt hat. Der Roman entfaltet sich nicht linear, sondern in vielen versetzten Blickwinkeln, die sich zu einem vielstimmigen Bild von Europa und seinen Randzonen zusammensetzen – das ist anspruchsvoll, aber sprachlich faszinierend.
Im Zentrum steht die geheimnisvolle Salomé Abergel, eine jüdisch-marokkanische Künstlerin und ehemalige politische Aktivistin, die auf dem Höhepunkt ihres Ruhms plötzlich verschwindet. Nach ihrem Verschwinden gerät ihr Umfeld in Bewegung: Ein loser Kreis von Außenseiter*innen – Menschen mit unterschiedlichsten Migrationsgeschichten – macht sich auf die Suche nach ihr und begegnet dabei eigenen Sehnsüchten, Verzweiflungen und Fragmenten ihrer Vergangenheit. Ihre Wege führen von Amsterdam über Paris bis nach Tunis, Casablanca und darüber hinaus, während die Erinnerungen von Salomé und den Suchenden ein Geflecht aus Geschichten weben, das mehr erahnt als erklärt.
Die Stärke des Buches liegt in dieser polyphonen, kaleidoskopischen Erzähltechnik: Erinnerungen, Anekdoten und Perspektiven überlagern sich, das Erzählen selbst wird zum Thema. Das kann anstrengend sein, weil man sich ständig neu orientieren muss, aber es macht das Lesen auch zu einem intensiven Erlebnis.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Sprache: Sie ist kraftvoll, sinnlich, manchmal überraschend humorvoll, dann wieder scharf in der Analyse von Macht, Identität und Migration. El Khanussi schafft starke Bilder und Figuren, die trotz oder gerade wegen ihrer Brüchigkeit lebendig bleiben. Hervorragend übersetzt von @trabslatoese Stefanie Ochel.
Oroppa ist kein einfaches Buch, doch gerade in seiner Form liegt seine Kraft – ein Roman, der Europa durch die Augen seiner Randgestalten sieht und dabei eine Literaturform findet, die genauso viel erzählt, wie sie offenlässt.
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